Theologie der Heimat

Vom Garten Eden bis zum himmlischen Jerusalem

Paul Kleiner Die Geschichte der Menschen in der Bibel beginnt in einem Garten1: Der Mensch ist dabei kein Hors-sol-Gewächs, keine Seele, die von einem vertikalen Lebenstropfen ernährt wird. Gott setzt den Menschen in eine konkrete Umgebung: in einen nährenden Lebensraum, der gepflegt und gestaltet werden darf und soll. Das ist sein erstes Zuhause. Der heimatliche Bogen spannt sich aber weiter und erscheint immer wieder in andern Farben bis zur letzten Heimat – zum himmlischen Jerusalem.

 

Gott schafft den Menschen in einer paradiesischen Umgebung. Und er schafft ihn im Plural: Er gibt dem Menschen die mitmenschliche Gemeinschaft. Abends besucht Gott die von ihm geschaffenen Menschen im Garten, den er ihnen bereitet hat: Gott verankert die Heimat der Menschen in seiner Gegenwart.


Drei Dimensionen der Heimat vom Anfang bis zum Ende
Diese drei Dimensionen menschlicher Heimat leuchten schon ganz zu Beginn der Bibel2 auf: Der Mensch ist Ebenbild Gottes. Er lebt im Gegenüber zu Gott, als Mann und Frau, an einem konkreten Ort mit einer bestimmten Aufgabe.
Die Geschichte der Menschen in der Bibel vollendet sich in einer Stadt3. Zu ihr gehören materiell-kulturelle und ökonomische Aspekte von Identität und Geborgenheit wie Mauern, Reichtümer und Bäume mit Früchten. Die Stadt ist der Sozialraum, in dem eine Vielfalt von Menschen in Sicherheit zuhause sind. Der dreieine Gott selber ist das energiespendende und leuchtende Zentrum der Stadt.
Der grosse Bogen der Bibel zeigt den Menschen an einem bestimmten Ort zu Hause, mit andern Menschen, in der Gegenwart Gottes.

 

Das Land als Heimat im Alten Testament
Im Alten Testament (AT) ist Heimat untrennbar verknüpft mit dem Land. Das Gelobte Land Palästina ist nicht nur ein materieller Ort, sondern schliesst auch die anderen beiden Dimensionen von Heimat ein: Es ist das Land eines Volkes, wo die zwölf Stämme Israels miteinander leben. Zuerst und zuletzt ist es das Land, das Gott gibt, wo Gottes Haus steht und Gottes Name wohnt.

 

Der Aufbruch zum Land
Von Abraham über die Erzväter, die Sklavenzeit in Ägypten und dem Auszug daraus bis zur Wüstenwanderung ist das Land ein Gegenstand der Verheissung. Gott fordert Abraham auf, seine Heimat – sein Land und seine Grossfamilie – zu verlassen und zu einer neuen Heimat, die Gott ihm geben wird, aufzubrechen4. Wo Abraham unterwegs auch immer hinkommt, baut er Gott einen Altar – ein Stück und ein Aspekt von Heimat für diesen Nomaden. Gleichzeitig leidet er unter der Heimatlosigkeit des He-
rumziehens: Er hat nicht einmal einen Ort, um seine Ehefrau Sara zu begraben und muss deshalb eine Grabstätte kaufen5. Die Schwierigkeiten des mitmenschlichen Zuhauses zeigen sich immer wieder bei der Partnerwahl: Geeignete Ehefrauen sind weit weg6, ungeeignete Partnerinnen vergiften das Heim und verursachen Herzeleid7.
Für Abraham ist es ein Befehl Gottes, aus der gewohnten, menschlichen Heimat hinein in ein Nomadenleben aufzubrechen, in ein Leben mit dem Land als zukünftiger Verheissung, mit der Heimat als Hoffnung.
Für das Volk Israel ist der Auszug aus Ägypten die Befreiung aus dem Sklavenhaus, wo sie trotz allem zuhause waren und wonach sie sich in schwachen Momenten der Wüstenwanderung mit dem Leiden der Heimatlosigkeit bisweilen zurücksehnten, weil sie unterwegs ohne die ökonomisch-materielle Basis der Heimat lediglich mit der Gegenwart Gottes in der Wolken- und Feuersäule leben mussten9.

 

Im Land zuhause
Die biblische Geschichte der Heimat könnte eigentlich mit dem Einzug ins verheissene Land zum Ziel kommen: Hier fliesst Milch und Honig, das Land wird unter die Stämme verteilt, um ein friedliches und gerechtes Zusammenleben zu sichern. Spätestens mit der Errichtung des Tempels als definitivem Wohnsitz Gottes und mit dem auf diese Weise garantierten Zugang zu seiner Gegenwart ist das Volk Israel angekommen: es ist zu Hause!
Aber die Geschichte geht weiter. Obwohl das Volk im Land lebt, ist es nicht wirklich zuhause. Dies wird deutlich in allen drei Dimensionen von Heimat:
Am klarsten ist dies bezüglich dem Zuhause bei Gott. Sogar mit Gottes Herrlichkeit und Offenbarung in der Mitte – im Tempel mit der Thora – verlässt das Volk Gott immer wieder und wendet sich anderen Götzen zu. Gott klagt über das Volk wie Eltern über einen rebellischen Teenager10. Im Kontrast zu ihrer gegenwärtigen desolaten Lage malen die Propheten das zukünftige Heilsbild eines Landes, das voll von Gotteserkenntnis ist, gereinigt von allem Bösen und allem Götzendienst11.
Auch im zwischenmenschlichen Miteinander ist das Volk nicht wirklich heimisch: Schon am Anfang der Besiedelung des Landes12 brechen tiefe Gräben zwischen den Stämmen Israels auf. Später zerfällt das Land in ein Nord- und Südreich mit zahlreichen Bürgerkriegen.
Auch das geografisch-ökonomische Zuhause funktioniert nicht wirklich: Schwer lastende Steuern zur Finanzierung der Armee, aber auch der Luxus des Königshofes lassen die Schere zwischen Arm und Reich weit auseinanderklaffen; das ländliche Ideal, wo jeder unter seinem eigenen Feigenbaum und Weinstock in Frieden und Freiheit zuhause ist, wird angesichts der drückenden Gegenwart zur Zukunftshoffnung im Gelobten Land13.

 

Der Verlust des Landes und die Sehnsucht nach mehr
Ab dem achten Jahrhundert vor Christus wird das Land Israel von fremden Grossmächten kolonialisiert. Das Volk verliert seine Autonomie, erhebliche Bevölkerungsteile werden deportiert und umgesiedelt. Die Zeit des Exils bricht an: ein Leben ohne eigenes Land, fern der Heimat. Ein Leben in der Zerstreuung, in der Diaspora, unter Fremden. Vor allem aber ein Leben verlassen von Gott, fern von seiner Gegenwart im Tempel.
Noch schlimmer: Der Tempel wird zerstört und die Opfer, welche bisher die Gemeinschaft mit Gott vermittelt haben, hören auf. Die Synagogen mit der Thora sind bis heute für das Judentum ein Weg, um an Gottes Gegenwart als Mitte der Heimat festzuhalten. Aber im Alten Testament ist der Verlust des Landes, der Volksgemeinschaft und des Tempels klar gedeutet: Dieser Verlust der Heimat ist Gericht.
Trotzdem gehört die Heimat seit der Schöpfung zum Menschsein. So wird diese Sehnsucht nach der Rückkehr ins Land (und bis heute!) durch die Prophetie wachgehalten. Gleichzeitig wird die Verheissung eines Zuhause-Seins, welche schon Abraham zum Aufbruch bewegt und Israel aus der Sklaverei Ägyptens befreit hat, immer stärker entgrenzt. Die Zukunfts- und Hoffnungsbilder der vollendeten Heimat sprengen die alten Erfahrungen eines abgesteckten Territoriums mit ethnischer Homogenität:
Das Land für das Volk Israel wird nun zur Brücke und Handelsstrasse zwischen Assyrien und Ägypten, den einstigen Erzfeinden14. Internationale Verflechtungen und Ressourcen der ganzen Welt werden laut der prophetischen Sicht ins Land fliessen und die Lebensgrundlagen der ganzen Bevölkerung erweitern15.
Zum Volk Israel kommen Ausländer hinzu: vormals Marginalisierte und Ausgegrenzte werden ein vollwertiges Zuhause bekommen16. Grosse Migrationsströme stören nicht, sondern führen im Gegenteil zu einer internationalen Gemeinschaft17.
Zentrum dieser Hoffnung ist der Berg Zion18: Gottes Gegenwart, Herrlichkeit und Weisung wird offenbar auf der ganzen Welt19 und alle Nationen werden vereint im gemeinsamen Gotteslob20. So wird die Sehnsucht zu ihrem Ziel kommen: Die Menschen sind miteinander zuhause an Gottes Tisch21.
Ein Teil des Volkes Israel kann nach dem babylonischen Exil wieder ins verheissene Land zurückkehren und den zweiten Tempel aufbauen. Aber das geschieht unter einer Fremdherrschaft und mit fremden Götterstatuen an vielen Orten. Die grosse Mehrheit des Volks ist zerstreut von Spanien bis zum Iran. Gewisse jüdische Führer sagen es in dieser Epoche klipp und klar: Wir sind nach wie vor im Exil und nicht zuhause, wir erwarten nach wie vor das zukünftige «Mehr» an Heimat, das uns Gott durch die Propheten verheissen hat.


Das Reich Gottes als Heimat im Neuen Testament
In dieser Zeit und Stimmungslage tritt Jesus von Nazareth auf. Das Zentrum seines Lebens und seiner Botschaft ist das Reich Gottes: Gott hat seine Herrschaft angetreten durch das Kommen von Jesus Christus. Das hat radikale Auswirkungen auf das Verständnis von Heimat: Die Dimensionen von Land als Territorium und von natürlichen sozialen Beziehungen (im Familien- und Volksgefüge) werden relativiert zugunsten der dritten Dimension – der Beziehung zu Gott, spezifisch angeboten durch Jesus Christus.

 

Heimat überschreitet nationale und soziale Grenzen
Jesus findet schroffe Worte für Interessierte, die ihm nachfolgen wollen: «Ein Dach über dem Kopf kannst du bei mir nicht erwarten!» – «Loyalität zu mir hat Vorrang vor der liebenden Zuwendung zu den älter werdenden Eltern22!» Das Zuhause in der Gemeinschaft rund um Jesus hat mehr Gewicht als die leibliche Familie23, und es hat Vorrang vor der Verwurzelung in der heimatlichen Ackerscholle24.
Damit zieht Jesus die Linien der alttestamentlichen Prophetie weiter: Heimat wird geografisch, ökonomisch, familiär und national entgrenzt. Heimat ist das Zuhause im Reiche Gottes – und diese Herrschaft ist mit Jesus angebrochen. Entsprechend ist es dann das Markenzeichen der christlichen Kirche, dass auch «Heiden» – also nicht-jüdische Menschen – gleichermassen zum Volk Gottes seit Abraham und Mose – also zu jüdischen Menschen – gehören: Christus hat Friede zwischen Juden und Heiden geschaffen25. Die Beschneidung als kulturell-nationales Zeichen der Männer des Volkes Gottes im alten Bund wird ersetzt durch die Taufe auf den Namen Jesu Christi als Zugang zum Volk Gottes für alle Nationen und Kulturen, ohne irgendeine Ausgrenzung.
In der frühen Kirche wurden nun nicht nur nationale Grenzen überwunden, sondern auch die festgelegte Beheimatung in einer sozioökonomischen Klasse26 wie auch in Männer- bzw. Frauenwelten. Identität und Zuhause findet sich in Christus, im Leib Christi: «Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau27.»


Konflikte mit der alten Heimat
Diese radikale Neudefinition von Heimat führt Jesus und seine messianische Gemeinschaft in Konflikte und Spannungen mit der natürlichen Heimat: Heidenchristen passen plötzlich nicht mehr in ihre gewohnte Umgebung und sind nicht mehr «dabei». Der Konflikt taucht auf bei den Opfergaben in den Tempeln, bei Schummeleien im Erwerbsleben, bei sozialer Ausgrenzung mit begleitender Verachtung und Neid zwischen «oben und unten» bzw. «drinnen und draussen».
Judenchristen lösen sich von einigen hoch geschätzten nationalen Traditionen, zum Beispiel der sorgfältigen Abgrenzung von den Nicht-Juden. Die christliche Kirche stört den Frieden und die Sicherheit des römischen Reiches, welche bisher vom Kaiser beschert und garantiert worden sind. Für die damalige Mehrheitsgesellschaft ist der Apostel Paulus ein Störenfried, «welcher den ganzen Erdkreis in Unruhe versetzt28». Die kleinen christlichen (Haus-)Gemeinden leben eine Gegenkultur, sie sind Inseln eines neuen Zuhause, in dem die natürlichen Loyalitäten von Blut und Boden, Familie, Kultur und Nation relativiert und herausgefordert werden. Sie verstehen sich als Nomaden – wie einst Abraham oder das Volk Israel in der Wüste. Sie leben «als Fremde in der Zerstreuung29» hier auf dieser Erde an ihren natürlichen Heimatorten: «Denn unsere Heimat ist im Himmel30.» Das Leiden an der gegenwärtigen Heimatlosigkeit gehört zusammen mit der Ablehnung durch ihre Volksgenossen wie selbstverständlich zur Identität der Gemeinde Jesu Christi aus Juden und Nicht-Juden31.

 

Der Beginn einer neuen Heimat
Gleichzeitig versteht sich diese christliche Kirche als Avantgarde des Reiches Gottes in dieser Welt. Gegenkultur, Pilgerschaft, Leiden und Sehnsucht nach der himmlischen Heimat führen nicht zur Verachtung von irdischer Heimat, Herkunftsfamilie, Muttersprache und Vaterland, auch wenn dies alles zur vergänglichen Welt gehört32. Diese Welt ist von Gott geliebt, in dieser Welt kam Gott in Jesus als Jude im Dorf Bethlehem zur Welt, in diese Welt bringt Jesus das Reich Gottes.
Zur Zeit Jesu gibt es wahrnehmbare, handgreifliche Zeichen in Galiläa und Jerusalem: verwandelte Menschen und Verhältnisse, geheilte Körper und Beziehungen. Die Kirche als Leib Christi lässt in Jerusalem, Judäa und Samaria und bis ans Ende der Welt weitere und grössere Zeichen des Reiches Gottes inmitten der irdischen Wirklichkeit aufleuchten. Sie ist die sichtbare «Stadt auf dem Berg33» und tut das Gute mitten in der Gesellschaft, zu der sie gehört34. Was immer «in Christus» getan wird, ist nicht vergeblich und vergänglich35.
Die Gegenkultur der pilgernden Kirche auf ihrem Weg zur himmlischen Heimat gewinnt Gestalt in einzelnen Menschen und Gruppen, in Strukturen und Systemen. Die Halle Salomos in Jerusalem36 kann ebenso ein Zuhause sein wie das Haus der Priska in Rom37. Die christlichen Geschwister geben einander Heimat, nicht nur innerlich-vergeistlicht, sondern auch handfest sozial und materiell38. Wo im Namen Jesu Wege der Vergebung und Versöhnung beschritten werden, wo Taten der Gerechtigkeit und des Friedens ausgeübt werden, wo Heilung von Geist, Seele und Leib geschieht, da küssen sich Himmel und Erde. Das Reich Gottes ist bruchstück- und zeichenhaft in den Zeiten- und Weltlauf eingedrungen – zwischen Wiege und Bahre, von Jerusalem bis Rom und Spanien – und darüber hinaus. Hier sind Christinnen und Christen zuhause, bis ans Ende der Zeit.


1   1 Mose 2,7-8
2  1 Mose 1,27-28
3  Offb 21-22
4  1 Mose 12,1-3
5  1 Mose 23
6  etwa für Isaak und Jakob, 1 Mose 24 und 28
7  so Esaus Frauen, 1 Mose 26,34-35
8  Bezeichnung für Menschen – u.a. auch für Kinder von Missionaren – die
in zwei Kulturen aufgewachsen sind und sich deshalb eine eigene, dritte Kultur geschaffen haben.
9  2 Mose 15-17
10  Hos 11
11  Jes 11,9
12  in den Büchern Josua und Richter
13  Mi 4,4
14 Jes 19,23
15 Jes 60, 3-11
16 Jes 56,3-8
17 Jes 2,4
18 Jes 2,2-3
19 Hab 2,14
20 Ps 117
21  Jes 25,6
22 vgl. Mt 8,19-22
23 Mt 12,46-50
24 Mt 19,16-30, vor allem Vers 29
25 Eph 2,14
26 Heute würde man in der Sprache der Soziologen von «Sinus-Milieus» sprechen.
27 Gal 3,28
28 Apg 17,6
29 1 Petr 1,1
30 Phil 3,20
31  2 Tim 3,12
32 1 Kor 7,29-31
33 Mt 5,14
34 1 Petr 2,15
35 1 Kor 15,58
36 Apg 5,12
37 Röm 16,5
38 Apg 4,32-35

 

Pfr. Dr. theol. Paul Kleiner ist Rektor des Theologisch-Diakonischen Seminars (TDS) in Aarau und dort Dozent für Ethik, Missionstheologie und Neues Testament.

Er schreibt zur Entstehung seines Beitrages:
«Ich habe wesentliche Teile dieses Beitrages in einem Hotelzimmer in Brasilien sowie am Flughafen von Lissabon entworfen und dann im Zug zwischen St. Gallen und Genf geschrieben. Kommt das gut: Über Heimat in der Fremde und unterwegs zu schreiben? Oder ist das sogar der beste Ort dafür? Wo bin ich überhaupt zuhause? Ich könnte natürlich meine Wohnadresse angeben, die seit zwölf Jahren unverändert ist. Vielleicht müsste ich aber hinzufügen, dass ich ein ‹Third Culture Kid8›
bin: Ich habe wesentliche Jahre meiner Kindheit in Afrika verbracht – und dazu noch ein Jahrzehnt als Erwachsener. Diese Biographie und meine gegenwärtige Lage prägen mich – auch meine Bibellektüre und mein Nachdenken über ‹Heimat› in der Bibel.»

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