Transformation

Die politische Gemeinde als Übungsfeld der Erneuerung

Hanspeter Schmutz Wer sein Dorf, die Region oder das Stadtquartier mit andern Menschen zusammen auf einen werteorientierten Kurs bringen möchte, muss sich nicht nur auf die «richtigen» Werte ausrichten, sondern auch den Blick fürs Ganze schulen und ein systemisches Denken entwickeln. Die christliche Gemeinde ist dafür Vorbild und Übungsfeld.

In einem durchschnittlichen Gemeinderat schaut jeder auf sein Ressort und kämpft um einen möglichst guten Platz bei der Vergabe der knappen Mittel. Eine politische Gemeinde kann aber nur dann ausgewogen entwickelt werden, wenn die verschiedenen Aspekte des Dorfes ineinander greifen können. Dabei ist jeder Einzelne wichtig.

Die politische Gemeinde als Leib
Bei WDRS-Beratungen1 vergleiche ich das Dorf, die Region oder ein Stadtquartier oft mit einem Leib – und knüpfe dabei bewusst beim bib-lischen Bild der christlichen Gemeinde als «Leib Christi» an.
Die Glieder dieses «Dorfleibes» sind die unterschiedlichen Teilsysteme. Dazu gehören die einzelnen Quartiere und der Dorfkern; Schulen, Läden, Unternehmen, Landwirtschaftsbetriebe und Restaurants; Familien, Singles, ältere Menschen und Randgruppen; Parteien und Vereine und – die Kirche.
Ein besonderes Gewicht haben die politischen Behörden, die Gemeindeverwaltung – und letztlich auch die Gemeindeversammlung: Als Haupt ermöglichen, verstärken (oder hindern) sie die Entwicklung des Dorfes.
Dank den Nerven – den Beziehungen – kommen die verschiedenen Glieder miteinander in Kontakt. Wer die Teilsysteme mit Linien verbindet und dabei die Nähe und Qualität der Beziehungen berücksichtigt, erfährt mit diesem visualisierten Beziehungsgeflecht viel über die Dorfgemeinschaft. Es wird sofort deutlich, wo Vernetzungsarbeit, Konfliktbearbeitung oder soziale Hilfe nötig sind, um das Dorf zu stärken.
Die Umwelt ist die Haut, die den Dorfleib umhüllt: also Luft und Boden, Fauna und Flora, Wald, Gärten und Gewässer. Die Umwelt hat keine menschliche Stimme und wird deshalb oft überhört. Aber gerade der Zustand der natürlichen Räume ist entscheidend für die Lebensqualität aller Beteiligten.
Das Skelett des Dorfleibes wird von der Infrastruktur gebildet: Hier geht es um Strassen und Wege, Leitungen und öffentlich genutzte Gebäude. Dieser Aspekt der Dorfentwicklung gewinnt in der Regel rasch die Aufmerksamkeit der Politiker. Hier kann man sich Denkmäler setzen, und man ist rasch bereit (und manchmal auch gezwungen), viel Geld auszugeben.
Der Stoffwechsel ist in der Ver- und Entsorgung eines Dorfes abgebildet. Angesprochen sind etwa die Bereiche Frischwasser und Abwasser, Energieversorgung und Beleuchtung, Abfall und Kompostierung.
Die Wirtschaftskreisläufe im Dorf entsprechen den Blutbahnen. Es ist entscheidend, dass innerhalb des Dorfes ein wirtschaftlicher Austausch stattfindet: Durch das Einkaufen und die Verpflegung im Dorf und bei den lokalen Bauern, dank dem Einbeziehen einheimischer Handwerker und Betriebe und der damit verbundenen direkten und persönlichen Qualitätskontrolle ist es möglich, vor Ort eine lokale Konjunktur zu schaffen. Im Bild gesprochen: Der Blutkreislauf wird angekurbelt und der Körper blutet nicht aus.
Die Muskeln des Dorfleibes zeigen sich in den Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken des Dorfes, die es sorgfältig zu analysieren gilt.
Das Herz der Dorfgemeinschaft wird gebildet durch die gemeinsamen Werte wie etwa Gemeinschaft, Wahrheit und Liebe, Gleichheit und Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe und durch eine gemeinsame Vision. Gemeinsame Werte sind heute nicht mehr selbstverständlich. Sie müssen ausgehandelt, festgehalten und in konkreten Entwicklungsschritten auf dem Weg zum Ziel umgesetzt werden. Ohne diesen Herzschlag geht eine Gemeinde früher oder später zugrunde – oder wird unfreiwillig fusioniert.
Zur Seele gehören die Geschichte, der Charakter und die Identität des Dorfes. Diese Aspekte sollen und dürfen in der Entwicklung ernstgenommen werden.
Bleibt noch der Geist2. Dazu gehören die Fluch- und Segensspuren einer Dorfgemeinschaft – und die Kirche, verstanden als Gesamtheit der Christen vor Ort. Sie sind entscheidend wichtig für die geistliche, menschliche und strukturelle Entwicklung des Dorfes.

Die Aufgabe der Christen
All diese Aspekte sind voneinander abhängig und beeinflussen einander gegenseitig. Christen kennen dieses Denken aus der kirchlichen Gemeinschaft – dem Leib Christi. Sie sind deshalb hervorragend geeignet, segensreiche Entwicklungen vor Ort anzuregen und durchzutragen, zusammen mit allen weiteren Menschen guten Willens. So können sie glaubhaft auf den verweisen, der unsere Welt zusammenhält3.


1  Werteorientierte Dorf-, Regional- und Stadtentwicklung (WDRS), siehe: www.dorfentwicklung.ch
2  Im biblischen Sinne als geistliche Dimension verstanden (nicht als «Verstand»)
3  Kol 1,15-17

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch  

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