Transformation

Einsatz für das Ausland vor der Haustüre

Manuela Herzog/HPS Im Quartier Gyrischachen der bernischen Stadt Burgdorf leben 42 Nationen auf engstem Raum zusammen. Darunter ein christliches Ehepaar, das mithilft, diese Gemeinschaft zu gestalten. Mit dem Dokumentarfilm «Gyrischachen – von Sünden, Sofas und Cervelats» hat Sonja Mühlemann1 diese Welt im Kleinen auf einfühlsame Weise erschlossen.

Balkon an Balkon klebt die kleine Welt an- und übereinander: Gut 2500 Menschen teilen sich die Wohnblöcke unweit des Bahnhofs, getrennt durch die Emme und umgeben von hohen Sandsteinfelsen. Der Gyrischachen wurde in den Sechzigerjahren erbaut. Er besitzt zwei Freibäder, eine Beiz und einen kleinen Gemischtwarenladen. In berührenden Bildern hat Sonja Mühlemann den Alltag des Quartiers und seinen Bewohnern eingefangen – mal aus der Distanz, mal hautnah, mal humorvoll, mal zum Nachdenken anregend, aber immer ohne Wertung. In insgesamt neun Portraits erzählen die Menschen von ihrem Leben und Sehnen, ihren Ängsten und Freuden.

Friedliches Zusammenleben
Wo so viele Nationen und Kulturen aufeinandertreffen, sind Konflikte programmiert, sollte man meinen. Das Bild des Quartiers im Film von Sonja Mühlemann ist aber ein friedliches. Dafür wird seit jeher auch viel getan. Der Stadt Burgdorf ist die Förderung der sozialen und kulturellen Integration im Quartier ein grosses Anliegen. Vor allem die Kirchen wirken hier an vorderster Front mit. Seit 32 Jahren betreibt die Reformierte Kirche den Gyri-Träff. Und auch die Pfimi Burgdorf macht sich mit einem Kinder- und Teenagerclub im Quartier stark. Er wird geleitet von Pfimi-Pastor Sämi Truttmann. Für dieses soziale Engagement wurde sie 2009 und 2012 von der Stadt Burgdorf mit einem Preis ausgezeichnet.

Beherztes Engagement
Marc und Sara Reusser von der Pfimi Burgdorf sind vor rund 20 Jahren ganz bewusst in den Gyrischachen gezogen. «Nach unserer Hochzeit war es der Wunsch von uns beiden, im Ausland zu arbeiten und uns für andere Menschen einzusetzen. Das Ausland haben wir hier in Burgdorf gefunden», erklärt Sara Reusser. Die Tradition des Kinder-Clubs, den die Pfimi vor über zwanzig Jahren gestartet hat, wird von Reussers beherzt und begeistert unterstützt. Der Film lässt sie privat und im Einsatz für die Kinder und Jugendlichen immer wieder zu Wort kommen. Regelmässig am Samstagvormittag gestalten Marc Reusser und sein Team für die Fünf- bis Zwölfjährigen ein vielfältiges Freizeitprogramm mit christlichem Input. Auch die Teenager kommen auf ihre Kosten. Im Beitrag ist zu sehen, wie sie bei Sara Reusser gemeinsam kochen und nach dem Schmaus mehr über den christlichen Glauben erfahren.

Bereichernde Beziehungen
Sara Reusser schätzt ihre multinationale Nachbarschaft und erlebt die Ausländer manchmal offener als die Schweizer. Auch für die soziale Kompetenz ihrer beiden Töchter empfindet sie es als Vorteil, mit so vielen verschiedenen Kulturen in Kontakt zu kommen. Die Kinder und Teenager sowie ihre Eltern werden durch Mitarbeiter regelmässig besucht: «Dadurch, dass wir hier mitten unter ihnen leben, entstehen viel nähere, persönlichere Beziehungen. Und wir sind für sie authentischer als wenn wir nach getaner Arbeit wieder in unsere eigene Welt ausserhalb des Gyrischachen verschwinden würden.»


Quelle: www.livenet.ch
www.gyrischachen.ch


1  Sonja Mühlemann, geboren 1985, studierte Sozialanthropologie und Geschichte an der Universität Bern, bevor sie einen Master in Journalismus absolvierte. Die Aufnahmen entstanden im Frühjahr/Sommer 2014, als sich die Welt im WM-Fussball-Fieber befand. Der Film wurde von Norbert Wiedmer produziert, in Koproduktion mit dem Schweizer Fernsehen. Für den stimmigen Klangteppich sorgte Christian Brantschen, Tastenmann von Patent Ochsner. Der Filmstart erfolgte anfangs Mai in Burgdorf und Bern.

 

Manuela Herzog, Pfäffikon ZH, ist Mutter einer Tochter (11); sie arbeitet als Redaktorin für Livenet und Korrektorin für Medair.

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