Film

Das Ritual am Sonntagabend

Andy Schindler-Walch Ob «Tatort», «James Bond» oder «Star Wars»: Menschen brauchen Rituale und wollen wiederkehrende Figuren und Folgen sehen, die ihnen ein Stück Heimat und Geborgenheit vermitteln.

Eine persönliche Umfrage im christlichen Bekannten- und Freundeskreis zeigte mir deutlich: Der «Tatort», der jede Woche am Sonntagabend am Fernsehen ausgestrahlt wird, ist bei Christen beliebt. Auch Menschen, die wenig Zeit haben, Fernsehen zu schauen, schalten dann regelmässig den Apparat ein. «Die Sendung ist ein Ritual am Sonntagabend, appelliert an das Seriengedächtnis und bringt ein Stück Geborgenheit ins Wohnzimmer», sagte Stefan Scherer in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger» im letzten Herbst. Der Germanist ist Professor an der Uni Karlsruhe und hat zusammen mit Kollegen alle bisher ausgestrahlten «Tatort»-Sendungen analysiert.

Wir gehören zusammen
Rituale sind wichtig für die Menschen im Alltag. «Alles läuft auf Autopilot. Der Mensch kann seine Gedanken schweifen lassen und sich entspannen», schrieb die Deutsche Presseagentur dpa in einem Beitrag über Rituale im Alltag und meinte weiter: «Jede Kultur, gesellschaftliche Schicht, Familie und jeder Freundeskreis hat eigene Rituale. Sie geben nicht nur Sicherheit, sondern auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit.»
Was für viele Rituale im Alltag gilt, trifft auch auf Filme und Serien zu. Ich kenne Menschen, die kaum je ins Kino gehen, aber einen neuen James Bond-Film verpassen sie nie. Es ist ein festes Ritual, das sie pflegen. Und die Filmemacher berücksichtigen diesen Umstand. So war die Begeisterung der Kinozuschauer gross, als der britische Agent im letzten Film «Skyfall» plötzlich wieder seinen alten Aston Martin DB5 aus der Garage holte, der schon in alten Bondfilmen zu sehen war. So etwas hilft zum Prägen von Ritualen und trägt dazu bei, dass James Bond seit 50 Jahren zu den erfolgreichsten Filmreihen der Kinogeschichte gehört.
Das Gleiche gilt auch für «Star Wars» («Krieg der Sterne»). Die bisher sechsteilige Science Fiction-Serie, gespickt mit kulturellen und religiösen Bezügen, wird 2015 fortgesetzt. Laut der deutschen Kinozeitschrift «cinema» ist der siebte Teil dieses Weltraummärchens der am meisten erwartete Kassenschlager für das nächste Jahr. Kein Wunder, denn seit dem ersten Film aus dem Jahr 1977 sind mehrere Generationen herangewachsen, die im Laufe dieser Zeit die Filme gesehen und sich mit den wiederkehrenden Ritualen vertraut gemacht haben. Dazu gehören zum Beispiel die pompöse Musik von John Williams oder die rasanten Laser-Schwertkämpfe.

Rituale auch in der Kirche feiern
Was können Christen daraus lernen? Der Film- und Fernsehindustrie gelingt es, Rituale zu schaffen und so eine Verbindung zu vielen Menschen herzustellen. Das können Christen auch – und zwar mit kirchlichen Ritualen. Diese können dazu beitragen, Menschen mit dem christlichen Glauben in Berührung zu bringen. Sie sind zudem viel älter als alle Rituale aus den Kino- oder Fernsehfilmen. In jeder Kirchgemeinde finden sich solche Rituale. «In all den Ritualen der Kirchen, die im Verlauf des Kirchenjahres vollzogen werden, oder auch in persönlichen Ritualen, wie Morgen- und Abendgebet, steckt viel Weisheit. Es ist eine christliche Lebenskultur, die nicht nur der Seele, sondern auch dem Leib gut tut», sagte der Benediktinerpater Anselm Grün einmal in einem Interview gegenüber der Neuss-Grevenbroicher Zeitung.

Mein Fazit: Es lohnt sich darum, Rituale im Gottesdienst zu pflegen, Menschen dazu einzuladen und so Gemeinschaft miteinander und mit Gott zu feiern.

 

Andy Schindler-Walch ist Filmspezialist; er bespricht Filme in mehreren Zeitschriften und für Radio Life Channel.
andy.schindler@STOP-SPAM.bluewin.ch

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