Religionen

Plädoyer für die Geldwechsler im Tempel

Georg Schmid Als Sohn eines Bankbeamten habe ich mich schon gefragt, warum Jesus kein Pardon kannte, als er auf die Geldwechsler und Händler im Tempelvorhof in Jerusalem stiess.

Als man die Ehebrecherin zu ihm brachte, zeichnete er weiterhin ruhig irgendwelche Figuren in den Sand. Als er auf den Zöllner Matthäus stiess, fiel kein Wort über mögliche dubiose Geschäftspraktiken. Der Zöllner wurde Apostel. Sogar gegen die Pharisäer kämpfte Jesus nur mit harten Worten. Aber bei den Geldwechslern und Händlern blieb es nicht bei Worten. Jesus ergriff eine Geissel, stiess Tische um und schlug zu. Haben die Geldwechsler es verdient, schlechter behandelt zu werden als die Zöllner, Dirnen und Pharisäer?

Wie rein ist das Opfer?
Betrachten wir die Tätigkeit der Banker einmal aus der grossen, religionsgeschichtlichen Perspektive. Immer schon wollten Menschen ihren Göttern etwas opfern. Zuerst war nur das Beste gut genug. Man opferte seine Kriegsgefangenen oder sogar seine eigenen Kinder. Später gelangten einige zur Überzeugung, dass Gott keine Menschenopfer will, sondern sich mit Tieropfern begnüge. Die Geschichte von der sogenannten Opferung des Isaak zeigt deutlich diese Ablösung des Menschenopfers durch Tieropfer.
Nun konnte man es allerdings nicht zulassen, dass jedermann einfach nur die minderwertigen Tiere in den Tempel brachte. Nur tadellose Tiere durften Gott geopfert werden. Solche Tiere wurden im Tempel zum Kauf angeboten. Wie aber sollte dieser Kauf vonstatten gehen? Geld, das wussten die Priester, ist nie sauber. Mit Geld wird betrogen und übers Ohr gehauen. Schmutziges Geld am heiligen Ort? Das ging nicht. Im Tempel musste zuerst das schmutzige Alltagsgeld in heilige Tempelwährung umgetauscht werden. Erst mit dieser «reinen» Tempelwährung konnte man dann die würdigen Opfertiere kaufen. Um das eine Geld ins andere umzutauschen, brauchte man die Banker.
Nun kann ich mir gut vorstellen, dass Jesus mit dieser Unterscheidung von reinem und unreinem Geld nichts anfangen konnte. Aber warum schlug Jesus auf die Banker ein? Das Spiel mit den zwei Währungen war nicht ihre Erfindung. Hätte er mit seiner Geissel nicht auf die einschlagen müssen, die dieses Spiel erfunden hatten?

Würdiger Umgang mit Geld
Seit der Zerstörung des Tempels ist dieses Spiel ausgespielt. Wer Gott etwas opfern will, muss auch nicht mehr den Umweg über ein Opfertier nehmen. Er kann den Gottesdienern sein Geld direkt abliefern.
Es war ein langer Weg vom uralten Menschenopfer bis zur heutigen Kirchensteuer. Nur an einer Stelle auf diesem langen Weg trat Jesus dazwischen, machte sich eine Geissel und schlug um sich. Er fand die Szene, die sich ihm im Tempel präsentierte, wahrscheinlich zutiefst unwürdig. Aber was würde Jesus tun, wenn er heute in die Jahresrechnungen und Budgets unserer Kirchen hineinschauen müsste? Würde er ein zweites Mal nach einem Strick greifen?

Nachwort

Ein tragisches P.S.: Nach dem Markusbericht zum Ereignis hatte diese sogenannte Tempelreinigung ein schreckliches Nachspiel: Die Schriftgelehrten widersetzten sich zwar nicht sofort dem zornigen Jesus. Aber sie planten nun erst recht seinen Untergang. Ihr letzter Kommentar zur Geschichte war: Wer heute geisselt, wird morgen gegeisselt werden.

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.
georg.schmid@STOP-SPAM.relinfo.ch

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