Pater Ben

«Heimat ist dort, wo Gott ist»

Interview: Ruth Maria Michel Kann ein afrikanischer Missionar in Steinhausen Heimatgefühle entwickeln? Ein Gespräch zum Thema «Heimat» mit dem Steyler Missionar Pater Ben aus Benin und Steinhausen.

 

Magazin INSIST: In einem Satz, Pater Ben: Was ist Heimat für dich?
Pater Ben: Heimat ist für mich da, wo ich mich wohlfühle und Liebe und Geborgenheit ganz konkret spüren kann.

Heimat hat für dich nichts zu tun mit einem geografischen Ort?
Das Wort «Heimat» lernte ich erst mit der deutschen Sprache kennen. In meiner Muttersprache wie auch in der französischen Sprache spricht man von «pays d’origine» oder «pays natal».

Wo bist du daheim?
Jetzt bin ich daheim in meinem Orden in Steinhausen. Das heisst jedoch nicht, dass ich meinen Geburtsort oder meine Kultur wegschiebe.

Wie kamst du aus deinem «pays d’origine» Benin in dein Daheim Steinhausen?

Das war ein Weg, der mich zur Berufung in eine Ordensgemeinschaft führte.

Wie hast du gemerkt, dass dies deine Berufung ist?
(lacht) Alles begann mit dem Aussehen des Pfarrers. Ich fand ihn so schön angezogen mit seinem Talar. So wurde ich schon als Vierjähriger Ministrant. Es machte mir Spass, neben ihm zu stehen oder zu knien. Ich wollte wissen, wie man Pfarrer wird. Mit 12 Jahren trat ich ins Kinderpriesterseminar ein. Doch nach fünf Jahren trat ich wieder aus, weil mir die Disziplin zu streng war. Ich ging ans Gymnasium und an die Universität und wurde Lehrer. Aber die innere Stimme war immer noch da. Gott beruft sehr unterschiedlich. Gott nahm etwas Alltägliches, nämlich die Äusserlichkeit der Priesterkleidung, die mir gefiel, als Anfangsimpuls, mit dem er mich rief. Erst später spürte ich tief in mir, dass ich in einer Gemeinschaft und mit den Menschen leben und ein Werkzeug Gottes in der Welt sein möchte.

Was macht die Kirche zu deinem Zuhause?

Meine Eltern entschieden, mich auf die Welt und auf den Weg zum Glauben zu bringen. Wir beteten in der Familie. Und in der Kirche, die nur zwei Minuten von zuhause entfernt war, wurde fröhlich gebetet, gesungen und gefeiert. Das hat mir immer gefallen.
Ich sage jeweils den Taufeltern bei jedem Taufgespräch: Ob dieses Kind die Kirche einmal als Heimat erfahren wird, liegt an euch. Dass Kirche Heimat ist, kommt nicht von alleine: Man lernt, zuhause zu sein.

Die (katholische) Kirche ist auch eine Institution mit vielen, zum Teil verkrusteten Strukturen.
Ich empfinde die Struktur der Kirche als hilfreich, weil in jeder Kirche – ob Baracke oder Dom – die Atmosphäre überall gleich ist. Ein Kreuz, ein Altar, ein Tabernakel: Das vermittelt Heimatgefühl, unabhängig davon, ob ich Land, Sprache und Kultur kenne oder nicht. Zweitens ist es ein Gewinn, dass der Messfeier eine kluge Pädagogik zu Grunde liegt. Der Ablauf des Feierns ist klar, ob der Gottesdienst lebendig oder ruhig, langweilig oder relativ frei gestaltet ist. Lebendigkeit liegt an der Kultur, an den Menschen; an der Person des Vorstehers – und auch den Teilnehmenden. Fröhlich singen und tanzen gibt mir von meiner Kultur her Heimatgefühl.

Was hat Kultur mit Heimat zu tun?

Ich bin seit vier Jahren in der Schweiz. Die Kultur, die ich hier erlebe, ist noch nicht so stark entfaltet wie meine Ursprungskultur. Kultur hat auch mit Genen zu tun. Auch wenn ich Schweizerdeutsch lerne, kann ich doch meine Gene nicht ändern. Ich bleibe «Beninois».

Meister Eckhart schrieb: «Nussbaums Same wächst zum Nussbaum, Birnbaums Same wächst zum Birnbaum, Gottes Same wächst zu Gott.» Du sprachst von Genen. Pater Ben, was macht deine tiefste Identität aus?

Ich bin ein einmaliges Geschöpf Gottes. Und ich wachse genau zu dem, was Gott in mich hineingelegt hat: zu meiner Berufung. Das drückt meine Identität aus: Ich bin ein von Gott berufener Mensch als Steyler Missionar. Und diese Identität und Berufung lebe ich jetzt in der Steyler Gemeinschaft in Steinhausen.

Heimat und Identität haben auch zu tun mit Sicherheit.

Ja, in Christus und im Orden habe ich Heimat gefunden. Wenn ich an die vielen Flüchtlinge denke: Wo finden sie Sicherheit? Wo Geborgenheit? Wo ich sicher und geborgen bin, da bin ich zu Hause.

Hat Heimat auch etwas mit Patriotismus zu tun?
Patriotismus hat zu tun mit der Liebe zum Vaterland. Viele Menschen kennen heute ihr Vaterland nicht mehr. Da kommt in der Pfarrei beispielsweise ein Vater aus Polen, die Mutter aus Irland. Die Familiensprache mit den Kindern ist Deutsch. Liebe und Loyalität zu meiner «patrie» kann ich auch ausserhalb meines Heimatlandes leben. Zum Beispiel kommen Portugiesen oder Italiener zusammen und feiern je in ihrer Sprache Gottesdienst. Das ist auch eine Form von Patriotismus. Oder wenn die Leute bei einer Weltmeisterschaft überall ihre Landesfahne aufhängen, um ihre Heimat oder «Vaterlandsmannschaft» von ferne zu unterstützen. Patriotismus pur!

Die Bibel braucht Bilder, wenn sie von Heimat spricht.
Ja, Heimat hat mit Gott zu tun. Wir sollen uns in Gott einwurzeln. In Gott bin ich zu Hause. Wenn ich weg von Gott bin, bin ich heimatlos. Und wenn ich in ihm bin, bringe ich Frucht hervor. Das soll man erkennen in meiner Tat und meinen Worten. Das soll ausstrahlen. Ich kann nicht in Gott verwurzelt sein und Gott-los leben.

In den Klageliedern las ich «Meine Not ist gross. Ich habe keine Heimat mehr. Schon der Gedanke daran macht mich krank.» Da fällt mir das Wort Heim-Weh ein.
Nicht zu Hause sein tut mir weh. Ich vermisse mein Heim und meine Beziehungen. Für mich ist deshalb Heimat ein dynamischer Begriff und nicht immer ein Ort. Ja, ich vermisse meine Eltern und meine Kameraden. Ich vermisse die Lebendigkeit, wie man im Benin Gottesdienste feiert, und ich vermisse die Wärme Benins im kalten Schweizer Winter, wo man drei Jacken anziehen muss.

Im Philipperbrief steht «Unsere Heimat ist im Himmel ...»
Wir Menschen sind zur Gemeinschaft erschaffen. Denn Gott ist Gemeinschaft: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Kein Mensch kann für sich allein leben. Deshalb verstehe ich Heimat als Beziehung zu Menschen und zu Gott. Heimat ist nicht etwas Passives: Wir sind unterwegs von einer Heimat zur anderen. Deshalb verstehe ich die Passage im Philipperbrief als Unterwegs-Sein, gemeinsam auf den Himmel hin, in die Ewigkeit Gottes.

So wie das Neue Testament sagt, wir seien Pilger auf der Erde und unsere Heimat sei in der Ewigkeit?

Pilger auf der Erde zu sein ist für mich ein dynamisches Unterwegssein. Im Glauben bekennen wir, dass wir von Gott kommen – in die Schöpfung. Und später zu ihm zurückkehren. Wir kommen von der Heimat auf die Erde und kehren zurück in die Heimat. Gegenwärtig ist die Erde mein Zuhause, weil Heimat ist, wo Gott ist. Und Gott ist auch heute und jetzt auf der Erde. Er ist unterwegs mit mir. Ich bin unterwegs mit ihm. Ich bin jedoch mehr als ein Gast, denn ein Gast kann nicht mitgestalten. Aber wir dürfen Gott bei seinem Schöpfungswerk unterstützen. Wir sind mehr als ein Gast, wir sind Mitarbeiter Gottes auf Erden.

Das Abstimmungsergebnis der «Masseneinwanderungsinitiative» hat wohl auch mit Abgrenzung zu tun. Was haben Heimat, Identität und Abgrenzung miteinander zu tun?

Heimat, Identität und Abgrenzung haben nur politisch, ökonomisch und geographisch miteinander zu tun! Da herrscht Angst vor der Zukunft. Da fehlen Hoffnung und Zuversicht und somit auch Gottvertrauen. Aber im Glauben sollte es keine Abgrenzung geben. Da sollten wir die Lektion Jesu ernst nehmen: «Lasset alle zu mir kommen ...». Da gibt es keine Abstimmung über «Masseneinwanderungsinitiative». Gott ist ein Gott der Vielen.


(RMM) Pater Ben (Benjamin) ist jüngster Sohn von sechs Kindern, aufgewachsen in einer katholischen Familie in Benin. Seine Ordensausbildung erlebte er in Togo und Ghana. In Deutschland studierte er Theologie und engagierte sich dann in der Jugendarbeit. Bei Wanderwochen in Savognin lernte er die Steyler Missionare von Steinhausen kennen, zu deren Orden er gehört.

To top