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Alte Tugenden feiern Auferstehung

Hanspeter Schmutz Kreative und gute Ideen atmen den Geist dessen, der uns geschaffen hat. Sie gehören sozusagen zur vom Schöpfer geschenkten Grundausstattung des Menschen. Wir finden sie in der Bibel – und nicht selten auch in den täglichen Neuigkeiten, die uns per Medien ins Haus oder auf das Smartphone geliefert werden. Die folgenden zwei Trends gegen den Zeitgeist zeigen, dass man nicht zwingend an Gott glauben muss, um vom Schöpfer inspiriert zu werden. Bekanntlich weht der Heilige Geist, wo er will.

Der Betriebswirtschafter Reto Weishaupt (32) lebt in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung in der Stadt, die er mit Secondhandmöbeln ausgestattet hat. Er arbeitet bewusst nur Teilzeit. Sein Velo – ohne Elektromotor – ist nebst den Füssen das Transportmittel seiner Wahl. Über seinen Lebensstil sagt er: «Ich bin in vielen Dingen genügsam, so koche ich am Abend selten und ernähre mich von Rohkost. Meine Zufriedenheit mit wenig gibt mir Ruhe, Raum und Zeit. Ich bin fit, gesund und ausgeglichen. Ich schlafe lange und gut, bin auf die wesentlichen Dinge fokussiert1.» Auch wenn er als «Sünden» ein bis zwei Flugreisen pro Jahr und das Essen von Fleisch («weil ich es gerne habe») angibt, steht Weishaupt für einen neuen Trend: die Suffizienz als «Kunst des genügsamen Lebens». Die Vertreter dieses Trends wollen nicht sparen, sondern «die Lust am Verzicht» zelebrieren.
Laut Suffizienzforschern sind «Entschleunigung, Entflechtung, Entkommerzialisierung und Entrümpelung die wesentlichen Komponenten der Mässigung». Was ein suffizienter Lebensstil für ein gutes Leben bedeuten kann, wird zur Zeit in einem Projekt an der Uni Bern untersucht.

Dazu passend macht Weishaupt auch beim Ausleihprojekt «Pumpipumpe»2 mit. Und folgt damit einem zweiten Trend: dem des «Sharing» – des Teilens. Das geht z.B. so: «In jedem Haushalt gibt es Werkzeuge, Küchengeräte oder Spielsachen, die man nur selten braucht und dem netten Nachbarn gerne ausleihen würde. Gleichzeitig wäre man manchmal froh, sich kurzfristig etwas vom Nachbarn auszuleihen, was man selber nicht besitzt»3, sagt Ivan Mele, einer der Mitbegründer von «Pumpipumpe». So prangen im Berner Länggassquartier an einzelnen Briefkästen hellblaue Kleber mit Symbolen wie Hammer, Bohrmaschine, Leiter, Bananenschachtel oder Kabelrolle. Zur Zeit sind über 40 Motive im Angebot. Damit sollen leihfreudige Nachbarn und ihre Gegenstände sichtbar gemacht werden. Dabei kann man nicht nur das Anhäufen von unnötigem Besitz vermeiden, sondern gleichzeitig auch noch die Nachbarn besser kennenlernen. Und das ist insbesondere in Städten ja manchmal alles andere als einfach. Auf dem Land reicht dazu vielleicht ein Gespräch über den Gartenzaun oder im sonntäglichen Kirchenkaffee.
Teilen kann man bekannterweise auch Autos. Mitgliedern und Genossenschaftern von «Mobility»4 stehen unterdessen schweizweit 2650 Fahrzeuge in 8 Kategorien zur Verfügung – vom günstigen Citroen C 1 bis zum Mercedes Vito Transporter. Das Geschäft mit dem Teilen macht aber auch nicht Halt vor Booten und umfasst – das würde uns zumindest nicht überraschen – wahrscheinlich auch Kleinflugzeuge.
Wie auch immer: Irgendwann verkehrt sich wohl auch dieser «Trend» ins Absurde. Spätestens dann, wenn darunter die Genügsamkeit bzw. die Mässigung leidet.

Suffizienz und Sharing – dieser Doppeltrend ist erfreulich. Er wurzelt, wie so vieles Gute, u.a. auch in der Bibel. In Erwartung der baldigen Wiederkunft ihres Herrn teilten bekanntlich die ersten Christen ihre Besitztümer und lebten genügsam in verbindlichen Gemeinschaften zusammen. Die Mässigung ist auch eine der sieben Kardinaltugenden und damit ein Grundanliegen der mittelalterlichen Kirche. Gut, dass diese alten Tugenden zu neuen Trends auferstehen – mit und ohne Christen.

1  «Vom Glück der Genügsamkeit» in der Kundenzeitschrift «1to1 energy forum» 1/14
www.pumpipumpe.ch
3  SRF News Regional vom 28.4.14, srf.ch
www.mobility.ch


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

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