Theater

Die Christen und das Theater

Hanspeter Schmutz Jörg Reichlin gehört zu den ersten Schweizer Schauspielern und Regisseuren mit christlicher Gesinnung, die den Durchbruch auf säkularen Bühnen geschafft haben. Gleichzeitig hat er in den letzten 40 Jahren Christen gefördert, die sich in diesem Bereich entwickeln wollten. Er kennt deshalb die Abgründe, aber auch die Möglichkeiten, die sich für Christen auf der Bühne und im Film eröffnen.

Die schauspielerische Karriere von Jörg Reichlin begann 1969 in einem Fernsehstudio des NDR in Hamburg: Er spielte dort einen Haschischdealer. Bei seiner Arbeit als Regisseur entstanden dreissig Inszenierungen. Seit 1977 schreibt er auch Theaterstücke. Gleich das erste – «Der Fensterputzer Karl» – wurde von der Stadt München prämiert und in Deutschland über 200 mal aufgeführt. Später folgten auch Musicals, Hörspiele und Drehbücher. Zu den Höhepunkten gehörte das Musical «Grenzen der Macht» über das Leben der irischen Mönche Gallus und Kolumban, das 1986 im Amphitheater Windisch vor 4000 Zuschauern zum ersten Mal aufgeführt und anschliessend auch im Stadttheater St. Gallen vor ausverkauftem Haus gespielt wurde.

Bewusst Ja oder Nein sagen
Das berühmte Bild vom «Schmalen und breiten Weg» von Charlotte
Reihlen (1867)1 zeigt das Theater am Rand des breiten Weges, der in
die Verdammnis führt. Für Jörg Reichlin eine veraltete Auffassung. Der schlechte Ruf des Theaters bei den Christen habe wahrscheinlich mit den oft zweifelhaften Inhalten seiner Stücke zu tun. Das Theater habe in Form von Mysterienspielen in der Kirchengeschichte eine wichtige Rolle gespielt, bis es dann wegen dramaturgischen Übertreibungen aus der Kirche verbannt worden sei. Die biblischen Geschichten seien oft kleine Dramen, die zu einer Umsetzung auf der Bühne, in einem Hörspiel oder einem Film geradezu einladen würden. Wie das Theater stütze sich auch die Bibel auf das Wort. Und dieses Wort habe eine grosse Bedeutung.
Für Reichlin ist es deshalb legitim, mit Theaterstücken zu evangelisieren. Die Qualität müsse allerdings so hoch sein wie diejenige des Evangeliums. Denn nur so «fährt die Botschaft ein». Für den Schauspiel-Profi ist schlecht gespieltes Theater dasselbe wie falsche Töne für den Musiker. Entscheidend ist laut Reichlin deshalb das ernsthafte Erlernen des Handwerkes. Der grosse Aufwand etwa für ein «christliches» Musical lohne sich, weil dadurch in der Regel mehr Leute erreicht werden könnten. Schliesslich, so Reichlin, gehen heute mehr Leute ins Theater oder Kino als in die Kirche. Es sei deshalb falsch, diese Mittel nicht einzusetzen. Im Theater sei es möglich, auf differenzierte Weise Wichtiges aufzuzeigen und die Leute emotional abzuholen.
Reichlin bestätigt, dass es für Schauspieler einen Konflikt zwischen Glauben und Theater geben kann. Er habe deshalb immer auf den Inhalt eines Stückes oder die Form seiner Umsetzung geachtet. «Wenn es mir als Christ nicht gepasst hat, habe ich das Stück nicht gemacht.» Es sei aber für Christen nicht schwieriger als für andere, in die Welt des Theaters einzutauchen. Christen hätten ja ein Zuhause und wüssten deshalb, wo sie hingehören. Und das gebe ihnen eine besondere Kraft.

Ein harter und faszinierender Weg

Es fällt auf, dass heute vermehrt Stücke mit religiösen und biblischen Inhalten inszeniert werden. Für Reichlin ein Ausdruck davon, dass wir in einer gesellschaftlichen Sinnkrise leben. Dabei greife man gerne auf die Wurzeln unserer Kultur zurück. Es sei deshalb naheliegend, gerade heute wieder vermehrt christlich inspirierte Stücke zu schreiben. In seiner Schublade schlummert denn auch ein Musical über die Person und das Leben von Abraham.
Reichlin fände es gut, wenn die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen und dem Theater wieder vermehrt gesucht würde. So wie das mit Nachbesprechungen von Stücken kürzlich am Stadttheater Bern zumindest versucht wurde. Er will Christen aber nicht künstlich dazu motivieren, Schauspieler zu werden. Die Widerstände auf diesem Weg seien sehr gross: Das beginne mit einer langen, harten Ausbildung, die auch persönlich enorm herausfordere. Und dann komme man in ein Umfeld, in dem 70-80% der Schauspieler arbeitslos seien. Da brauche es eine starke innere Berufung, verbunden mit der Haltung: «Ich will das – durch alle Widerstände hindurch.»

1  siehe unser Titelbild


Der ganze Zoom-Talk mit Jörg Reichlin wird
am 6.7.16 bei Radio LifeChannel ausgestrahlt.
www.lifechannel.ch


Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST
hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch 

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