Pädagogik

Das «Nein» im schulischen Beurteilungsprozess

Beat Urs Spirgi In ihrem Praktikumsbericht beschreibt eine Studentin, was sie motiviert, sich zur Lehrerin der Sekundarstufe I auszubilden: Man sei herausgefordert, «den Jugendlichen etwas ,schmackhaft’ zu machen. Sie für etwas zu gewinnen, zu begeistern. Sie zu leiten und für das Leben vorzubereiten1.»

Hier wird das Ziel jeder bewussten Einflussnahme der älteren auf die jüngere Generation schön zum Ausdruck gebracht: Heranwachsende zu unterstützen, damit sie in Zukunft ihr Leben selber meistern können. Auf die Schule bezogen bedeutet dies, den Schülerinnen und Schülern Lernprozesse zu ermöglichen, in denen sie sich für ihre berufliche Zukunft qualifizieren können.

Fördern und Beurteilen
Neben dieser Qualifizierungsfunktion hat die Schule auch die Aufgabe der Selektion. Sie soll sich also nicht nur um die Förderung der Schülerinnen und Schüler bemühen, sondern auch um deren Zuweisung an den passenden Ort in der Gesellschaft. Dazu schafft sie Leistungssituationen, in denen aufgezeigt wird, ob die Lernenden bestimmte Massstäbe erreicht haben. Dabei geht es um das Vermeiden von Fehlern und das sichere Anwenden von erworbenen Kenntnissen.
Leider gelingt dies nie allen Schülerinnen und Schülern. Für sie lautet das Ergebnis: Nein! Leider hast du nicht bestanden.
Damit stecken Lehrpersonen in einem Widerspruch2, der sich aus zwei nicht zu vereinbarenden Aufgaben ergibt: dem Fördern und dem Beurteilen. Diesem Dilemma muss pädagogisch begegnet werden. Dazu zwei Anregungen:

Beurteilungsentlastete Lernsituationen schaffen
Die Unterstützung von Lernen geschieht in erster Linie in fördernden Prozessen: Schülerinnen und Schüler sollen erfahren, wo sie im Moment in Bezug auf die geforderten Kompetenzen stehen und wie sie sich weiterentwickeln können.
Ich halte es für einen Fehler, wenn in der Schule vor allem Leistungssituationen geschaffen werden. Soll mög-lich werden, was die Studentin oben beschreibt, braucht es mehr Situationen, die den Lernenden ein interesse- und verständnisorientiertes Lernen ermöglichen. In solchen Lernsituationen3 dürfen Fehler gemacht werden, und das Lernen steht nicht von Beginn weg unter dem Druck der Leistungsbeurteilung.

Leistungsschwache ermutigen
Durch das auch die Schule prägende gesellschaftliche Leistungsprinzip4 besteht die Gefahr, dass der Wert des Menschen von seiner Leistungsfähigkeit abhängig wird. So hören Schülerinnen und Schüler, die einen Test nicht bestanden haben, gleichzeitig auch: Du erbringst die erwarteten Leistungen nicht, du bist weniger wert. Das ist für Betroffene sehr entmutigend. Dazu kommt, dass das Spektrum der in der Schule ermöglichten und anerkannten Leistungen nicht immer mit dem Potenzial der Lernenden übereinstimmt.
Es wäre deshalb dem Selbstwert zuträglich, den Heranwachsenden Könnenserfahrungen5 in Bereichen ausserhalb der Schule zu ermöglichen. Die Lehrpersonen können leistungsschwache Lernende aber auch ermutigen, indem sie ihnen etwas zumuten6, ihnen also zutrauen, dass sie etwas tun können, auch wenn sie es noch nicht können. Ähnlich sagt Dubs7, die kognitive Förderung der jungen Generation könne nur wirksam geschehen, wenn das «Caring» ernsthaft wahrgenommen werde. Lehrpersonen sollten sich also über das rein Kognitive hinaus mit emotionaler Verpflichtung um die Lernenden kümmern. Zusammengefasst: Auf das Nein des Richters muss möglichst rasch die Ermutigung des Anwalts folgen: Ich glaube an deine Möglichkeiten und werde dir helfen, sie zu entwickeln.

1  Aus dem Praktikumsbericht einer Studentin,
Institut Sekundarstufe I, PHBern
2  Streckeisen, Ursula: Das Anwalt-Richter-
Dilemma der Lehrperson. In: e-ducation 1/2007, S. 32f
3  Zur Unterscheidung zwischen Lern- und Leistungssituationen vgl. auch: Luthinger, Herbert: An Aufgaben Professionalität entwickeln. In: Journal für LehrerInnenbildung 4, 2008, S. 37-46
4  Wengert, Hans Gert: Leistungsbeurteilung in der Schule. In: BOVET, G. / HUWENDIEK, V.: Leitfaden Schulpraxis. Pädagogik und Psychologie für den Lehrberuf. Berlin. Cornelsen 2000
(3. Auflage), S. 241
5  Flitner, Andreas: Konrad, sprach die Frau Mama. Über Erziehung und Nicht-Erziehung. Weinheim: Beltz 2004 (11. Auflage), S. 137ff.
6  Interview mit Fritz Oser: Das Wichtigste ist die
Zumutung. In: Schulpraxis 2 / 2008, S. 34-35
7  Dubs, Rolf: Lehrerverhalten. Ein Beitrag zur Interaktion von Lehrenden und Lernenden im Unterricht. Zürich: Verlag SKV 2009 (2., vollständig neu bearbeitete Auflage), S. 96ff.


Beat Urs Spirgi ist Pädagoge und Dozent für Erziehungs- und Sozial-wissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Bern.

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