Der Boden der Heimat

Platz für 11 Millionen?

Thomas Noack «Die Bevölkerung der Schweiz ist 2013 um 1,2 Prozent gewachsen.» Dies der sachliche Titel der Medienmitteilung des Bundesamts für Statistik vom 24. April 20141. Etwas mehr als 97’000 zusätzliche «Personen»: das sind Menschen, die nun in der Schweiz wohnen, arbeiten, lernen, eine Heimat suchen, unterwegs sind und konsumieren – also leben wollen.


Ende 2013 waren es 8’136’689 Einwohner. Hält das Wachstum an, könnten es bis in 50 Jahren nahezu 11 Millionen sein. Diese mögliche Entwicklung löst bei vielen Menschen in unserem Land diffuse Ängste aus. Damit verbunden ist die Wahrnehmung, dass unser Land zunehmend zersiedelt wird. Andere haben Angst vor dem Dichtestress und viele realisieren, dass unsere Mobilitätsinfrastrukturen an ihre Grenzen stossen.

Berechtigte Ängste oder Chancen?
Sind Ängste und der damit einhergehende Ruf nach Beschränkungen die richtige Reaktion auf diese Annahmen, die ja eigentlich von Wohlstand, Entwicklung und Zukunftsglauben zeugen? Der Zukunftsforscher Georges T. Roos wertet die Aussicht auf elf Millionen Einwohner als Chance. Da die jetzigen Wachstumszentren bald an ihre Grenzen stossen würden, könnten die heute mittelgrossen Städte die neuen attraktiven Zuwanderungsorte werden. «Damit wächst aber auch das Bildungspotenzial, die Kreativität und die Innovation in diesen Gebieten, und das kann sich auch auf die Arbeitsplätze auswirken», sagt Roos2. Um diesen Herausforderungen konstruktiv begegnen zu können, braucht es ein Umdenken, das viel mit einer werteorientierten Entwicklung zu tun hat. Zwei Punkte seien hier exemplarisch aufgeführt.

Dichter wohnen und Nähe gestalten
Mit der Revision des Raumplanungsgesetzes 2013 wurde das Bauen auf der grünen Wiese deutlich eingeschränkt. Um unsere wertvolle Landschaft zu schützen, fordert das Gesetz eine Entwicklung nach innen. Das heisst: Bisher unbebaute, falsch oder schlecht genutzte Grundstücke innerhalb unserer Städte und Dörfer müssen als erstes überbaut werden, bevor am Rand des Siedlungsgebiets auf bestehendem Kulturland neu gebaut wird. Das heisst auch, dass innerhalb unserer bestehenden Siedlungen dichter und höher gebaut werden soll.
Diese Aufgabe ist für alle Beteiligten ungleich anspruchsvoller, als neue Siedlungen auf der grünen Wiese zu bauen. Während die Immobilienentwickler – sie arbeiten übrigens oft mit den Finanzanlagen unserer Pensionskassen – primär nach Rendite streben und deshalb weniger gesetzliche Beschränkungen fordern, gilt es, im Interesse der Menschen, die später dort wohnen werden, Qualitäten einzufordern, die diese Siedlungen zu einem attraktiven Lebensraum und zur Heimat für die Bewohner machen können. Es gilt, die Chancen der Dichte wahrzunehmen und zu nutzen. Schlüsselthemen sind geschickt geplante Freiräume und eine optimale Gestaltung des Strassenraums, soziale und kulturelle Begegnungsorte und die Schaffung attraktiver Einkaufsmöglichkeiten in den umgestalteten Quartieren. Eine Voraussetzung für das Gelingen ist sicherlich die bauliche Ausgestaltung – eine Herausforderung an die Behörden, die Architekten, Landschaftsarchitekten und Planer. Für das Gelingen ist ebenso der Weitblick und der Gestaltungswille der Politiker gefordert. Mindestens so wichtig sind aber engagierte Menschen, die diese Quartiere dann beleben und bewirtschaften.

Eigentumsrechte gegen Interessen der Öffentlichkeit
Wenn dichter gebaut und gleichzeitig Freiraum bereitgestellt sowie Räume für öffentliche Nutzungen angeboten werden sollen, steht dies oftmals mit den Einzelinteressen der Eigentümer im Widerspruch. Am Themenanlass «Dichte gestalten – Selbstverantwortung der Projektentwickler oder Lenkung durch behördliche Vorgaben?» der diesjährigen «Swissbau» provozierte Martin Neff, Chefökonom von Raiffeisen, mit der Forderung, die bisher unantastbare Eigentumsgarantie in Frage zu stellen: Diese sei zwar in der Verfassung verankert, doch das öffentliche Interesse an Wohnungen sei nicht minder hoch zu gewichten3. Eines der stärksten Hemmnisse gegen die Verdichtung seien immer noch die Einzelinteressen weniger Akteure.

Von Hoffnung motiviert
Das Institut INSIST hat diese Themen in den vergangenen Jahren im Rahmen der werteorientierten Dorf-,
Regional- und Stadtentwicklung (WDRS) immer wieder diskutiert4. Eine wichtige Erkenntnis aus dieser Arbeit: Letztlich entscheidend sind engagierte Menschen, die ihren Lebensraum gestalten. Am Beispiel von Steinbach an der Steyr (Oberösterreich) sind es Politiker, Lehrer, Pfarrer und engagierte Bürger, die aus einer von ihrem Glauben und ihrer Hoffnung geprägten Werthaltung heraus eine beispielhafte Dorfentwicklung initiiert haben.
Der Theologe Tom Wright bringt dies so auf den Punkt: «Es heisst vielmehr, dass Menschen, die an die Auferstehung glauben, an einen Gott, der eine ganz neue Welt erschaffen wird, in der letztlich alles ins Lot gebracht werden wird, unaufhaltbar motiviert sind, in der Gegenwart für eine neue Welt zu arbeiten5.»

1  Bevölkerungsbestand 2013: Provisorische Ergebnisse, BFS, 24.04.2014 http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/01/01/new/nip_detail.html?gnpID=2014-015
2  «11 Millionen Einwohner können eine Chance für die Schweiz sein.» Schweizer Radio und Fernsehen, Schweiz – News, Mittwoch, 19. Dezember 2012, 16.33 Uhr, aktualisiert um 17.07 Uhr Franziska Ramser / Michael Fröhlich
http://www.swissbau.ch/de-CH/ueber-die-swissbau/interaktiv/eventreport/2014/01/dichte-gestalten-selbstverantwortung-der-projektentwickler-oder-lenkung-durch-behoerdliche-vorgaben.aspx
4  Siehe verschiedene Artikel über Steinbach im Magazin INSIST oder das Dossier mit dem werteorientierten Gemeindebarometer auf www.dorfentwicklung.ch
5  Tom Wright, Von Hoffnung überrascht, Seite 228


 

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