Sexualität

Über das Nein zum Ja

Interview: Hanspeter Schmutz Die Sexualität ist wohl eine der schönsten Gaben des Schöpfers an uns Menschen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – stellt sich auch hier die Frage nach dem Ja und dem Nein. Wo nötig auch mal Nein zu sagen, ist aber gerade in diesem Bereich alles andere als angesagt. Sind die Christen in ihrem differenzierten Umgang mit der Sexualität die Letzten von gestern? Oder vielleicht doch eher die Ersten von morgen? Ein Gespräch mit dem Sexualtherapeuten Wilf Gasser.

 

Magazin INSIST: Wilf Gasser, Sie sind Sexualtherapeut. Was ist Ihre Aufgabe?
Wilf Gasser: Ein Sexualtherapeut sollte gut zuhören können, wenn Menschen zu ihm kommen, die im Bereich der Sexualität irgendwo «aufgelaufen» sind. In einer solchen Situation versuche ich – zusammen mit meinem Gesprächspartner – Muster oder Denkansätze zu finden, die in diese Sackgasse geführt haben. Und dann Lösungen zu definieren, die – oft in kleinen Schritten – eine Veränderung bewirken können. Letztlich geht es darum zu lernen, was eine gesunde Sexualität ist.

In der Diskussion unterscheidet man oft zwischen Liebe, Erotik und Sex. Sie schlagen eine andere Unterscheidung vor.
In unsern Seminaren definieren wir, was Nähe – Intimität – ausmacht. Der körperliche Aspekt ist eine Dimension davon. Dazu gehören auch der Sex und die Erotik. Bei der Intimität kommt die seelische Übereinstimmung dazu. Es geht darum, einander auf der Herzensebene zu finden und zu verstehen und so Vertrautheit und Sicherheit zu entwickeln. Der Ehebund, der auf einem verbindlichen Ja zum Gegenüber beruht, ist der passende Rahmen dazu. Unser Eins-Sein, wie die Bibel das ausdrückt, können wir also über den Körper, über die Seele und über den Willen – mit dem verbindlichen Ja zueinander – ausdrücken. Das gehört untrennbar zusammen. So verstehen wir Intimität.

Christen haben unterschiedliche Vorstellungen von Sexualethik und Sexualpraxis. Da spielt u.a. das Bibelverständnis eine wichtige Rolle. Welche Art von Bibelverständnis liegt Ihrem Ansatz zugrunde?
Für mich ist zentral wichtig, dass die Bibel das Leben bejaht. Es geht eigentlich immer um Beziehung. Die ganze Bibel berichtet von – auch zerbrochenen – Beziehungen. Gott möchte, dass auch mit der Sexualität Beziehung zum Ausdruck gebracht wird. Und das ist mehr als auf sich selbst bezogene Erotik. Es geht darum zu verstehen, wie die Sexualität der Beziehung zum Gegenüber dienen kann. Das ist die Quizfrage.


Die Antwort auf diese Frage finden Sie in der Bibel?
Die Bibel ist nicht ein Handbuch für sexuelle Fragen. Aber sie gibt viele hilfreiche Hinweise zur Sexualität. Obwohl sie über 2000 Jahre alt ist, spricht die Bibel sexuelle Themen sehr offen an. Ich denke etwa an das Hohelied. Sie verschweigt dabei auch nicht die Zerbrochenheit auf diesem Gebiet – etwa bei Missbrauchserfahrungen. Gleichzeitig zeigt sie, wie über die Vergebung und Versöhnung Beziehung wiederhergestellt werden kann. Die Bibel zeigt die Grundlagen für eine gut erlebte Sexualität.

In unsern Breitengraden leben wir in einer «permissiven» Gesellschaft. Es gehört zum guten Ton, zu allem Ja zu sagen. Nein zu sagen, ist ein Tabu. Das gilt auch für die Sexualität. Vor 50 Jahren ging die Gesellschaft anders um mit Sexualität. Was hat sich seither verändert?
Heute werden unsere Kinder schon in der Vorschulzeit mit dem Thema Sexualität konfrontiert. Und es gibt neue Möglichkeiten, die Sexualität auszuleben. Ich glaube aber, dass Sexualität, wie ich sie verstehe – nämlich als Möglichkeit, eine Beziehung zu gestalten – von unsern Grosseltern nicht viel besser gelebt wurde als wir das heute tun. Früher sprach man nicht einmal darüber. Und unter der Decke geschah auch viel Missbrauch. Ich würde deshalb nicht sagen, dass früher alles besser war. Wir haben heute aber neue Herausforderungen, Bilder und Vorstellungen in Sachen Sexualität und Beziehungen, die es uns viel schwieriger machen, mit der Realität klar zu kommen. Gleichzeitig haben wir angefangen, über diese Fragen und Herausforderungen zu reden. Und das ist auch eine Chance.

Macht das Darüberreden die Sache denn besser?
Wir müssen die Sexualität heute sozusagen neu erfinden. Wir erleben sie aber als Mann und Frau so unterschiedlich, dass wir uns oft missverstanden fühlen und uns voreinander verschliessen. Es braucht deshalb das Gespräch, um immer wieder die Brücke zu bauen.

 

Was ist aus Ihrer christlichen Sicht eine gesunde Sexualität?
Für mich ist Sexualität an sich etwas Neutrales. Die Frage ist, wie wir sie einsetzen. Lernen wir, die Sexualität im Dienste einer Beziehung zu entwickeln, so dass sie zu einem Geschenk wird, das die Vertrautheit und die gegenseitige Begegnung fördert? Oder bleibt sie bezogen auf uns selbst, geprägt von der Suche nach dem persönlichen Kick, bei dem wir letztlich leer bleiben? Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch die Sexualität vorerst Ich-bezogen entdeckt. Wenn wir als junge Menschen die Hormone entdecken, verlieben wir uns zuerst in die eigenen Gefühle. Die andere Person ist austauschbar. Erotische Gefühle können wir ja selbst mit pornografischen Bildern erleben. Diese Ich-Bezogenheit wird verstärkt, wenn wir die Selbstbefriedigung entdecken. Und erst recht, wenn die Pornografie dazukommt. Es bleibt dann bei einer am Orgasmus orientierten Sexualität. Viele bleiben auch als Verheiratete in dieser Selbstbezogenheit stecken. Dabei könnte sich in einer Ehe ein ganz neues Feld auftun: das Miteinander in der Sexualität. Es ist ein langer Weg vom Ich zum Wir. Dabei entdecke ich mich selber und merke zugleich immer besser, wie ich meine Partnerin beschenken und mich beschenken lassen kann. Das Entwickeln dieses Miteinanders ist das Ziel der Sexualität.

Wir sind geprägt von Vorbildern – auch in der Sexualität. Was können Eltern für die Entwicklung einer gesunden Sexualität bei ihren Kindern beitragen?

Zuerst sollten sie sich mit der eigenen Sexualität auseinandersetzen und versuchen, ein gutes Vorbild zu sein. Das beginnt mit dem Darüberreden – in der Partnerschaft, aber auch mit den Kindern. Es nützt wenig,
dem Kind ein Buch zum Thema in die Hand zu drücken, wenn es scheinbar reif dafür ist, und das Thema dann
auf die Seite zu legen. Die Sexualität begleitet uns
durch das ganze Leben und muss deshalb zum Familienthema werden, bei dem man die Szenen des Alltags
aufgreift. Wir sahen bei einem Spaziergang mit unsern Kindern mal auf einem Plakat eine Tanga-Werbung
mit halbnackten Frauen. Wir blieben stehen und
sprachen mit unsern Kindern darüber, wie hier etwas
Privates, das Gott als etwas ganz Besonderes geschaffen hat, mit einem Plakat an die Öffentlichkeit gezerrt wird. So können wir im Verlaufe der Entwicklung unserer
Kinder die Sexualität auf ganz unterschiedliche Weise thematisieren. Es macht aber wenig Sinn, mit einem Sechsjährigen über Aids zu reden. Dabei thematisieren wir nur unsere Ängste als Erwachsene. Wir sollten
mit der Thematik altersgerecht umgehen. Wenn in einem Film eine Sex-Szene gezeigt wird, ist das eine Ge-
legenheit, mit unseren Teenagern darüber zu reden und deutlich zu machen, wie sich die gezeigten Werte von den eigenen unterscheiden. Wichtig ist, dass wir in diesen Gesprächen ein positives Bild der Sexualität zeichnen.

 

Die Kinder gehen später zur Schule und werden immer mehr von ihren Kolleginnen und Kollegen beeinflusst. In der Pubertät kommt der Gruppendruck dazu, sexuell aktiv zu werden. Wie können christlich gesinnte Jugendliche mit diesem Gruppendruck umgehen?
Sie sollten wissen, dass es diesen Gruppendruck gibt und dass sie sich diesem Druck stellen müssen. Und sie brauchen einen Ort, wo sie über diesen Druck reden können, idealerweise zu Hause. Wir haben die Kinder oft gefragt, was denn in der Schule in Sachen Sexualität so diskutiert wird. Gerade im Teenageralter ist es einfacher, über diese Frage statt über ihre eigene Sexualität zu reden. Kinder müssen wissen, warum sie zum Gruppendruck Nein sagen sollen. Sie müssen wissen, dass Gott etwas Gutes geschaffen hat, das wir zur richtigen Zeit und im Rahmen einer Beziehung entdecken können. Solche Werte kann man den Kindern schon früh weitergeben.
Als unser Sohn 12 Jahre alt war, wollte seine Klasse im Rahmen des Aufklärungsunterrichtes in eine Kondomeria gehen. Er komme nicht mit, sagte mein Sohn der Lehrerin direkt ins Gesicht. Er wisse schon alles. Seine Eltern seien Sexualtherapeuten. Als die Kinder nach dem Besuch eine Auswertung machten, ging es im Gespräch unter anderem um Stellungen. Darauf fragte unser Sohn zu Hause, wie das eigentlich genau mit der Stellung Nummer 64 sei! Wir können heute nicht mehr unter einer Glasglocke leben. Als Eltern müssen wir uns in diesen Themen klug machen, um mit unsern Kindern sprechen zu können. Kinder aus einem christlichen Elternhaus müssten eigentlich die am besten aufgeklärten Schüler sein.

Schon im ganz normalen Fernsehprogramm kommen Spielfilme heute kaum noch ohne Sexszenen aus. Das sagt etwas aus über die Filmemacher, aber auch über das Publikum, das diese Filme sehen will. Was sagen Sie zu dieser Tendenz?
Diese Filme stellen eine surreale Welt mit einer Pseudo-Intimität dar. Als normaler Mann habe ich gegen einen George Clooney keine Chance. Auch die Pornografie, in die sich viele Männer und zunehmend auch Frauen flüchten, zeigt eine Pseudo-Intimität, bei der reale Partner keine Chance mehr haben. Wir müssen uns bewusst sein, dass alle Bilder, die wir reinziehen, zu Prägungen werden, die uns im Wege stehen, wenn wir in der eigenen Beziehung die Intimität entwickeln wollen.
Pornografie ist deshalb nie hilfreich, auch wenn manchmal gesagt wird, sie würde die eigene Sexualität animieren.

Sie sind gegenüber der Pornografie sehr kritisch eingestellt. Was ist denn so schlecht daran?
Die Pornografie fördert die typische Ich-Sexualität. Das kann zu Fixierungen führen, die sogar aus der sexuellen Begegnung nur noch eine gemeinsame Selbstbefriedigung machen. Sie verhindert das Entdecken einer neuen Wir-Dimension in der Sexualität.

Wie kann man ganz praktisch «Nein» zur Pornografie sagen? Sobald ein Kind ein Smartphone hat, wird es ja zur Pornografie eingeladen.
Man muss den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sagen, dass die Pornografie eine starke Kraft ist. Sie ist durchaus mit einer starken Droge vergleichbar. Wenn wir meinen, dass wir diese Kraft eine Zeit lang brauchen und dann, wenn wir verheiratet sind, auf die Seite legen können, verkennen wir, dass der Porno-Konsum das Verlangen nicht stillt, sondern diese Kraft nur noch stärker macht. Darum macht es für Männer und Frauen Sinn, auf den Pornokonsum ganz zu verzichten. Gott nimmt uns das Verlangen nicht einfach weg. Wir müssen lernen, hier ganz bewusste Entscheidungen zu treffen – wie überall im Leben. Dazu braucht es oft das Gespräch mit andern. Es geht bei Betroffenen aber nicht um ein Schwarz-weiss-Denken sondern um die Frage, ob sie in der richtigen Richtung unterwegs sind, die sie vom zerstörerischen Suchtverhalten wegführt.

 

Auch wenn sich viele Christen nicht daran halten, gilt das biblische Prinzip, dass die ausgelebte Sexualität in die Ehe gehört. Warum macht das Sinn?
Ich erkläre das jungen Menschen jeweils mit dem Bild des Feuers. Die Sexualität ist eine starke Kraft. Wir
wissen, wie wir dieses Feuerchen mit Öl zum Lodern bringen können. Es ist klar, dass wir ein solches Feuer nicht in unserm Wohnzimmer auf dem Boden brennen lassen sollten. Das würde zwar lustig aussehen, aber grossen Schaden anrichten. Die Leidenschaft der Sexualität, dieses Feuer, braucht einen geschützten Raum wie zum Beispiel ein Cheminée. Hier kann sich das Feuer entfalten, hier kann die Kraft der Sexualität positiv erlebt werden. Die Ehe ist ein Schutz für die Sexualität und zugleich ein guter Rahmen für ihre langfristige Entwicklung.

Kann man das Feuerchen nicht etwas vorziehen, wenn man sicher ist, den Richtigen oder die Richtige gefunden zu haben?
Das machen viele so. Das richtige Mass der gelebten Sexualität vor der Ehe muss jedes Paar selber definieren. Man sollte sich dabei aber nichts vormachen. Wenn man Öl ins Feuer auf dem Wohnzimmer-Fussboden giesst, und das Feuer gleichzeitig dauernd mit dem Spritzkännchen kühlen will, führt das zu einer eigenartigen Beziehung und die Vertrautheit wird kaum entwickelt. Es machte deshalb Sinn, die Grenzen etwas enger zu fassen. Man muss Sexualität auch nicht vor der Ehe ausprobieren, um zu wissen, ob sie funktioniert. Denn die leidenschaftliche Zeit der Ich-bezogenen Sexualität kann man nicht vergleichen mit der späteren Wir-Beziehung, die eine ganz andere Dimension hat als das, was wir vor oder ausserhalb der Ehe erleben können.

Es gibt Leute, die nie heiraten können oder wollen. Wie können sie ihre Sexualität leben?
Sicher nicht im Sinne der genannten Intimität einer verbindlichen Wir-Beziehung, die von einem umfassenden gegenseitigen «Erkennen» geprägt ist, wie das Martin Luther in 1. Mose 4,1 bezeichnet hat. Diese Dimension ist der Ehe vorbehalten. Aber auch Singles können etwas vom Spannungsfeld zwischen Mann und Frau und damit den Reiz der Andersartigkeit in guten Beziehungen erleben. Das geschieht ja nicht nur dann, wenn man zusammen ins Bett geht. Wir können Singles dazu ermutigen, Intimität in solchen Beziehungen zu suchen, auch wenn der Bereich der umfassend ausgelebten Sexualität für sie nicht erfahrbar wird. Das «Leiden» der Singles wird heute noch dadurch verstärkt, dass die Gesellschaft Sex absolut überbewertet und idealisiert, obwohl auch Paare ihre Sexualität ja häufig als wenig erfüllend erleben.

Gehen wir noch kurz auf die Homosexualität ein. Dass die Bibel die Homosexualität kritisch bewertet, kann wohl niemand bestreiten. Es wird aber oft gesagt, dass die biblischen Autoren einfach zu wenig gewusst haben über dieses Thema. Kann die Bibel auch in diesem Bereich zum Vorbild genommen werden?
Menschen, die homosexuell empfinden, können dies nicht ohne Weiteres ändern. Die sexuelle Orientierung ist aber auch nicht einfach festgelegt wie die Hautfarbe. Ich habe in meinem persönlichen Bekanntenkreis mehrmals erlebt, dass eine Veränderung der sexuellen Ausrichtung möglich war. Das heisst aber nicht in jedem Fall, dass diese Menschen nun 100% heterosexuell empfinden. Egal ob lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, polyamor, pädophil oder sonst etwas empfindend: Menschen, die Jesus nachfolgen wollen, können dazu ermutigt werden, sich intensiv mit ihrer Sexualität und ihren Identitätsfragen auseinanderzusetzen und sexuell enthaltsam zu leben. Denn die Ermutigung, die sexuellen Gefühle auszuleben, wird den wenigsten langfristig das erwartete Glück bringen.

Das entspricht in etwa dem, was Sie Menschen empfehlen, die ledig bleiben wollen oder müssen.
Genau. Ich sehe da keinen grossen Unterschied. Wir müssen letztlich selber entscheiden und verantworten, wie wir die Bibelstellen über Homosexualität interpretieren und leben wollen. Leitgebend soll die Frage sein, welche Antwort wir auf die Beziehung geben wollen, die Gott mit uns haben möchte.

 

Wie ist es in der Ehe? Gibt es auch hier eine Entwicklung der Sexualität über die Jahre hinweg?
Die Entwicklung des Wir beginnt eigentlich erst dann, wenn man sich richtig aufeinander einlässt. Voreheliche oder aussereheliche Erfahrungen sagen nichts aus darüber, wie sich die Sexualität in der Ehe langfristig entwickeln kann. Schon Paulus fordert uns im 1. Thessalonicher 4,3-5 auf, die Sexualität in einer guten Art zu leben; anders als Menschen ohne Gott. Erfüllende Sexualität muss also von jedem Paar immer erst gelernt werden. Dabei müssen wir in jeder Phase der Ehe neu definieren, wie wir die Sexualität leben wollen. Ich bin auch nach
33 Jahren Ehe immer noch unterwegs und entdecke zusammen mit meiner Frau, wie wir dieses Miteinander leben wollen. Das gehört zum Wunder der Sexualität.

Menschen, die versuchen, biblische Prinzipien ernst zu nehmen, können auch im Bereich der Sexualität scheitern. Viele verlassen in dieser Situation die christliche Gemeinde, weil sie nicht mehr den dortigen Erwartungen entsprechen. Wie würde eine bessere Reaktion aussehen?
Als christliche Gemeinde sind wir herausgefordert, nicht nur das Ideal zu zeichnen und zu sagen, was man tun oder nicht tun sollte. Wir müssen offener darüber reden, wie eine gelungene Beziehung aussieht. Aber auch darüber, was es heisst, zumindest in Teilbereichen zu scheitern. Die Bibel zeigt uns, was es heisst zu scheitern. Aber auch, wie man das Scheitern gemeinsam tragen kann, wie Vergebung, Gnade und ein Neuanfang möglich werden können. Dabei sollten wir sexuelles Vergehen nicht höher gewichten als andere Verfehlungen. Sexuelles Versagen hat allerdings oft grössere Auswirkungen, weil immer andere Menschen, manchmal auch Familien mitbetroffen sind. Gott hat ein grosses Interesse, uns auch in sexuellen Schwierigkeiten – sogar in der Ehe – beizustehen. Ich kam irgendwann zusammen mit meiner Frau zur Einsicht, dass es Sinn macht, Gott auch als Coach bewusst ins Schlafzimmer einzuladen! Dies gab mir eine ganz neue Perspektive und Freiheit. Aus Ich-bezogenem Sex wurde eine sexuelle Beziehung.

Wie wir gesehen haben, müssen Christen im Bereich der Sexualität in unserer permissiven Gesellschaft manchmal aus Überzeugung Nein sagen. Wie können sie das tun, ohne die Gabe der Sexualität als Ganzes abzulehnen?
Gegenüber der Pornografie etwa hilft es, sich mit der Bedeutung und potenziellen Schönheit der Sexualität auseinanderzusetzen. Und wie Gott sie als Stärkung für eine Beziehung gedacht hat. Mein Ja zu diesem positiven Bild der Sexualität stärkt meine Entschiedenheit, zu gewissen Dingen – wie zum Beispiel Pornografie oder einem Seitensprung – Nein zu sagen. Mein Ja zu Christa ist deshalb so wertvoll, weil ich damit auch Nein gesagt habe zu allem, was die Liebe zu ihr konkurrenziert. Das Nein und das Ja gehören eng zusammen.

Dieses Interview ist eine gekürzte und bearbeitete Version des Zoom-Talks auf Radio LifeChannel vom 1.6.16 (www.lifechannel.ch)


Wachsende Intimität
Der Arzt Dr. Wilf Gasser ist Sexualtherapeut, verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Zusammen mit seiner Frau Christa gibt er Seminare zum Thema «Wachsende Intimität in der Ehe» und bietet neu die Wellness-Woche «Sexperiment» an. Er arbeitet hauptberuflich als stellvertretender Generalsekretär der weltweiten Evangelischen Allianz. 

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