Theologie des Lebens

Vorgestellt: Der Gott des Lebens

Peter Henning Wir leben drauf los, ohne zu wissen, was wir eigentlich tun. Und oft leben wir so, wie wenn es einen Schöpfer des Lebens nicht geben würde. Verpassen wir aber dadurch nicht das «eigentliche Leben», also eine besondere Qualität und Tiefendimension unserer Existenz?

 

Jeder Mensch wird ungefragt in eine Wirklichkeit hineingestellt, deren Ursprung und Wesen immer noch ein Rätsel ist. Und warum es Leben nur in der polaren Spannung zwischen Anfang und Ende, Geburt und Tod gibt, ist ebenso rätselhaft. Daran haben auch alle wissenschaftlichen Erkenntnisse der Neuzeit nichts geändert. Im Gegenteil: Je umfassender und tiefer die Forscher dank modernster Technologien in die Geheimnisse des Mikrokosmos und Makrokosmos eindringen können, desto mehr stossen sie – paradoxerweise – an Grenzen des Begreifen-Könnens.

Wir leben — aber wissen wir überhaupt, was Leben ist?
Dass sich im Zusammenspiel von Zeit, Raum, Licht und Materie – plötzlich oder allmählich? – Leben in solch einer komplexen Form entwickeln konnte, wie wir es täglich auf unserer Erde erleben, bleibt bis heute ein faszinierendes, unerklärliches Geschehen. Natürlich lassen sich bestimmte Genesen, Prozesse, Abläufe, Kausalitäten, Modifikationen und Mutationen naturwissenschaftlich im Einzelnen längst exakt erklären. Astronomie, Physik, Chemie, Genetik, Biologie und Medizin überraschen uns laufend mit neuen Entdeckungen, Erkenntnissen, Zusammenhängen und Einsichten. Aber das Phänomen Leben auf unserer Erde bleibt unergründlich.
Was der Kirchenvater Augustin (354-450) über die Schöpfung von Himmel und Erde sowie die Zeit sagt, gilt genauso für das Leben: «Du also, Herr, hast sie geschaffen, der du schön und gut bist. Dies wissen wir, Dank sei dir! Doch unser Wissen ist, verglichen mit deinem Wissen, nur Nichtwissen. Was also ist ‚Zeit‘? Wenn mich niemand danach fragt, weiss ich es; will ich es einem Fragenden erklären, weiss ich es nicht»1.
Die letzten Geheimnisse des Lebens sind zwar erlebbar und erkennbar. Aber wir können sie nicht erklären.
Das spüren wir besonders intensiv jedes Mal bei der Geburt eines Kindes und beim Sterben uns vertrauter Menschen.
Nach zwei Jahrhunderten einer teils euphorisch dominanten Wissenschaftsgläubigkeit sind Demut, Bescheidenheit und eine neue Offenheit für die Möglichkeit eines schöpferischen Prinzips, eines göttlichen Designers oder schlicht für Gott wieder zurückgekehrt.
Diese Offenheit hat sich in jüngster Zeit unter Naturwissenschaftlern derart ausgebreitet, dass sie von den Medien bereits als «Gottes neue Priester»2 betitelt werden. Sie kommen dementsprechend häufig zu Wort, beispielsweise in der jüngsten Weihnachtsnummer des Beobachters. Dort bekannte der Basler Astrophysiker Bruno Binggeli in einem Interview: «Ich habe es ähnlich erlebt wie der berühmte Physiker Werner Heisenberg. Zuerst wird man als Wissenschaftler euphorisch und denkt, aha, man brauche gar keinen Gott, weil man alles rational erklären könne. Dann merkt man irgendwann, dass man doch nicht alles erklären kann. Und man wird empfänglicher für die Rätsel und Wunder, die bleiben. Das bringt einen zu dem, was man Glauben nennt. Für mich ist das aber nicht der Glaube an ein Dogma, sondern allgemein der Glaube an etwas Grösseres, was wir nicht ganz erfassen können. Und das ist irgendwie tröstlich»3.
Interessant erscheint mir, wie heute die augustinische Wendung vom «Wissen als Nichtwissen» wieder aufgegriffen wird. Es wird hier geradezu als «tröstlich» und befreiend empfunden, dass sich das «Grössere» rational-wissenschaftlich nicht begreifen lässt.
Der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer hat jüngst in einem Essay an Albert Einstein erinnert. Ihm sei es 1905 in Bern exemplarisch gelungen, die Qualität der Wissenschaft als die Fähigkeit zu bestimmen, die Natur einerseits so exakt wie möglich zu analysieren, zu verstehen und zu beschreiben und andererseits alles Unerklärliche in geheimnisvolle Erklärungen zu verwandeln. Daraus folgert Fischer: «Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Forschung die Geheimnisse der Natur lüftet. Vielmehr vertieft sie diese und zeigt so den Menschen, wie viel Zauber im Wirklichen tatsächlich steckt. Die Wissenschaft verzaubert die Welt durch ihre Erklärungen, und wir sollten uns darüber freuen. Sie tut es für uns»4. Fischer verwendet den Begriff «Verzauberung» bewusst als Gegenbegriff zur gängigen Überzeugung am Beginn des 20. Jahrhunderts, jetzt könne die Naturwissenschaft Welt, Natur und Leben endgültig «entzaubern» und die Annahme eines Schöpfergottes sei damit hinfällig.    

Gibt es ihn überhaupt — den «Gott des Lebens»?
Die erwähnte Offenheit für eine transzendente Kraft bleibt jedoch weitgehend ungewiss und unbestimmt. Allerdings verbindet sich diese neue wissenschaftliche Bescheidenheit und Selbstbeschränkung häufig mit Staunen, Ehrfurcht, Faszination, Glauben und Hoffen.
Bezeichnend dafür ist eine Aussage des Direktors des Cern in Genf, wo vor kurzem das sogenannte «Gottes- bzw. Higgsteilchen» nachgewiesen wurde. Auf die Frage, ob er Gott zur Erklärung der Welt noch brauche, meint der Experimentalphysiker Rolf Heuer: «Da bin ich aufgeschmissen. Die Vorstellung fällt mir schwer, dass am Anfang nur eine energiereiche Masse vorhanden war und sonst nichts. Doch wenn es Gott gibt, dann stelle ich mir die Frage: ‚Gibt es etwas vor Gott?’ Also … mmh … ich bin da noch am Schwanken. Die Antwort hebe ich mir für die Pensionierung auf»5. Und der amerikanische Physiker Freeman Dyson vermutet: «Wenn wir ins Universum hi-
nausblicken, wie viele Zufälle in Physik und Astronomie zu unserem Wohl zusammengearbeitet haben, dann scheint es fast, als habe das Universum in einem gewissen Sinne gewusst, dass wir kommen»6.
Gibt es ihn überhaupt, diesen «Gott des Lebens», der das Leben gewollt und deshalb erschaffen hat, also einen Schöpfer des Himmels und der Erde, des Universums oder des Multiversums?
Wissenschaftlich und philosophisch ist die Antwort klar: Wir können es nicht wissen. Nicht erst Immanuel Kant, schon Sokrates hatte resigniert festgestellt: «Ich weiss, dass ich nichts weiss.» Damit drückt er aus, woran wir Menschen prinzipiell leiden: Wir sind zwar mit dem gleichen Geist ausgestattet, der die Welt und alles Leben ins Dasein gerufen hat. Deshalb fragen und denken wir unaufhörlich über das Leben nach, bekommen aber keine rational begründeten Antworten. Diese Denk-Not prägt die gesamte Geistesgeschichte bis heute.
So auch den schon erwähnten Augustin: In seiner Autobiografie grübelt er, ob, wie, warum und wozu Gott die Welt überhaupt ins Leben gerufen hat. Er würde Mose als Verfasser der Schöpfungsgeschichte gerne kritisch befragen, woher er denn sein Wissen zur Entstehung allen Lebens habe, schreibt Augustin. Aber sogar wenn Mose ihm antworten könnte, bliebe er doch skeptisch: «Und spräche er und verstünde ich, was er sagte, doch woher wüsste ich, dass er die Wahrheit sagte? Und wenn ichs wüsste, wüsste ichs dann von ihm?» An dieser Stelle öffnet sich Augustin für eine andere Erkenntnisquelle: «Wie dem auch sei, es würde mir drinnen, tief drinnen in der Wohnstatt des Denkens die Wahrheit ohne das Mittel von Mund und Zunge sagen: ‚Er sagt die Wahrheit.‘ Und ich würde dann sogleich vom Zweifel frei. – Da ich Mose nun nicht fragen kann, so bitte ich dich o Wahrheit, dich mein Gott: Wie du jenem deinem Knecht dies zu sagen gegeben hast, so gib auch mir, dies zu verstehen»7. Augustin gehört zu den unzähligen Denkern, die nicht Agnostiker wurden und werden. Weil er entdeckt hat, dass Wissenschaft und Glaube keine Gegensätze sind, sondern sich ergänzen8.

Woher der Glaube?
Aber nun stellt sich die Frage, woher dieser «Glaube» denn kommt! Der Existenzialphilosoph Karl Jaspers (1883-1969) antwortet überraschend ungewohnt: Glaube komme ursprünglich gerade nicht aus den Grenzerfahrungen des Lebens, «sondern aus der Freiheit des Menschen. Der Mensch, der sich wirklich seiner Freiheit bewusst wird, wird sich zugleich Gottes gewiss. Freiheit und Gott sind untrennbar. Warum? Ich bin mir gewiss: In meiner Freiheit bin ich nicht durch mich selbst, sondern werde mir in ihr geschenkt. Wo ich ganz eigentlich ich selbst bin, bin ich gewiss, dass ich es nicht durch mich selbst bin. Die höchste Freiheit weiss sich in der Freiheit von der Welt zugleich als tiefste Gebundenheit an Transzendenz. Gott ist für mich gewiss in der Entschiedenheit, in der ich existiere»9.
Demnach weist also jeder Mensch, also auch meine ureigene Existenz auf eine letzte Instanz hin, der sich alles Leben verdankt: Gott!

Gott des Lebens — sein Wesen und Wirken

Warum Gott das Leben gewollt, wie er es geschaffen hat und warum es endlich ist, können wir zwar nicht ergründen. Aber genauso unergründbar, unerklärlich und unvergleichlich10 hat sich der lebendige Gott in unserer Existenz überraschend zu Wort gemeldet und sich als Ursprung, Sinngeber und Ziel allen Lebens vorgestellt. Die Bibel dokumentiert diese Selbstoffenbarungen des Gottes, der das Universum und im Speziellen unser Sonnensystem mit dem einzigartigen «blauen Planeten» Erde und seinen Lebewesen geschaffen hat11.
Gott allein ist Leben in unvorstellbarer Fülle vor aller Zeit «von Ewigkeit bis Ewigkeit»12.  Dieses biblische von «Ewigkeit her» kann unser dreidimensionales Denken nicht denken! Aber nun ist das Leben ein Faktum und die Erde produziert die Lebensgrundlage für alle Lebewesen13. Gott redet und handelt so souverän und majestätisch, so schöpferisch und fantasiereich, so gewaltig und grossartig und so vorausschauend und planvoll, dass jeder Mensch in der Natur Gottes Wirken eigentlich erkennen könnte, wenn er es denn wollte14.
Dass wir unsere Existenz dem Erhaltungswillen Gottes verdanken, hat das Volk Israel über Jahrhunderte hinweg immer wieder in wundervoller Poesie und Lyrik zum Ausdruck gebracht15. Die Menschen freuen sich an der Gewissheit, dass ihr Leben ein Teil des lebendigen Gottes ist, ja, dass sie in geheimnisvoller Weise mit dem Gott des Lebens «verwandt» sind. Sie bezeichnen den Geist und den Atem des Menschen geradezu als «Atemhauch Gottes» oder «Geist Gottes»16 und sind sich dieser Abhängigkeit bewusst17.
Menschliches Leben wird in der Bibel als göttliche Leihgabe verstanden. Deswegen betont die jüdische und christliche Theologie mit Nachdruck des Menschen Würde, Wert und Sinn. Gott hat ihn als Mann und Frau als Partner nach seinem Wesen geschaffen und ihn zur Sozialität, Kreativität und Verantwortung berufen und beauftragt. «Was ist der Mensch, dass du, Gott, an ihn denkst? Wer ist er schon, dass du dich um ihn kümmerst? Du hast ihn nur wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre, Hoheit und Würde hast du ihn gekrönt»18. Deshalb haben
Jesus und die Apostel betont, dass Gott dem Menschen «ohne Ansehen der Person» begegnet. Alle Unterschiede wie Rasse, Geschlecht, Bildung, Stand, Besitz oder körperlicher Zustand heben die Menschenwürde und Menschenrechte nicht auf, sie sind ein genuin jüdisch-christliches Anliegen!
Leben ist demnach auch eine ethische Kategorie. Leben entfaltet sich optimal dort, wo es von uns so gepflegt, kultiviert, geachtet und geschützt wird, wie es Gott vorgibt. Leben gedeiht, wo der Gerechtigkeit Gottes im Gehorsam nachgelebt wird – das ist der biblische Grundtenor19. Wahre Qualität des Lebens ergibt sich letztlich nur im Bezug zu Gott20.

Gott des Lebens — über den Tod hinaus
Wie anfangs angedeutet, vollzieht sich die Existenz aller Lebewesen zwischen Geburt und Sterben, Leben und Tod, Werden und Vergehen. Wenn der Existenzialphilosoph Martin Heidegger (1889-1976) das Leben als ein ängstliches Dasein zum Tode definiert, entspricht er damit unzähligen Aussagen der Bibel: Das Leben ist ein Hauch, ein Weberschiffchen, so kurzlebig wie der Tau am Morgen oder das Gras und die Blumen auf dem Felde21. «Wo ist jemand, der da lebt und den Tod nicht sähe, der seine Seele aus der Hand des Todes retten könnte»22?
Der Tod wird als bittere Realität erfahren und als Folge der Sünde gedeutet23. Nun kommt es jedoch in der Geschichte zu einer unüberbietbaren Überraschung: Jesus Christus hat das Gericht des Todes stellvertretend für uns erlitten24 und dadurch die Vergänglichkeit des gesamten Kosmos aufgehoben25. Wer das glaubt und dem auferstandenen Christus vertraut, erfährt eine eschatologische Perspektive auf die ewige Erfüllung seines Lebens über den Tod hinaus. Deshalb erinnern die Apostel in ihren Gemeindebriefen immer wieder triumphierend an diese «lebendige Hoffnung» auf das künftige ewige Leben in ungetrübter Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott in einer Dimension, wo die leid- und schuldhaften Brüche unseres gegenwärtigen Lebens und der Tod überwunden sind26.
Gott ist und bleibt ein Gott des Lebens, denn er ist auch der Herr des Todes. Dieser Gewissheit hat Paulus einen kurzen einprägsamen Hymnus gewidmet:
«Unser keiner lebt sich selber und keiner stirbt sich selber.
Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn.
Darum: Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebendige Herr sei»27.

1  Augustinus, Bekenntnisse/Confessiones XI, 4;14
2  Facts, 24. März 2005, S. 60
3  Beobachter 26/2014
4  Ernst Peter Fischer: Die Verzauberung der Welt. Eine andere Geschichte der Naturwissenschaften. München 2014. Dazu sein Essay im TA vom 25. September 2014, S. 34
5  Lauter Teilchenbeschleuniger: Menschen am Cern. Das Magazin, 25. Oktober 2013. S. 29
6  Facts, 24. März 2005, S. 60. Vgl. die atheistische[!] Kritik am reduktionistischen Materialismus des amerikanischen Philosophen Thomas Nagel in Geist und Kosmos. Berlin 2013. Die Zeit, 43/2013, S. 60.
7  Augustinus, Bekenntnisse/Confessiones XI, 3
8  So auch neuerdings: Jürgen Habermas: Dankesrede Glaube und Wissen. Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Börsenverein des Deutschen Buchhandels 2001, S. 9-15
9  Karl Jaspers: Einführung in die Philosophie. München 1966. S. 43f.
10  Jes 46,5-10; Jer 10,10-13
11  1 Mose 1-2; Ps 136,1-9; 104,24
12  Ps 90,1-2
13  1 Mose 8,21-22; Jer 33,20-25
14  Röm 1,19-20
15  Ps 104; besonders eindrücklich: Hiob 38+39
16  1 Mose 2,7; Hiob 27,3; 33,4; Ps 104,30; Jes 42,5; 1 Kor 15,45
17  Ps 90,3; 104,29; Hiob 34,13-14
18  1 Mose 1,27; Ps 8,5-6
19  2 Mose 20,2-17; 5 Mose 30,11-15; Am 5,14-15; Gal 6,7-10
20  Besonders eindrücklich ausgeführt in Eph 2,1-10
21  Hiob 7,6-10; Ps 39,6-7; 90,5-6
22  Ps 89,49
23  1 Mose 2,17; Röm 5,12ff; 6,23
24  Mk 10,45; Röm 6,3ff.; 2 Kor 5,19ff.
25  Röm 8,18ff; 2 Petr 3,13
26  Röm 8,31-39; Offb 21
27  Röm 12,7-9 


Peter Henning, Pfr. Mag. Theol., ist Dozent am Theologisch-Diakonischen Seminar TDS in Aarau.
p.henning@STOP-SPAM.tdsaarau.ch

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