Erfahrung

Ja zum «Nein» sagen können

Charissa Foster Der letzte Sommer war für mich eine Zeit des Wandels. Nach Abschluss des Bachelor-Studiums erwartete ich nervös den Schritt in die Berufstätigkeit. Ich hatte vier Studienjahre (und ein erschreckendes Studentendarlehen!) hinter mir. Während dieser Zeit hatte ich versucht, rasch so viel Lebenserfahrung wie möglich zu sammeln, um mich für das «wirkliche Leben» gut vorzubereiten. Ich war schon mit 18 aus dem Nest ausgeflogen, um in einer andern englischen Stadt zu studieren. Auch ein Auslandsjahr in Mexiko hatte ich überlebt. Jetzt war also der Moment gekommen, in dem ich mich gegenüber der Welt (und mir selber) beweisen musste.

Als ob es vorbestimmt gewesen wäre, fand ich sofort die ideale Stellenausschreibung: eine Koordinationsposition bei einer Organisation, die qualitativ gute «überzählige» Nahrungsmittel sammelte und verteilte. Ich war sehr interessiert an dieser Problematik und fühlte mich geeignet für den Job. «Wenn diese Stelle mein Traumjob ist, muss ich doch sicher die Traumkandidatin sein», dachte ich. Ich glaubte meinen Augen nicht, als ich die Rückmeldung bekam: Absage! Entmutigt, aber noch nicht verzweifelt, suchte ich in der Schweiz eine nächste Stelle. Ich stiess auf ein Medien-Praktikum bei der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA), und das sprach mich genauso an. Kurz nach meiner Bewerbung erhielt ich aber zum zweiten Mal eine Absage. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Wie konnten meine Pläne so aus dem Ruder laufen?

Auf der Suche einer zuverlässigen Lebensphilosophie

In einer Kultur, die sich am «Ich» orientiert, wird sehr viel Wert auf die individuellen Leistungen gelegt. Seit der Schule wurde mir immer in dicker, roter Schrift deutlich gemacht, dass Fehler ein Versagen sind, und ich diese deshalb tunlichst zu vermeiden hatte. Bei einer Rückweisung war es für mich mit dieser Lebensphilosophie fast unmöglich, mein Selbstvertrauen nicht zu verlieren. Je mehr ich versuchte, die Kontrolle zu behalten, desto weniger hatte ich mein Leben im Griff. Wie also sollte ich mit solchen Absagen – und für mich Ablehnungen – umgehen?
Mit der Zeit wurde mir klar, dass ich mich ganz bewusst mit dem Signal «KEIN DURCHGANG» konfrontieren lassen musste. Ich brauchte eine Lebenseinstellung, in der ich lernen konnte, auch mit meinen Defiziten zu leben. Eine Einstellung, die nicht nur auf meiner selbstbestimmten Lebenssteuerung beruhte.
Der Prophet Jeremia spricht davon, dass nur Gott «allein weiss, was [er] mit [uns] vorhat»1. Nur Gott weiss, was die nächsten Tage für mich beinhalten. Das heisst: Ich muss die Zukunft nicht unter meiner Kontrolle haben. Und das wäre wirklich eine Entlastung! Trotzdem fällt es mir schwer, diesen unsichtbaren Plänen von Gott zu vertrauen.
Nach den erwähnten Absagen war ich verzweifelt. Heute aber kann ich sagen: Obwohl sich im letzten Sommer alle meine Berufspläne in Luft aufgelöst hatten, habe ich es trotzdem bis hierher in die Gegenwart geschafft! Das ist sicher ein Beweis dafür, dass es immer einen andern Weg gibt, auch wenn das Leben nicht nach meinen Plänen verläuft. Manchmal muss man sich einfach von den eigenen Vorstellungen lösen, um weiterzukommen. Zudem merke ich im Nachhinein, dass sich diese Situation vor allem als eine Gelegenheit zum Wachsen erwies. Ich bin aufmerksamer geworden und kann meinen Lebensweg besser bejahen.

Wo ich jetzt bin

Nun, was war geschehen? Nach den erwähnten beiden Absagen hatte ich aufgehört, mich weiter zu bewerben. Ich zog in die Schweiz um – in die Heimat meiner Mutter. Als ich eintraf, geschah etwas Wundervolles. Ich erhielt schon am ersten Tag einen Anruf: Im SEA-Büro wollte man mich nun doch für das Praktikum engagieren. Dieses Timing war schlicht unglaublich! Jetzt bin ich fast am Ende meines Praktikums. Es wurde für mich zu einer wertvollen Erfahrung, doch diese Zusage ist nicht eine Grundlage meiner Geborgenheit. Ich versuche, meine Sicherheit aus einer anderen Quelle zu holen und nicht aus meinen eigenen Fähigkeiten. Obgleich ich nicht voraussehen kann, was das Leben für mich noch alles auf Lager hat, bin ich trotzdem überzeugt, dass ich nichts zu befürchten habe. Es gibt immer ein Weg, auch bei einer Absage: Aus der Ablehnung kann sich die Chance für eine weitere Entwicklung eröffnen!

1  Jer 29,11


Charissa Foster (22) macht zur Zeit im Heimatland ihrer Mutter ein Medien- und Kommunikationspraktikum, nämlich bei der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) in Zürich. Bis Sommer 2015 studierte sie Deutsch und Spanisch an der University of Southampton, England. Kirchlich engagiert sie sich seit kurzem in der Freien Christengemeinde (FCG) Aarau.

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