Psychologie

Spiritualisierung der Psychotherapie

Dieter Bösser Im angelsächsischen Raum ist es bereits seit Jahren üblich, dass im wissenschaftlichen Kontext die Bedeutung der Spiritualität in der Psychotherapie diskutiert wird. Spiritualität ist heutzutage ein sehr positiv besetzter Begriff. Zugleich ist er mehrdeutig und kann unterschiedlich gefüllt werden.

So kann Spiritualität auch im psychotherapeutischen Kontext durch die unterschiedlichsten Glaubensinhalte geprägt sein. Es können verschiedene Religionen gemeint sein, aber auch esoterische Varianten des Glaubens. Christliche Spiritualität ist im Unterschied zu esoterisch geprägten Formen im Kern personal zu verstehen. Hier geht es nicht um das Aufnehmen unpersönlicher Energien, sondern um den Aufbau und das Pflegen einer Beziehung zu einem Gott, der sich als Person offenbart hat.

Grenzen der Messbarkeit
Gemäss geltenden Standards müs-sen psychotherapeutische Verfahren nachvollziehbar beschrieben werden, wenn sie wissenschaftliche Anerkennung erlangen wollen. Ihre Wirkung bei Klienten wird systematisch untersucht. Dahinter steht oft ein Weltbild, in dem kein Raum ist für Phänomene, die mit technischen oder psychometrischen Messinstrumenten nicht erfassbar sind und ra-
tional nur teilweise nachvollzogen werden können.
Anfangs 2014 ist das Buch «Psychotherapie und Spiritualität. Mit existenziellen Konflikten und Transzendenzfragen professionell umgehen» von Michael Utsch, Raphael M. Bonelli und Samuel Pfeifer erschienen. Ein Hauptdilemma besteht nach
Ansicht der Autoren darin, dass zentrale Fragen des Menschseins nicht mit herkömmlichen psychologischen bzw. wissenschaftlichen Methoden beantwortet werden können. Dazu gehören vor allem die Fragen nach Sinn, Schuld und Tod. Andererseits muss jeder Mensch eine Weise des Umgangs mit diesen Themen finden. Damit stellt sich die Frage nach anderen Zugängen zu diesen unausweichlichen Themen menschlicher Existenz.

Spiritualität
Im Buch von Utsch, Bonelli und Pfeifer werden Möglichkeiten der Verbindung von Psychotherapie und Spiritualität ausführlich diskutiert. Dabei entsteht ein sehr vielfältiges Bild, das verschiedene Auswirkungen von Spiritualität auf psychotherapeutische Massnahmen aufzeigt. Spiritualität wird in diesem Kontext vor allem auf den Menschen bezogen und beschrieben, sowohl im Blick auf
den Therapeuten als auch auf den Klienten bzw. Patienten. Im Vordergrund stehen Glaubensüberzeugungen, spirituelle Erwartungen und Handlungen. Nur sehr vereinzelt wurde der Effekt von Gebet auf
den Heilungsverlauf im medizinischen Kontext untersucht, bei dem die Patienten nicht wussten, dass
für sie gebetet worden war. Gemäss S. Pfeifer sind die Befunde insgesamt nicht eindeutig1.

Gott wirkt anders
Sowohl im jüdischen als auch im christlichen Glauben kommuniziert Gott mit dem Menschen und beabsichtigt eine von Liebe – im Sinne von Agape – geprägte Beziehung zu ihm. Das wird beispielsweise in der Götzenpolemik bei Jesaja2 deutlich, der darüber spottet, dass Götzen tot und zu keiner Reaktion fähig sind. Zahlreiche Verheissungen für das Gebet im Neuen Testament handeln davon, dass Gott auf Gebete reagiert3. Die Beziehung des Schöpfers zu seinen Geschöpfen kann nur bedingt mit dem zwischenmenschlichen Beziehungsgeschehen verglichen werden. Das erschwert ein empirisches Erfassen dieser Beziehung und ihrer Auswirkungen, beispielsweise im Kontext einer psychotherapeutischen Behandlung. Aus der Tatsache, dass göttliche Reaktionen auf menschliche Glaubenshandlungen nur schwer fassbar sind, kann aber nicht abgeleitet werden, dass sie nicht existieren. Dieser Schluss ist logisch nicht zulässig.
Den Autoren Utsch, Bonelli und Pfeifer ist es zu verdanken, dass sie für den deutschsprachigen Raum wichtige und vielfach erforschte Zusammenhänge von Spiritualität und Psychotherapie dokumentiert haben. Sie haben damit eine solide Grundlage gelegt, die zeigt, wie Spiritualität mit Rücksicht auf die beteiligten Personen und die jeweils relevante Kultur als Ressource in Heilungsprozessen genutzt werden kann.


1   S. 196
2  Jes 44,6ff.
3  z.B. Mt 7,7

 

Dieter Bösser ist als Theologe und Psychologe unterwegs in unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftliche Konzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren.

dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net

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