Religionen

Populärer aggressiver Atheismus

Georg Schmid Mag sein, dass ich mich früher als Pfarrer zu wenig in den dafür zuständigen Kreisen bewegte. Jedenfalls fiel ich aus allen Wolken sanft christlicher Denkkultur, als ich mich im vergangenen Herbst auf das Abenteuer eines Bloggers in Hugo Stamms Sektenblogs einliess.

 

Neben manchen verständnisvollen Beiträgen und Einwürfen stiess ich – wenig überraschend – auch auf affektierte Selbstinszenierungen. Was mich aber wirklich überraschte, war die Derbheit und Heftigkeit der atheistischen Kritik, die mir von einzelnen prominenten Bloggern entgegenschlug.


Überholte Erkenntnisse
Die These zum Beispiel, dass Jesus nie existiert habe, glaubte ich schon seit Generationen überwunden. Mitnichten! In den Hugo-Stamm-Blogs feiert sie ihre freche Auferstehung. Dass Jesus – der nie existiert hat – darüber hinaus noch als Scheusal von seinen Erfindern konzipiert wurde, als rabiater Sadist und Masochist, der ständig mit der Hölle drohte, der sich im Ernstfall sogar die eigene Hand abgeschnitten hätte und der dazu aufrief, seine Eltern zu hassen, würde die meisten Christen dazu veranlassen, die Blogseiten schleunigst wieder zu verlassen. Ich blieb und frage meine atheistischen Bloggerkollegen: «Woher habt ihr diese 'Erkenntnisse'?» Zum Teil scheinen sie die Bibel zu lesen, wobei sie aber immer nur auf Stellen achten, die sich möglichst brutal und absurd auslegen lassen. Zum Teil stützen sie sich auch auf Universitätstheologen, die, von der Kirche und der Theologie frustriert, ihre Wut in einen antichristlichen Bestseller einfliessen lassen. Der theologische Mainstream mit seinen gediegenen Bibelkommentaren wird von ihnen nicht konsultiert. Denn man weiss zum vornherein, dass Theologie nichts bringt. Die absurden Bibeldeutungen gingen zum Teil so weit, dass sogar die Paulusbriefe erst als Werke des 2. Jahrhunderts bezeichnet wurden, womit sich sogar die Historizität des Paulus im Dunst atheistischer Theoriebildung auflöste. Was sollte ich angesichts dieser Argumente noch sagen?

Seelsorgerliche Sorgfalt?
Kollegen rieten mir, mit den atheistischen Bloggerbrüdern und -schwestern seelsorgerlich umzugehen, sie in ihren Verletzungen, die ihnen Kirchen oder fromme Verwandte zugefügt hatten, ernst zu nehmen. Aber diesen «seelsorgerlichen» Zugang hassen viele Blogger wie die Pest. Ihr Atheismus ist in ihren Augen in keiner Weise biografisch bedingt. Ihr Atheismus und ihre Religionskritik hat in ihrem Verständis mit Emotionen rein gar nichts mehr zu tun. Ihr Atheismus entspringt ihrem «Rationalismus», d.h. ihrer radikal vernünftig durchdachten und kritisch hinterfragten Weltanschauung. Wer nach biografischen Motiven im Atheismus sucht, beleidigt nur den unverkennbar stolzen Rationalismus des atheistischen Bloggers. Kurz – der Seelsorger in mir scheiterte angesichts dieser Bloggervoten.

Religion als Grundübel der Menschheit

Nicht besser ging es dem Religionswissenschaftler in mir. Fast am meisten ärgerte mich, wenn Religionen insgesamt als Grundübel der Menschheit und als zutiefst abschaffungswürdig bezeichnet wurden: «Erst wenn die Welt keine Religionen mehr kennt, wird sie zur friedlichen Welt.» Natürlich verstehe ich den Ärger und auch die Wut, welche die nicht enden wollenden Untaten der Islamisten auslösen. Wenn Religion nur das wäre, was u.a. der Islamische Staat uns vorführt, dann wäre es in der Tat das Beste, wir würden jede Religion abschaffen. Selbstverständlich versuchte ich immer wieder auf andere, menschenfreundliche Aspekte der Religionen hinzuweisen. Aber worauf kann ich noch hinweisen, wenn mein Gegenüber nicht mehr bereit ist hinzuschauen?
Ich schliesse diese Glosse bewusst mit Fragen. Ich schreibe diese Zeilen nicht, weil ich nun nach gehabten Erfahrungen mit den Hugo-Stamm-Blogs weiss, wie man mit Atheisten und Freidenkern umgeht. Ich schreibe, weil ich es nicht mehr weiss.

 

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.

georg.schmid@STOP-SPAM.swissonline.ch 

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