Literatur

«Ich will wohnen im Menschenwort»

Dorothea Gebauer Das Wort ist Heimat und muss gehütet werden, so die Erfahrung von zwei jüdischen Lyrikerinnen.


Das war eine der grossen Erfahrungen in meinem Leben: Während eines mehrtägigen Aufenthalts in Jerusalem erfuhr ich, wie Holocaust-Überlebende das Gespräch mit mir suchten. Hartnäckig, immer wieder und sehr freundlich. Nicht, weil sie einfach kontaktfreudig waren (das ohnehin), sondern auch, «weil sie endlich wieder einmal die deutsche Sprache sprechen wollten». Sie kamen aus Berlin oder Nürnberg, aus Frankfurt oder Dresden.

Ein drittes Land
Wieso liebten sie die Sprache derer, die sie aus ihrer Heimat gejagt hatten? Die Sprache ihrer Mörder? Als junge Studentin konnte ich das Unfassbare nur so auflösen: Es musste für sie mehrere Deutschlands gegeben haben. Das vor der grossen Katastrophe und das danach. Mir, die ich aus dem Land ihrer Peiniger kam und ihnen, die daraus entflohen waren, wurde in vielen aufrichtig geführten Gesprächen die Liebe zur Sprache zur einzigen Möglichkeit, jenseits nationaler Katastrophen einander zu begegnen. Wir fanden uns in einem dritten Land wieder, dem der Sprache.

Rückkehr nach Deutschland ist Rückkehr ins Wort
Das waren Erlebnisse auf den Strassen Jerusalems, in Cafés, flüchtig und doch tief gehend, in vielerlei
Tagebucheintragungen festgehalten. Geht man in die Geschichte der Literatur oder die der Lyrik, begegnet einem Ähnliches. Markante Beispiele von Menschen, die sich der Sprache verschrieben und in ihr Heimat fanden, sind etwa Rose Ausländer oder Hilde Domin. Beide sind jüdische Lyrikerinnen, die in radikaler Weise dem Wort den Charakter eines Zufluchtsorts zugewiesen haben. Ausländer lebte zwischen 1941 und 1944 im Ghetto ihrer Geburtsstadt Czernowitz (damals Österreich, heute Ukraine) und überlebte als Exilantin an verschiedensten Orten der Welt. «Ich bin / mit meinem Wort / verlobt» schreibt sie in einem Gedicht. «Bleib deinem Wort treu / Es wird dich nicht verlassen» in einem anderen. Über New York und weitere Stationen landete sie schliesslich in Düsseldorf, wo sie in einem jüdischen Altersheim die letzten zehn Jahre schreibend zubrachte. Schreiben war Leben, im Wort konnte man sich offenbar nach Vertreibung, Flucht und Diffamierung bergen. «Ich will wohnen im Menschenwort», so heisst es in einem ihrer Gedichte, und:

Wir verstehen uns aufs Wort /
wir lieben einander. /
Mein Vaterland ist tot /
sie haben es begraben im Feuer /
Ich lebe in meinem Mutterland /
Wort.

Ich glaube an die Wunder /
der Worte, /
die in der Welt wirken /
und die Welten erschaffen.

... ich taste die Länge und Breite /
der Wörter /
suche erfinde /
das atmende /
Wort.

Heimathungrig /
unsern täglichen Tod /
begraben wir im Wort /
Auferstehung.

Ein Lied erfinden /
heisst geboren werden /
und tapfer singen /
von Geburt zu Geburt.
Als eine «Rückkehr ins Wort» beschreibt Hilde Domin1 nach vielen Jahren Exil ihre Rückkehr nach Deutschland. «Ich richtete mir ein Zimmer ein in der Luft / Unter den Akrobaten und Vögeln / von wo ich unvertreibbar bin», sagt sie zunächst in einem ihrer Gedichte. «Das Wort aber war das deutsche Wort. Deswegen fuhr ich wieder über das Meer, dahin, wo das Wort lebt.» In ganz unreligiöser Weise war das Wort Gnade für sie Geschenk des Lebens.

Heimat ist mehr als ein Fleck umgrenzter Erde
Anderen jedoch hat die Vertreibung aus ihrem Land das Genick gebrochen. Stefan Zweig2, einer der prominentesten Prosaisten des 20. Jahrhunderts, ist nur einer von 2000 schreibenden, von Nazi-Deutschland Ver-
triebenen. Ihm gelang es nicht, in der Sprache eines fremden Landes ansässig zu werden. In den «Erinnerungen eines Europäers» schreibt er: «Am Tage, da ich meinen Pass verlor, entdeckte ich mit achtundfünfzig Jahren, dass man mit seiner Heimat mehr verliert als einen Fleck umgrenzter Erde.» Der Bildungsaristokrat überlebte das Exil nicht. Er beging am 23.3.1942 bei Rio de Janeiro Suizid.
Sprache gibt Heimat. Die Grenzen sprengende Muttersprache im umgrenzten Vaterland mit nationalen Eigenarten bindet und birgt, nährt und benennt. Es lohnt sich, auf Hilde Domin zu hören, die Weltbürgerin, die so achtsam am Haus der Sprache arbeitete. Als Lyrikerin erfährt sie sich als «Mutter» und spricht von Schöpfungs- und Geburtsprozessen. Sie sagt: «Die Kinder frieren. Sie rufen danach, gehütet und gewärmt zu werden.»


Quellen: Die Welt von gestern: Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt/M., Fischer, 1978. S. 37 Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, S. Fischer Verlag Rose Ausländer, Gedichte, «Blinder Sommer» 1 27.7.1909 bis 22.2.2006 2 18.11.1881 in Wien geboren

 

Dorothea Gebauer ist freie Kulturjournalistin 

dorothea.gebauer@STOP-SPAM.insist.ch 

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