Gesellschaft

Die Einstellung zum Tod beeinflusst das Leben

Alex Nussbaumer Unsere Einstellung zum Tod beeinflusst unsere Einstellung zum Leben. Erstere wiederum wird nachhaltig beeinflusst von unse-rer Vorstellung davon, ob und wenn ja wie es nach dem Tod weitergeht. Wie in allen diskutierbaren Fragen gibt es auch hier eine grosse Vielfalt von Antworten.

Ich versuche im Folgenden, einen gesellschaftlichen Grundstrom in der Haltung dem Sterben und dem Tod gegenüber herauszuspüren – und die entsprechenden Auswirkungen auf das Leben aufzuzeigen.

Der Tod als Filmriss
Man kann sich den Tod als eine Art Filmriss vorstellen. Über die Auswirkung auf das Leben, die diese Haltung hat, sagte einmal ein Witzbold: «Früher wurden die Menschen 35 und hatten noch eine ganze Ewigkeit vor sich. Heute sterben sie mit 85 und müssen in diese Zeit alles hineinkriegen, was das Leben zu bieten hat.» Eine reine Diesseitigkeit erzeugt Druck auf die Lebenstage hier auf Erden. Krankheiten, die das Leben einschränken, sind vor diesem Hintergrund nur schwer einzuordnen. Ein bis zum Schluss ausgefochtener Krankheits- und Todeskampf ist sinnlos. Ohne Genuss gibt es kei-nen Sinn im Leben.

Wenn es nichts zu verantworten gibt
Die Angst vor dem Fegefeuer und der Hölle, die Menschen früherer Jahrhunderte von der Kirche eingejagt wurde, hatte sehr negative Folgen auf das Grundgefühl gegenüber dem Leben. Bis heute können schiefe Gottesbilder Depressionen und Lebensüberdruss erzeugen.
Die Überzeugung, dass wir uns vor einem persönlichen Gott zu verantworten haben, ist heute weitgehend verlorengegangen. Es ist gut, dass die heutige Kirche den Menschen keine Fegefeuer- und Höllenängste mehr einjagt. Ist es aber auch gut, dass wir keinen Verantwortungshorizont mehr haben? Das verändert die Einstellung zum Leben fundamental.
Ohne die Vorstellung einer persönlichen Verantwortlichkeit lässt sich eine nachhaltige Ethik nur schwer begründen. Ich denke hier nicht an eine Schönwetterethik im Sinn von «Seid nett zueinander», sondern an Entscheidungssituationen, in denen wir möglicherweise Nachteile zu gewärtigen haben, wenn wir nach unseren Überzeugungen handeln. Wenn ich ohnehin nichts zu verantworten habe, verhalte ich mich doch besser stromlinienförmig.
Die klassisch-biblische Anschauung lautet anders: Wir werden einmal geboren, leben einmal, sterben einmal und verantworten uns dann vor Gottes Gericht. Abgesehen von den Vertretern einer Allversöhnungslehre ist allen klar: In diesem Gericht gibt es zwei mögliche Ausgänge: ewige Errettung oder ewige Verdammnis.
Die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross stellte dies in ihren Büchern in Frage und hatte damit einen nachhaltigen Einfluss. Kübler-Ross berichtete von Nahtoderlebnissen. Sie schilderte diese Erfahrung als Eintauchen in ein grosses Licht. In ihren Berichten verliefen diese Erlebnisse fast ausschliesslich positiv.
Dieser Paradigmenwechsel ist es, der – neben vielem anderem – das Aufkommen von «Exit» möglich gemacht hat. Nach dem Tod tauchen wir ins Licht ein. Wir haben nichts zu verantworten, auch nicht eine Selbsttötung.
Ein anderer Sterbeforscher1 kam allerdings auf weniger lichtvolle Be-schreibungen als Kübler-Ross. Seine Untersuchungen ergaben, dass rund die Hälfte der Nahtoderlebnisse schrecklich sind. Diese Erkenntnis drang aus zwei Gründen nicht zu Kübler-Ross durch:
1. Die Befragungen kurz nach Nah-toderlebnissen zeigten oft dunkle Bilder, ja Horrorszenarien. Wurden dieselben Personen nach einigen Tagen aber wieder befragt, konnten sie sich häufig an nichts mehr erinnern2. Da scheint die Verdrängung mit Erfolg gewirkt zu haben.
2. Der Sterbeforscher stellte seine Ergebnisse Kübler-Ross zu3. Sie war aber nicht bereit, diese zu lesen. Gab es auch hier eine Verdrängung?

Es geht irgendwie weiter

Bei aller Unterschiedlichkeit von Einstellungen gegenüber dem Tod sehe ich in unseren Breiten eine gesellschaftliche Grundtendenz: Zum konsequenten Atheismus ringen sich die wenigsten durch.
Für die Haltung «Es geht irgendwie weiter» liefern die Vorstellungen von Frau Kübler-Ross eine zwar unzutreffende, aber wohlfeile Antwort. Was unter diesen Vorzeichen mit dem Leben vorher gemacht wird, kann durchaus gut sein. Aber wenn der letzte Bezugshorizont fehlt,
steht alles unter dem Zeichen der Beliebigkeit. Und wenn das Leben ausser der Aussicht auf einen schmerzlichen Abschied nichts mehr zu bieten hat, dann wählt man halt den «bequemsten» Ausgang – den «Exit».

1 Maurice S. Rawlings
2 veröffentlicht im Buch «Zur Hölle und zurück», Hamburg, 1996, 4. Auflage
3 Seiten 39 und 132 f.

 

Alex Nussbaumer ist Pfarrer der Reformierten Landeskirche

alex.nussbaumer@zh.ref.ch

To top