Kindererziehung

Ja sagen zum Neinsagen

Miriam Rieser Weshalb fällt es Eltern so schwer, den unvernünftigen Forderungen ihrer Kinder zu widerstehen und auch mal nein zu sagen? – Szenen, die das Leben schrieb.

Ein süsses, vierjähriges Mädchen sitzt mit seinem Vater in der Cafeteria. Er trinkt einen Cappuccino, sie hat ein Glas Sirup vor sich. Die Sonne scheint, endlich Frühling draussen. Der Vater öffnet die Zeitung und nimmt genüsslich einen Schluck von seinem Kaffee mit Milchschaum. Da meldet sich die Kleine: «Ich  will eine Glacé!» Der Vater erklärt: «Du hast doch schon ein Schoggistängeli zum Dessert gehabt ...» – «Ich will jetzt aber eine Glacé.» – «Ich hab doch gerade gesagt ...» – «Biiitte, eine Glacé, jetzt.» Das Kind verlegt sich vom Fordern aufs Betteln und jammert zum Steinerweichen. Der Vater schaut peinlich berührt um sich. Die Leute rundum schliessen innerlich Wetten ab, wie lange es wohl dauert, bis der Vater nachgibt. 10, 9, 8, 7, 6 ... «Sina, sei jetzt ruhig, da hast du deine Glacé. Das nächste Mal bist du anständiger, hörst du?»

Ein Trainingsprogramm für Erwachsene und Kinder
Die Plakatwerbung zeigt sofort, warum es uns Eltern schwerfällt, den Kindern auch mal Nein zu sagen. Die plakative Botschaft heisst nämlich klipp und klar: «Du willst alles und du willst es sofort? Du kannst!» Das ist Zeitgeist pur. Und der sickert dauernd durch, auch in die Elternköpfe. Wir wollen unseren Kindern alles ermöglichen und sie rund um die Uhr glücklich machen. Wir möchten auch selber – möglichst sofort – Ruhe haben und ein angenehmes Leben mit unseren Kleinen führen. Weder Eltern noch Kindern fällt es in unserer Zeit daher leicht, auszuhalten und auf etwas warten zu können. Und mit unerfüllten Wünschen glücklich zu sein. Umso wichtiger, dass wir diese Qualitäten trainieren – zusammen mit unsern Kindern.
Was also hat Sina in unserer Eingangsgeschichte gelernt? Wird sie sich das nächste Mal besser benehmen und anständiger sein, wie der Vater es hofft? Weit gefehlt. Sina hat die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, Druck zu machen. Dinge lautstark zu fordern und zu jammern, weil man so bekommt, was man will. Nächstes Mal wird sie es wieder genau gleich machen. Und glauben, dass man im Leben alles bekommt, wenn man es nur deutlich genug verlangt. Dies ist jedoch ein Irrtum: Wenn Sina ein Jahr später in den Kindergarten kommt, braucht sie die Fähigkeit, im Kreis sitzen, warten und still sein zu können, wie die anderen Kinder auch. Wenn sie später die Schule besucht, muss sie die geforderten Leistungen bringen können. Das verlangt von ihr Fleiss, Geduld und eine genügend hohe Frustrationstoleranz, um an einem freien Nachmittag Hausaufgaben zu machen, auch wenn sie keine Lust dazu hat. Mit 18 Jahren wird sie es ihren Eltern danken: Sie kann jetzt gut vorbereitet die Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen, weil die Eltern ihr wichtige Dinge beigebracht haben: Fähigkeiten wie geben statt nur nehmen, Rücksicht nehmen, warten und sich etwas über längere Zeit verdienen.
Wir wechseln auf den Spielplatz: Die Mutter sitzt auf einer Parkbank und schaut dem sechsjährigen Ben zu, wie er eine Sandburg baut. Schön, wie er brav spielt und vor sich hin baut. Nun kommen zwei weitere Mütter mit ihren Kindern dazu und nehmen auf der benachbarten Bank Platz. Der eine Junge stürzt sich mit Eifer in den Sandkasten und schreit: «Coole Burg, kann ich mitspielen?» Ben schaut alarmiert hoch und rennt zu seiner Mutter. «Tom ist so laut, Mami. Ich habe Angst, dass er meine Burg kaputt macht. Sag ihm, dass er einen Meter Abstand halten muss.» Die Mutter seufzt. Es ist so ermüdend, dass sie schon wieder einschreiten muss, aber sie hat Mitleid mit Ben. Nun wird sie Tom beibringen müssen, Abstand zu halten. Wahrscheinlich wird sie die ganze Zeit dort stehen und aufpassen müssen, dass nichts passiert. Wie war es doch so friedlich, als sie noch alleine waren. Auf dem Heimweg verlangt Ben, dass sie das nächste Mal zum Spielplatz gehen, wenn die anderen Kinder daheim beim Essen sind. Auch die Mutter ist dieser Meinung. So wird sie ihre Ruhe haben und Ben kann ungestört im Sandkasten spielen.
Was hat Ben in dieser Szene gelernt? Der Junge hat die Erfahrung gemacht, dass die Mutter ihn vor konfliktträchtigen Situationen bewahrt. Das ist angenehm, wird bei Ben aber längerfristig zu Zweifeln an den eigenen sozialen Fähigkeiten führen. Er wird glauben, nur mit seiner Mutter im Rücken könne er sich auf der Welt behaupten. Doch was ist, wenn er in der Schule plötzlich alleine auf dem Pausenplatz steht und nicht weiss, was er tun soll, um beim Fangis mitspielen zu können? Was, wenn ihn ein anderes Kind  hänselt und die Mutter nicht da ist, um ihn zu beschützen?
Die Szene auf dem Spielplatz wäre eine Gelegenheit zum Training gewesen. Hätte sich die Mutter nicht von Bens Ängsten einwickeln lassen, hätte er wichtige soziale Fähigkeiten üben können: Er hätte Dinge lernen können wie ein guter Kollege sein, mit andern zusammen spielen und bei Konflikten selber Lösungen finden. Wenn Ben erwachsen ist, wird er den Eltern dankbar sein, wenn sie ihm diese Fähigkeiten als Kind beigebracht haben. Er wird ein Mann sein, der weiss, wie man Freunde findet und behält. Er wird sich trauen, Konflikte auszutragen und wo nötig für eigene Überzeugungen einzustehen.

Aufbauend erziehen
Nein zu sagen ist in der heutigen Zeit weder populär noch angesagt. Dabei wäre es manchmal hilfreich zu signalisieren, dass es im Leben Grenzen gibt. «Alles ist erlaubt, aber es baut nicht alles auf», sagt Paulus im 1. Korintherbrief. Was bedeutet das für die Erziehung? Für Eltern ist es wichtiger sich zu fragen, was für das Kind auf lange Sicht aufbauend ist, als einfach nachzugeben. In diesem Sinn kann ein Nein lebensfördernd sein und Entwicklung begünstigen. Dann ist es durchaus «angesagt», nicht alles zu tun, was ein Kind verlangt. Es weiss ja nicht immer, was am besten ist. Die Eltern hingegen haben die Aufgabe, ihr Kind fürs Leben fit zu machen und es in einem guten Sinne «aufzubauen».

Das Ja zum Nein
Heisst das also: Ja sagen zum Neinsagen? Genau. Richten Eltern nämlich ihren Blick auf die längerfristigen Ziele der Kindererziehung, sind sie in der Lage, auch in unangenehmen Situationen richtig zu reagieren. Der Fokus auf das zukünftige Leben des Kindes hilft, nicht auf die Verlockung des Sofort-Ruhe-Haben-Wollens hereinzufallen, sondern ruhig zu überlegen: Wohin will ich mit der Erziehung gehen? Was soll mein Kind aus dieser Situation lernen?
Zurück zum Spielplatz: Wie könnte die Mutter hilfreicher reagieren? Mit Fokus auf den längerfristigen Nutzen könnte sie sagen: «Hör mal, Ben, ich bin überzeugt, dass du selber eine Lösung findest, wenn du mit Tom redest. Vielleicht sagst du ihm zuerst, dass er auf deine Sandburg achten soll, wenn er mit dir spielen will. Zusammen spielen macht Spass, du wirst sehen. Und wenn dich etwas stört, besprich es am besten gleich mit Tom.» Die Mutter wird Ben nicht mehr helfen, anderen Kindern aus dem Weg zu gehen und Konflikte zu vermeiden. Sie wird ihn im Gegenteil ermutigen, mit anderen zu spielen. Und Ben wird die Erfahrung machen, dass er selbst für sich eintreten und Probleme lösen kann.
Und was könnte sich in der Cafeteria abspielen? Der Vater wird mit Blick auf die Qualitäten des Wartens und Aushaltenlernens ebenfalls anders reagieren. Hat er sich einmal dafür entschieden, dass es vernünftig ist, seiner Tochter nach dem Schoggistängeli nicht auch noch ein Eis zu spendieren, kann er bei seiner Entscheidung bleiben. Es reicht völlig, einmal zu sagen, dass ein Schoggi-stängeli für diesen Nachmittag genug ist. Danach kann sich der Vater seelenruhig seiner Zeitung zuwenden. Das weitere Fordern und Jammern seiner Vierjährigen wird er wohlwollend ignorieren oder die Kleine auf andere Gedanken bringen. Mit dem positiven Nebeneffekt, dass nun alle Gäste den sonnigen Frühlingstag geniessen
können. Sogar Sina, sobald sie merkt, dass es bedeutend mehr Spass macht, sich an ihrem Sirup und der Sonne
zu erfreuen als über ein nicht bewilligtes Eis zu jam-mern ...

 

Miriam Rieser Stierli führt eine Praxis für Erziehungsberatung, Paar- und Einzelberatung in Winterthur.
www.rieser-beratungen.ch

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