Gesellschaft

Heimat – wo bist du geblieben?

Alex Nussbaumer Ich bin zunehmend verwirrt. Was ist von der Schweiz übrig geblieben, in die ich vor vierundsechzig Jahren geboren wurde? Damals war die Welt in zwei klare Blöcke mit guten und bösen Mächten geteilt. Bei Militärübungen kam der Feind immer aus dem Osten und wurde auf Plänen mit roter Farbe eingezeichnet. Heute sehen wir uns diffusen Terror-
ängsten und einem zunehmenden Migrationsdruck ausgesetzt.


Die «Guten» haben schreckliche Kriege vom Zaum gerissen und treten oft ausbeuterisch auf. Die Swissair und das Bankgeheimnis gibt es nicht mehr. Was sich unsere Grossbanken mit den nachrichtenlosen Vermögen und mit der Beihilfe zur Steuerflucht geleistet haben, übersteigt jedes für uns Normalverbraucher vorstellbare Mass. Der Druck, den die rasch zunehmende Bevölkerung auf den öffentlichen Raum ausübt, wird immer deutlicher spürbar. Ich habe zwar gegen die Masseneinwanderungsinitiative gestimmt, aber ich verstehe Befürworter – weil es wohl neben mir noch viele andere Verwirrte gibt. Heimat – wo bist du geblieben?

Was ist überhaupt Heimat?
Warum empfinde ich die Stadt und den Kanton Zürich als meine Heimat? Hier kenne ich mich aus und kann mich im Normalfall ohne Karte bewegen. Hier wohnen viele meiner Freunde. Über so manche Strassen, Häuser und Menschen kenne ich
Geschichten. Und der Herkunftsort meiner Frau ist zu meiner zweiten Heimat geworden.
Nach jeder Auslandreise erzeugt der Anblick der Schwanzflosse einer Swiss-Maschine erste Heimatgefüh-le. Und dann folgt – nach dem Fassen des Gepäcks vom Rollband – die Benutzung des öffentlichen Verkehrs: mit einem dichten Fahrplan, fast immer pünktlichen Zügen und mit einem vertrauten Billettautomaten. Ich bin wieder in meiner Heimat!

Der Gartenzaun hilft nicht weiter

Was stimmt jetzt? Die oben ausgedrückte Verwirrtheit oder die im nächsten Abschnitt geschilderte Vertrautheit? Beides ist wahr!
Was aber hilft gegen die genannte Verwirrung? Heimatschutz durch Drosselung der Einwanderung? Verbissenes Verteidigen unserer Privilegien gegen angebliche Profiteure von aussen? Ich bezweifle die Rezepte der Rechtspopulisten. Selbstverständlich können wir als kleines Land nicht die Probleme von Ländern lösen, die durch die Machenschaften einer korrupten Oberschicht auf keinen grünen Zweig kommen. Egoistisches Gartenzaundenken aber hilft niemandem. Ich bemühe mich, die grösseren Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen. Wir sind Teil einer
globalisierten Welt. Wir profitieren von teilweise ungerechten Weltwirtschaftsstrukturen. Da haben wir kein Recht, uns grundsätzlich gegen die Benachteiligten dieser Welt zu verschliessen.

Ängste ernst nehmen
Als im 19. Jahrhundert aus dem Staatenbund der einzelnen Kantone der Schweizer Bundesstaat entstand, waren in kleinerem Massstab wohl ähnliche Ängste vorhanden, wie wir sie heute gegenüber supranationalen Vereinigungen wie der Europäischen Union kennen. Um z.B. den Appenzellern die Angst vor einem Diktat der grossen Städte zu nehmen, wurden sie als Minderheit geschützt: Bis heute hat bei einer eidgenössischen Verfassungsabstimmung wegen des verlangten Ständemehrs die Stimme eines Bewohners eines dieser beiden Halbkantone das rund dreissigfache Gewicht meiner Stimme als Zürcher.

Im Spannungsfeld leben

Ich erwähnte vorhin die grösseren Zusammenhänge. Es gibt neben der horizontalen Horizonterweiterung auch den Einbezug der vertikalen Dimension. «Unsere Heimat ist im Himmel» schrieb Paulus den Philippern. Das macht uns ein Stück weit unabhängig von Angstgefühlen, wenn der Verlust der diesseitigen Heimat zur Debatte steht. Auf der anderen Seite lassen sich aus dem Glauben an eine ewige Heimat keine Rezepte für
politische Entscheidungen ableiten. Diese werden ein stetes Ringen zwischen unvereinbaren Gegensätzen bleiben. Wie gut soll der Sozialstaat ausgebaut sein? Zu viel Luxus zieht unberechtigte Nutzniesser an, zu viel Restriktion lässt Bedürftige durch die Maschen fallen.
Wenn es um die Bewahrung der Heimat geht, liegt ein vergleichbares Spannungsfeld vor: Weder grenzenlose Offenheit noch gänzliche Abschottung ist die Lösung. Dazwischen gibt es viele vertretbare Positionen.

 

Alex Nussbaumer hat zuerst Mathematik und Physik, später auch Theologie studiert. Er ist heute Pfarrer in der reformierten Kirche Uster.

alex.nussbaumer@zh.ref.ch

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