Religionen

Rücken die Kirchen nach rechts?

Georg Schmid Unlängst hörte ich in Frankreich auf «Europe 1» eine Radiosendung zur Frage, ob die katholische Kirche Frankreichs rechtslastiger werde. Die Frage stellt sich auch in den reformierten Kirchen. Zeigt sich hier eine Sehnsucht nach alten Gewissheiten?

 

Die Diskussionsteilnehmer auf der «linken» Seite meinten, Arbeiterpriester gebe es fast nicht mehr, politisch links beheimatete Katholiken seien immer seltener, die jungen Priester seien augenfällig konservativer als ihre älteren Amtsbrüder und Katholiken wählten in letzter Zeit immer häufiger Kandidaten des Front National. Ein Vertreter der konservativen Theologie suchte im Gespräch diese relativ klare Situationsanalyse immer wieder zu durchkreuzen, indem er Debatten über untaugliche Begriffe im Mund seiner Kontrahenten in Gang setzen wollte. Er warf dabei ständig «Nebelgranaten», um eine Lagebeurteilung zu erschweren oder zu verunmöglichen1. Bei mir blieb trotz dieser Störmanöver der Eindruck hängen: Die katholische Kirche Frankreichs rückt nach rechts.

«Die Zeit arbeitet für uns»
Ein katholischer Freund, dem ich diesen Eindruck vorlegte, sah ähnliche Entwicklungen in der katholischen Kirche der Schweiz. Die vom Zweiten Vatikanischen Konzil2 geprägte Generation sieht er altershalber abtreten. Gemäss seiner Beobachtung wirken die jetzt nachrückenden Priester, die Generation
von Johannes Paul II., in der Regel «konservativ, liturgieverliebt und klerikalistisch». Liberale und reformorientierte Katholiken würden zumeist nicht mehr Priester, «zumal ja noch die Frau des Lebens über den Weg laufen könnte». Ein dem konservativen Opus Dei nahestehender Priester meinte einmal im Gespräch mit meinem Freund cool und selbstbewusst: «Die Zeit arbeitet für uns.»
Analoge Beobachtungen lassen sich aus dem protestantischen Raum beibringen. Vermehrt lösen sanft oder prägnant evangelikal inspirierte Pfarrerinnen und Pfarrer die älteren liberalen oder die vor allem politisch links engagierten Kollegen ab. Landeskirchliche Gemeinden geben sich nicht selten ein freikirchliches Outfit und kommen damit gut an. Die Verbindung konservativer Theologie mit einem modernen, lockeren Gottesdienststil findet auch in Zeiten weitverbreiteter Gottesdienstmüdigkeit ihr Publikum. Kritisches Nachdenken über den eigenen Glauben ist in protestantischen Gottesdiensten immer weniger gefragt.

Der Wunsch nach einer geistlichen Heimat

Im Ostergottesdienst unserer Gemeinde hier in Frankreich hörte ich dieses Jahr noch einmal eine umfassende, so genannt historisch-kritische Abhandlung zum Thema «Was ist heute in kritischer Betrachtung von den Ostererzählungen zu halten?». Vielleicht war dieser an sich gute Vortrag im Gottesdienstrahmen unserer Gemeinde einer der letzten seiner Art. Was nützen unseren Gemeindegliedern Ausführungen, die sich vor allem in exegetischen Debatten tummeln? Verunsicherte Menschen brauchen eine Botschaft, die in der ewigen göttlichen Wahrheit wurzelt und die dem modernen Menschen mitten in seiner sich immer rascher wandelnden Welt eine geistige Heimat schenkt, einen Ort, der vom Wandel der Zeiten unberührt bleibt.
Natürlich bedaure ich es, wenn die bunte Vielfalt theologischer Orientierungen in den evangelischen Kirchen ein wenig verblasst. Das Mit-
einander der verschiedenen Richtungen war auch eine Stärke. Aber das Bedürfnis nach ewigen Werten und unwandelbarer göttlicher Wahrheit ist heute mehr als nur begreiflich. Je rascher sich die eigene Umgebung und die Lebensformen wandeln, in die wir hineingeworfen werden, desto wichtiger wird die ewige Heimat in Gott.
Es bringt wenig, wenn wir fundamentalistische Neigungen in der Religiosität der Gegenwart und in den eigenen Kirchen beklagen. Aber es bringt viel, wenn wir uns fragen: Wie schenken wir einem zutiefst verunsicherten heimatlosen Menschen auch als kritisch reflektierende Christen Heimat in Gott?

1  Ich kenne diese Nebelgranatenwerfer aus vielen anderen religiösen Debatten. Sie bemühen sich in jeder Weise darum, dass die Frage, die
auf dem Tisch liegt, nicht beantwortet wird.
2  Das Zweite Vatikanische Konzil fand vom
11. Oktober 1962 bis zum 8. Dezember 1965 statt. Es war von Papst Johannes XXIII. mit
dem Auftrag zu pastoraler und ökumenischer
Erneuerung der Kirche einberufen worden.

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@STOP-SPAM.swissonline.ch 

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