Bibel

Wie hast du es mit der Bibel?

Felix Ruther Ich las einmal von einem jungen Mann, der mit Gott einen Deal abgemacht hatte. Sein Gebet lautete etwa so: «Lieber Gott, wenn du mir die Sünden vergibst, dann lese ich morgen fünf Kapitel in der Bibel.» Tags darauf betete er: «Lieber Gott, wenn du mir nochmals die Sünden vergibst, dann lese ich die noch nicht gelesenen fünf Kapitel und zusätzliche fünf.» Nach einer gewissen Zeit, als die Leseschuld auf über hundert Kapitel angewachsen war, gab er den Glauben auf.

Was ist da schief gelaufen? Nicht nur, dass das Gottesbild dieses jungen Mannes von argen Verzerrungen durchdrungen war, auch sein Zugang zur Bibel scheint nur von Pflichtgefühlen gesteuert gewesen zu sein. Gott braucht unsere Bibellektüre nicht, damit er uns vergeben kann. Eigentlich müssten das alle Christen wissen, war sich doch die Christenheit immer schon darüber einig, dass das Wort Gottes, das uns aus der Schrift entgegenkommen will, Leben fördert – gutes Leben. Daher – und nicht weil es eine lästige Pflicht wäre – gehört das Bibellesen zum Christsein.

Das persönliche Wort heraushören

Als Christen befinden wir uns in einem niemals endenden Gespräch mit der Bibel, das grundlegend ist für unsere Identität und Vision. Gott redet auch heute durch die Bibel zu uns Menschen. Auf diese Weise schafft und erhält er unseren Glauben, beschenkt und leitet uns mit seinem Geist und lehrt uns alles, was für unser Heil wichtig ist. Für unser Heil ist das wichtig, was für unsere Gemeinschaft mit Gott wichtig ist. Denn die Gemeinschaft mit Gott ist unser Heil. Doch die Worte der Bibel können nur dann zur Nahrung für uns werden, wenn wir darin Gott selber vernehmen: als Gott, der uns persönlich anspricht und von uns eine Antwort erwartet.
Vielen Christinnen und Christen scheint aber die innere Fähigkeit verloren gegangen zu sein, in der Bibel das Wort Gottes an sie persönlich zu hören. Das ist eine Not, der wir allenthalben begegnen, nicht nur bei Theologen. Oft wird dies nicht einmal mehr als Not empfunden, weil viele Menschen gar nicht mehr wissen, was ihnen damit eigentlich verloren geht. In manchen Kreisen sucht man Abhilfe, indem man sich grosszügig über alle exegetisch-wissenschaftlichen Erkenntnisse hinwegsetzt. Anderen verbietet jedoch eine innere Wahrhaftigkeit, diesen allzu einfachen Weg zu gehen. Doch die Frage bleibt: «Wie können wir durch die Schriften der Bibel das persönliche Wort Gottes vernehmen?» Denn wer dieses Wort schon einmal vernommen hat, der wird die Bibel nicht mehr aus reinem Pflichtgefühl heraus lesen. Er wird zwar den mühsamen Weg des ständigen Suchens und Grabens gehen müssen – wie andere auch. Aber eben nicht aus einer Schuldigkeit heraus, sondern geleitet von der Sehnsucht nach einem Mehr, das man sich nicht selber geben kann.

Das Wort in die Hände nehmen

Doch wie könnte das gehen? Ein Zitat von Paul Roth1 begleitet mich in dieser Frage seit Jahren: «Einmal am Tag, da solltest du ein Wort in deine Hände nehmen, ein Wort der Schrift. Sei vorsichtig, es ist so schnell erdrückt und umgeformt, damit es passt. Versuche nicht, hastig zu 'melken', zu erpressen, damit es Frömmigkeit absondert. Sei einfach einmal still. Das Schweigen, Hören, Staunen ist bereits Gebet und Anfang aller Wissenschaft und Liebe. Be-taste das Wort von allen Seiten und lege es an dein Ohr wie eine Muschel. Stecke es für einen Tag wie einen Schlüssel in die Tasche, wie einen Schlüssel zu dir selbst.»
Das ständige Gebet um Hunger nach Gott und seinem Wort ist eine gute Voraussetzung für eine neu erwachende Hörbereitschaft. Denn wie Offenheit und Hunger nach Gott auf natürlichem Weg zur Bibel führen, so leitet ihr häufiger Gebrauch ganz natürlich zum Geist Gottes, der lebendig macht und zu Jesus Christus, unserem Herrn, dem wir nachfolgen möchten.

 

Membran und Stimme

Paul Schütz

In der Bibel begegnen wir einem Subjekt, einem wirklichen Subjekt, das sich nicht zum Objekt – zum Beispiel der Forschung – machen lässt, sonst verstummt es. Dieses Subjekt spricht. Es hat eine Stimme. Die Texte der Bibel sind ihre Membran. Membran und Stimme sind nicht dasselbe. Nur im Anhauch der Stimme zittert ihre Membran. Ohne die Stimme ist die Membran einfach Haut, nicht mehr. Die Stimme ist aber leise. Um sie zu vernehmen, muss man hinhorchen. Und diese Stimme muss unbedingt eine andere und nicht die eigene sein. Es ist besser, gar keine Stimme zu hören, als die eigene Stimme für die andere zu halten. Denn die leise Stimme muss uns etwas sagen, was wir uns selbst nicht sagen können. Nur um dieses Andern willen – das wir uns selbst nicht sagen können – hat die Bibel eine Bedeutung für uns2.

 

1 Die genaue Quelle ist mir unbekannt
2 aus «Evangelium»


Felix Ruther ist freier Mitarbeiter bei den Vereinigten Bibelgruppen VBG und Mitbegründer des Instituts INSIST.

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