Theater

Trouble in Paradise

Adrian Furrer «Die letzten Zeugen» war auf dem diesjährigen Berliner Theatertreffen einer der Höhepunkte. Ein Triumph des armen Theaters. Auf eindrücklich unprätentiöse Weise gelang es der feinfühligen Inszenierung des Wiener Burgtheaters noch einmal, den Texten und Erzählungen von fünf hochbetagten Holocaustüberlebenden eine Bühne und einen Raum zu geben.

Die Premiere in Wien fand am 13. Oktober 2013 statt. Regie: Matthias Hartmann, seit vier Jahren Intendant der weltbekannten österreichischen Nationalbühne und auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Sein Theater war erfolgreich bei Publikum und Feuilleton, er selber ein Liebling der Hauptstadtgesellschaft.

Vom Hartmann zum Buhmann
Kein halbes Jahr später ereilte ihn die sofortige Entlassung aus seinem noch bis 2019 laufenden Vertrag. Er galt als Mitverantwortlicher der «Causa Burgtheater», eines Finanzskandals von ungeahntem Ausmass, der dieses Kulturheiligtum nachhaltig erschütterte. Wochenlang bestimmten Begriffe austro-juristischer Art wie Unverzüglichkeitsprinzip, Malversationen, Geschäftsgebarungen und dolose Handlungen die Berichterstattung über die «Burg». Und der Hartmann wurde zum Buhmann. Nicht die zurückhaltende Kunst und Sensibilität seiner letzten Inszenierung waren jetzt Thema, sondern sein autokratischer Führungsstil, sein grossmännisches Auftreten und seine Selbstbedienungsmentalität, mit der er sich selber die höchsten Gagen und Produktionsetats ausbedungen hatte.

Die Tragik der guten Seele
Noch tragischer erging es seiner Vizedirektorin, welche die ganze
unrühmliche Geschichte um das
20 Millionen-Defizit ins Rollen gebracht hatte. Wenn jemand die Seele des Burgtheaters verkörperte, war das Silvia Stantejsky. In 33-jährigem unermüdlichem Einsatz hatte sie sich von der administrativen Mitarbeiterin zur Geschäftsführerin hochgearbeitet. Ihr Enthusiasmus für das Theater war legendär. Jeder, der mit ihr zu tun hatte, fühlte sich sofort aufgehoben. Getrost konnte man ihr all die unangenehmen finanziellen und steuerlichen Dinge überlassen und sich ganz aufs Kreative konzentrieren. Sie lebte den Ruf des Burgtheaters und der Stadt Wien, dass man hier als (Theater)Künstler bestens geschätzt und umsorgt ist.
Als Matthias Hartmann ihr von einem Tag auf den andern kündigte, war der Aufschrei im Ensemble gross. Er mündete in einem Misstrauensvotum ihm gegenüber, der Anfang seines Endes als Burgdirektor. Doch er konnte wohl nicht anders. Zu Beginn ging es um ein paar tausend Euro, deren Transfer auf ihr Privatkonto Frau Stantejsky den Wirtschaftsprüfern nicht ausreichend erklären konnte. Und am Ende stand das so genannte «System Stantejsky» mit Fehlbeträgen in Millionenhöhe.

Warnungen in den Wind geschlagen

Schon lange hatten die Direktoren des Burgtheaters darauf aufmerksam gemacht, dass die seit Jahren eingefrorenen Zuschüsse nicht mehr ausreichen würden, um das künstlerische Niveau zu halten. Aber die Warnungen wurden nicht gehört. Und so baute Stantejsky ein abenteuerliches Konstrukt von Transaktionen und Kassen auf und schob grosse Summen zwischen ihren eigenen Konten und denen des Theaters hin und her, um die Bilanzen aufrecht zu erhalten und auch, um die singuläre Bedeutung der «Burg» als einer Art Oase des ungestörten Schaffens und Hort der besten (und teuersten) Theatermacher zu bewahren.
Sie gewährte Vorschüsse aus der eigenen Kasse und schrieb die Beträge später wieder dem eigenen Konto gut. Sie verwahrte die Gagen der Gäste und jonglierte wohl mit dem anvertrauten Geld, um den Theaterbetrieb nicht zu gefährden. Nur: Diese Undurchsichtigkeiten widerspiegelten sich auch in der Bilanz des ganzen Betriebs. Aber trotz aller KPMGs und Aufsichtsräte wollte niemand etwas bemerkt haben.
Dass Silvia Stantejsky sich bereichert hat, glaubt eigentlich niemand. Aber seit Anfang April muss sie sich vor Gericht verantworten. Die Vorwürfe reichen von Urkunden- und Beweismittelfälschung über Untreue bis zu Geldwäsche.
Für die Politik ist alles klar: «Jetzt muss die finanzielle Stabilität im Vordergrund stehen!» Geplant sind Kurzarbeit, massive Reduktionen der Produktionsmittel und Entlassungen. Das Burgtheater ist in der Realität angekommen. Dass damit ein Humus gefährdet ist, der Produktionen wie «Die letzten Zeugen» erst möglich macht, steht auf einem anderen Blatt.

 

Adrian Furrer ist professioneller Schauspieler und lebt in Henggart ZH.

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch  

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