Theater

Human Resources

Adrian Furrer Ungeheuerliches spielte sich vor zwei Jahren im Theater der südkoreanischen Provinzstadt Daejong ab. Die Zuschauer im prächtigen Saal erwarteten einen Ballettabend des weltbekannten Choreografen Jérôme Bel. Den bekamen sie auch zu sehen. Womit sie aber nicht gerechnet hatten, war, dass anstatt topp ausgebildeter Bewegungsspezialisten zehn Schweizerinnen und Schweizer mit unterschiedlichsten Behinderungen auf der schmucklosen Bühne sitzen und stehen und ungeschminkt von ihren offensichtlichen Beeinträchtigungen erzählen würden.

«Ich bin en fucking Möngi», spricht einer der Spieler ins Mikrofon auf der Bühnenmitte. «Ich han es Downsyndrom und es tuet mer Leid», sagt eine andere. Und dann beginnen sie zu tanzen, ungestüm und wild die einen, verhalten und «ungelenk» die andern, aber alle in einer ganz eigenartigen Schönheit. Spezialisten ihrer selbst. Die Zuschauer in Daejong reagieren betreten; schweigend verlassen sie das Theater.

Zwischen Schock und Triumph

Ein Schock, mit dem sie so nicht gerechnet hätte, sei es gewesen, meinte die Programmverantwortliche; zu fremd für eine Gesellschaft, die darauf bedacht ist, Gefühle wenn möglich zu verbergen und in der behinderte Menschen bis vor kurzem in der Öffentlichkeit keinen Platz hatten. In der Hauptstadt Seoul war die Resonanz eine ganz andere, ähnlich der in Brasilien oder in Avignon und Berlin, wo die Zürcher Theatergruppe Hora an zwei der bedeutendsten Theaterfestivals grosse Erfolge feierte.
Das professionell organisierte Ensemble für Menschen mit geistiger Behinderung war mit dem Stück «Disabled Theatre» ein grosses Wagnis eingegangen: weder durch Spielfiguren noch Kostüme geschützt, machten die Schauspielerinnen und Schauspieler sich selber und ihre Geschichten zum Thema. Viele hatten davor gewarnt. Sie hatten Angst, dass der Abend zu einer Freakshow, zum Menschenzoo werden könnte. Er wurde zum Triumph.

Spezialisten des Scheiterns ...

Dorthin, wo es wehtut, an die Grenzen des Peinlichen, an das Infragestellen der eigenen Persönlichkeit gehen auch die Schauspieler der freien Theatergruppe kraut_produktion mit ihrem künstlerischen Leiter Michel Schröder. Immer wieder loten sie die Untiefen und Abgründe des (klein-)bürgerlichen Lebensentwurfs aus, auch des eigenen, und begeben sich an die ausfransenden Ränder der zivilisatorischen Firnis und Ästhetik, die oft gar nicht weit weg sind von den Zentren der Gesellschaft.
Auch sie sind Spezialisten: Spezialisten des Scheiterns. Don Quijote, Joseph Conrads «Herz der Finsternis», der Tod in einer postreligiösen Welt sind ihre Themen, das Zerbrechen der Utopien und die Unzulänglichkeiten des eigenen Daseins. Und ähnlich wie die Produktionen der Gruppe Hora sind auch die Arbeiten von kraut_produktion oft wild und ungestüm und gehen dem Ungelenken nicht aus dem Weg. Verhalten sind sie nicht, aber bisweilen halten sie inne und lassen Raum fürs Nachdenken – und für die Leere.

... und der Poesie
Für ihre jüngste Produktion haben die beiden Gruppen zusammengearbeitet. Entstanden ist, wen wunderts, kein konsumerables Stück Theater: Es gibt keine stringente Geschichte, keinen roten Erzählfaden, sondern ein Konvolut von Szenen, Musik,
Videoschnipseln, Spielen, Publikumsansprachen. «Ein Gemeinschaftsdelirium» nennt Michel Schröder seine Inszenierung im Untertitel.
Das trifft es ziemlich genau. Delirien sind die meisten seiner Abende. Man wird von Eindrücken, Bildern, Einfällen, Texten überrascht und überrumpelt, verunsichert – einige wohl auch verärgert – und beglückt. Durchtränkt sind sie von absurdem, bösem, freundlichem Humor. Man weiss nicht, wo einem der Kopf steht. Bis man sich wegtragen lässt vom Rhythmus der Bühne und seine Sinne öffnet für die Unmittelbarkeiten. Und hinter aller Wut, allem Aberwitz und der sarkastischen Analyse eine mögliche Seele des Spiels erkennt, eine grosse «menschliche» Wärme.
Denn darin sind die Mitwirkenden auch Spezialisten: in der Poesie, der Zärtlichkeit und – in der Gemeinschaft. Wunderbar ist es, wie die Hora- und die kraut-Schauspieler zusammen agieren und wie sich die Frage nach «behindert» und «nicht behindert» auflöst. Wahrscheinlich sind wir alle immer beides.
HUMAN RESOURCES heisst der Abend. Und vielleicht ist dies die wichtigste Intention des Abends. Die Befreiung dieses Begriffs aus dem Gefängnis der neokapitalistischen Leistungsbedeutung hin zu Orten, bei denen es die «menschlichen Hilfsmittel» wirklich braucht: im Zusammensein, im Füreinander-Einstehen auf dem Weg durch das gefährdete Dasein.

 

Adrian Furrer ist Schauspieler und Regisseur und wohnt in Henggart ZH.

adrian.furrer@STOP-SPAM.sunrise.ch  

To top