Gesellschaft

Nein — und Ja  

Alex Nussbaumer Wieviel sinnlicher ist doch das «M» als das «N». Da ist das lustvolle «Mmm!» der Vorfreude, wenn etwas Wohlschmeckendes auf den Tisch gestellt wird. Es ist kein Zufall, dass «Mutter», «Milch» oder «Mut» mit «M» beginnen. Wie anders das «N»: «Nein», «Null», «negativ» und «Nihilismus».

«Nein» ist eines der frühen Worte in jeder Kindersprache. Der Säugling erlebt sich noch nicht als etwas von der Umwelt Abgetrenntes, Selbstständiges. Durch den – teilweise exzessiven – Gebrauch des Wörtchens «Nein!» beginnt das Kleinkind, sich als eigenständige Persönlichkeit aus der Umwelt herauszuschälen. In diesem Sinne ist «Nein» ein wichtiges Wort. Das Kind entwickelt einen eigenen Willen. Als ich in den Fünfzigerjahren aufwuchs, galt bei vielen Erziehern noch die Devise, man müsse den Kindern «den Willen brechen».

Kraftworte
«Nein» ist bis heute ein Wort der Abgrenzung. Ein Mann hat das Nein einer Frau zu respektieren – und umgekehrt. In der berüchtigten Kölner Silvesternacht ist dies nicht geschehen. Es gibt leider immer noch Kulturen, in denen Frauen nichts zu melden haben und weder Ja noch Nein sagen dürfen.
Gewissen politischen Parteien – v.a. solchen am rechten Rand des Spektrums – sagt man nach, sie hätten sich aufs Neinsagen spezialisiert. «Wenn sich Dinge in die falsche Richtung entwickeln, dann muss man laut Nein sagen können», meinte – sinngemäss zitiert – Christoph Blocher. Damit meint er v.a. die Annäherung der Schweiz an die EU.
Auch ich sagte und sage oft Nein. Ich sagte etwa Nein zur Ausschaffungsinitiative. Ich sage Nein zur Abschaffung des Bargeldes, die aktuell diskutiert wird. Den Kriminellen wird dies kaum schaden. Wenn Otto Normalverbraucher hingegen bei jedem Kaugummikauf am Kiosk eine Datenspur hinterlässt, dann ist Big Brother nicht mehr fern.
Trotz der Wichtigkeit eines gelegentlichen Neins ist und bleibt ein Ja doch das belangreichere Wort. Ein Mensch, der auf das grosse Ja Gottes zu ihm mit seinem kleinen Ja zu Gott antwortet, hat den Glauben gefunden. Das Ja vor dem Standesbeamten bzw. im Traugottesdienst schafft eine neue Realität. Die vorher ledige Person ist nach dem Ja verheiratet. Mit diesem Jawort wird die Ehe ge-schlossen und nicht erst mit der Unterschrift unter den Ehevertrag.
Ja und Nein sind Kraftworte. Sie schaffen neue Realitäten. Sie schliessen und scheiden Ehen, sie lassen Tunnelbohrmaschinen auffahren oder eben nicht.
Der richtige Gebrauch von Ja und Nein ist wohl das ausschlaggebende Kriterium für die Weisheit einer Person.
In der Bergpredigt sagt Jesus: «Ihr sollt … nicht schwören. … Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein sei ein Nein1.» Unser Reden sei klar wie Quellwasser. Was für eine Forderung! Wenn ich da an meinen Alltag denke oder an die gewundenen «Erklärungen» gewisser Politiker ...

Wahrhaftig sein

Wahrhaftig zu sein, ist eine lebenslange Aufgabe. In der Erziehung unserer vier Kinder haben wir versucht, dem nachzuleben: Nichts versprechen oder androhen, das wir nicht einhalten können oder wollen; bei schwierigen Fragen nicht auf
Scheinantworten oder Lügen ausweichen. Und wenn einmal etwas verboten werden muss, dann nicht einfach «Nein!» sagen, sondern das Ganze begründen und womöglich eine Alternative anbieten.
Google liefert auf das Suchwort «Nein sagen» eine ganze Liste von Seiten mit Tipps, wie man das lernen kann. Ein Beispiel:
«Das ‚Nicht-Nein-Sagen-Können’ zählt mit zu den häufigsten Stress–auslösern. … Das Wörtchen ‚Nein‘ steht ganz vorn unter den Waffen gegen Zeitfresser2.»
Die erwähnten Seiten haben einen buddhistischen oder psychologischen Hintergrund. Eine christliche Seite «Lerne-Nein-Sagen» habe ich nicht gefunden. Die obenstehende Karikatur3 stammt von Tiki Küstenmacher: Das äussere Ja widerspricht oft dem inneren Nein. Das ist nicht immer falsch, denn oft müssen wir bei berechtigten Ansprüchen innere Widerstände überwinden. Und
doch …
Ja, und hier begänne ein Seminar zum Erlernen des richtigen Nein-Sagens.

1   Mt 5,34a.37a
2  Zitat aus www.zeitblueten.com/nein-sagen
Weiteres Beispiel: www.zeitzuleben.de/5-tipps-zum-nein-sagen/ 
3  Grafik: www.simplifybusiness.de/newsletter/archiv.asp?letter=5942
 

Alex Nussbaumer ist Pfarrer der Reformierten Landeskirche

alex.nussbaumer@STOP-SPAM.livenet.ch

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