Geistesgeschichte

Der «ewige» Kampf um das Verhältnis von Natur und Gott

Felix Ruther Wenn man in die Geistesgeschichte des Abendlandes schaut, kann man immer wieder das Ringen um die Bestimmung des Verhältnisses von Natur1 und Gott beobachten.

Im ganz frühen Christentum, also zu jener Zeit, als die neutestamentlichen Texte entstanden, war das jüdische Denken für diese Verhältnisbestimmung noch zentral. Aufgrund des alttestamentlichen Schöpfungsverständnisses wurde eine der wichtigsten Weichenstellungen vorgenommen, nämlich die Unterscheidung zwischen Gott und Natur.

Die Natur ist nicht göttlich aber vom guten Gott erschaffen

Dass die Natur nicht göttlich ist, wird wunderbar in den einfachen Worten des ersten Schöpfungsberichtes dargestellt: Hier sind Sonne und Mond einfach von Gott erschaffene Lampen – und nicht mehr Gottheiten, wie bei Israels Nachbarvölkern. Und weil alles von Gott erschaffen wurde und durch Gott im Sein gehalten wird, konnte der damals schon im Griechentum verbreitete Materialismus vorerst gar nicht aufkommen. Denn wenn die ganze Welt Schöpfung Gottes ist, dann kann nicht die Materie oder die Natur das allem zugrundeliegende Urprinzip sein.

Das antike, griechische Denken

Im antiken Denken wurde durch die Naturphilosophen unter den sogenannten Vorsokratikern2 schon früh der Weg zu einer völlig immanenten Erklärung der Welt und ihrer Phänomene gewiesen. Die Theorie von der Ewigkeit der Materie und die Lehre Demokrits3, dass die Welt, eigentlich alles, auch die Seele, aus letzten, unteilbaren Partikeln – den Atomen – zusammengesetzt sei, machte die Existenz von Göttern völlig überflüssig, ja schloss sie aus. Für Epikur4 war diese Lehre sehr geeignet, die Menschen von der Furcht vor Göttern zu befreien. Zur Popularisierung von Epikurs Gedanken im römischen Reich trug Lukrez5 mit seinem Lehrgedicht «Über die Natur der Welt» bei.

Ist die Natur gut oder böse?

Die Vorstellung, dass ein guter Gott alles erschaffen habe, müsste eigentlich zu einer positiven Grundhaltung der Natur gegenüber führen. Diese Haltung war im biblisch-jüdischen Denken ursprünglich noch klar vorhanden. Durch das Einfliessen von platonischem Gedankengut in die christliche Lehre gewann aber eine naturfeindliche Haltung Oberhand – und das bis ins hohe Mittelalter. Ausgehend vom Gedanken Platons6, dass die Welt aus bereits vorhandener Materie gemacht worden sei, folgerten einzelne christliche Theologen7, das Böse in der Welt sei eine Folge der minderen Qualität des Materials, das Gott ursprünglich bei der Erschaffung der Welt benutzt hatte. Von hier bis zum gnostischen Gedanken, die materielle Welt sei böse und die geistige gut, war der Weg dann nicht mehr weit. Eine niedrigere Gottheit hat in dieser Sicht die natürlichen, materiellen Dinge erschaffen und eine
höhergestellte Gottheit die geistigen Dinge. Das führte zu einer grundlegenden Spannung zwischen dem geistigen Bereich, der als gut betrachtet wurde, und dem natürlichen, materiellen Bereich, der böse war. Der gnostische Denkansatz mit der Kurzformel «Geist ist gut, Natur ist böse» lief dem jüdischen Schöpfungsverständnis diametral entgegen. Es erstaunt daher nicht, dass Marcion8, der erste grosse Ketzer mit gnostischem Ansatz, alles Jüdische aus seiner Bibel tilgte. Auch der später aufkommende Manichäismus9, dem der junge Augustinus vor seiner Bekehrung zum Christentum anhing, war von gnostischem Gedankengut geprägt. Im Mittelalter traten dann erneut Gruppen auf, welche diesen Dualismus lehrten. Die Katharer10 vertraten die Ansicht, dass die Welt böse sei. Sie sei ex nihilo durch den Teufel geschaffen worden. Gegen diese Häresie lehrte das Laterankonzil von 1215, dass Gott eine gute Schöpfung aus dem Nichts erschaffen habe.

Der absolute (losgelöste) Gott
Im ausgehenden Mittelalter war Gott noch klar das Zentrum des Denkens, der materialistische Atheismus blieb ein historisches Phänomen der Antike. Für Thomas von Aquin11 stellte die Schöpfung ein Ausdruck des Wesens Gottes dar. Mit diesem Ansatz kann der Mensch mit seinem von Gott geschenkten Verstand die Gedanken des Schöpfers nachdenken. Menschliches Erkennen ist im Wesentlichen das Nachdenken von Gottes Gedanken. Daher galt die Meta-Physik – die Wissenschaft von den Gedanken des Schöpfers, die hinter der Physis der Dinge liegen – als Königsdisziplin und nicht die Physik.

Die Nominalisten12 des ausgehenden Mittelalters fragten dann: «Ist Gott wirklich so mit der Natur verbunden, dass der Mensch bei der Naturbetrachtung Gottes Gedanken nachdenken kann? Ist es nicht eher so, dass der Mensch nur seine eigenen Gedanken in die Natur hineinliest?» Wilhelm von Ockham13 formulierte in «Summa logica» sein Omnipotenzprinzip. Es besagt: «Gott ist völlig frei. Er hat sich auch an keine Bedingung gebunden.» Das bedeutet aber in letzter Konsequenz, dass alles, was ist, nicht notwendig so sein muss, wie es ist. Weil Gott allmächtig und völlig frei ist, hätte er auch ein ganz anderes Universum schaffen können. Der Gedanke, Gott sei unfähig, etwas logisch Unmögliches zu tun, war für die Nominalisten nicht akzeptabel. Gott habe einfach bestimmt, dass
2 + 2 = 4 seien oder dass Unzucht etwas Schlechtes sei. Gott hätte auch ganz anders entscheiden können. Dann wären halt die Gesetze der Ethik anders – ebenso wie jene der Logik. Wir könnten uns eine solche Welt natürlich nicht vorstellen. Doch, nur weil unsere Vorstellungskraft begrenzt ist, dürften wir nicht behaupten, dass eine solche Welt für Gott unmöglich sei.
Auch Thomas von Aquin sagte, dass Gott völlig frei sei. Nach ihm musste sich Gott also nicht an irgendwelche Regeln halten, die er bereits fertig vorfand. Er betonte aber, dass Gottes Wille mit seinem Wesen völlig identisch sei. Wir könnten weder sagen, dass die Definition von dem, was gut ist, Gott vorausgegangen sei, und er sich dann daran halten müsse, noch könnten wir sagen, dass er zuerst da gewesen sei und willkürlich bestimmt habe, was gut sei – gemäss dem Ansatz der Nominalisten.

Folgen des nominalistischen Ansatzes
In der christlichen Geistesgeschichte begann mit dem nominalistischen Ansatz die Trennung Gottes vom Weltganzen. Wenn Gottes Entscheidungen nur willkürlich sind, dann kann man aus der Natur keine Rückschlüsse mehr auf ihren Schöpfer ziehen. Folglich kommt es in unserem Denken und Handeln nicht sonderlich darauf an, ob Gott überhaupt existiert. Gottes Existenz wird genau genommen irrelevant für unser In-der-Welt-Sein. Wenn der nominalistische Ansatz stimmt, dann können wir aus dem Universum nichts, aber auch gar nichts mehr über Gott erfahren. Das ist höchstens noch durch eine spezielle Gottes-Offenbarung möglich. In der gegebenen Welt gilt nur das empirisch Gegebene als wahr. Damit zerbrach die Harmonie zwischen Gott, Welt und Mensch, und der Mensch wähnte sich zunehmend als Herr und Besitzer der Wirklichkeit.

Drei mögliche Beziehungsbestimmungen zwischen Gott und Welt
Im ausgehenden Mittelalter war das Verhältnis von Gott und Welt unklar geworden. Um weiterzukommen, boten sich drei Wege an: der «fromme», der weltliche und der pantheistische Weg.

Auf dem «frommen» Weg entflieht der Mensch dem Diesseits, da es ja nichts mehr mit Gott zu tun hat. Frommsein heisst, der Welt völlig zu entsagen und ihr abzusterben. Gott ist der ganz Andere, der durch Christus und die Schrift seinen Willen offenbart hat.
Die Frömmigkeit der beginnenden Neuzeit sah in Christus primär eine Aufforderung zum Tun, zum «Machen»14. Christus war das unübertroffene Vorbild für eine Askese, die diese Welt geringachtete und alles daran setzte, sich wie Jesus aus dieser Welt zu verabschieden und zum transzendenten Vater zu gehen. Das führte zu einer weltflüchtigen, heilsindividualistischen Frömmigkeit. Und damit zu einer Frömmigkeit, die bis heute in gewissen Kreisen gepflegt wird. Sie führt zu einem Glauben, der sich fast ausschliesslich um das eigene Seelenheil dreht und die Welt am liebsten Welt bleiben lässt.
Auf dem weltlichen Weg erscheint die Welt nicht mehr als ein von Gott geordnetes Ganzes, sondern als ein Chaos von Einzelteilen, in das der Mensch durch seine Methoden und schliesslich durch seine technischen Fähigkeiten Ordnung bringen muss. Die Ordnung der Dinge ist in dieser Sicht nicht mehr von Gott vorgegeben, sondern vom Menschen erstellt15. Dieser Standpunkt ist umgekehrt: Nicht mehr Gott ist die erste Instanz, sondern der Mensch und seine Perspektive.
Der seiner selbst bewusste Mensch der Renaissance entdeckte immer mehr die Eigengesetzlichkeiten in der Natur. Und hier hatte der Glaube an Gott nicht viel beizutragen. Gott kümmerte sich offenbar nicht um das Geschehen auf der Erde. Damit war der Deismus geboren.

Neben der Isolation von Gott und Welt (Epikur, Deismus) und der späteren Abschaffung Gottes (Atheismus) tauchte ein weiteres Motiv aus der antiken Stoa16 wieder auf: die Identifikation von Gott und Welt im Pantheismus.
Man findet diese Sicht bei Giordano Bruno17 und später auch bei Spinoza. Hier ist Gott das Unendliche, von ewigen Kräften bewegte Universum. Einen transzendenten Gott im Sinne der christlichen Tradition gibt es nicht. Anklänge an die Stoa findet man in der heutigen Esoterik unter dem Stichwort «Wiederverzauberung der Welt».

Weiter auf dem «weltlichen» Weg
Galilei18 gab mit seiner Kombination von physikalischen Experimenten und dem mathematischen Nachdenken darüber den Anstoss zu einer Weltbetrachtung, die nur mehr nach dem Wie des Funktionierens und nicht mehr nach dem begründenden Warum fragte. Isaac Newton19 lieferte ein Musterbeispiel für die Leistungsfähigkeit dieses Prinzips. Er brachte die Hypothese «Gott» zwar noch in seinem Werk unter, aber für den denkenden Zeitgenossen war Gott längst zu einem überflüssigen Ingenieur im Ruhestand geworden. Ein knappes Jahrhundert später hatte Laplace20 die Newtonschen Theorien so weit verbessert, dass er Napoleon stolz erläutern konnte, er benötige «die Hypothese Gott» nicht mehr. Die nun aufkommende Lehre von Darwin schien die Eigenständigkeit der Natur endgültig zu bestätigen, angesichts derer ein Schöpfer undenkbar war. Für Ernst Haekel21 schienen alle Welträtsel vollständig gelöst zu sein, und das ganz ohne Gott. Seinem Materialismus gab er eine polemische Spitze, indem er Gott als ein «gasförmiges Wirbeltier» bezeichnete.
Der Gottglaube war nicht nur entbehrlich, weil Natur und Mensch offenbar ohne ihn auskamen, sondern darüber hinaus auch philosophisch unhaltbar geworden. Nun musste der Mensch die Konsequenzen ziehen und das Steuer des Geschehens, das er irrtümlich in der Hand eines Gottes geglaubt hatte, energisch selber in die Hand nehmen. Der Gottglaube war damit nicht nur ein belangloses, veraltetes Weltbild konservativer Kreise, er wurde zur öffentlichen Gefahr, welche die Menschheit und den Einzelnen um die besten Entfaltungsmöglichkeiten betrog. Der Glaube musste ab sofort bekämpft werden.

Entscheidend: Die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf

Dieser kurze geistesgeschichtliche Überblick muss natürlich holzschnittartig ausfallen. Aber er zeigt, dass in den früheren Verhältnisbestimmungen von Gott und Natur die meisten der heutigen Glaubenssysteme vorgezeichnet worden sind: vom militanten materialistischen Atheismus über die spirituelle Verabschiedung aus der Welt bis hin zur neu-esoterischen Vergöttlichung der Natur. Wenn die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf unklar geworden oder sogar unterbrochen worden ist, hat das einschneidende Folgen. Für die Einen verkommt alles zur blossen Materie, die man nach den eigenen Interessen benutzen und ausnützen darf – bis hin zum Mitmenschen. Und für die Anderen bleibt nur noch die Flucht aus der öden Diesseitigkeit, der Sprung in den Glauben und ins Spirituelle.
Der Ausweg aus diesem falschen Gegensatz ist die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Er sehnt sich nach der Antwort des Menschen. Unsere Welt braucht Christen, die wieder von der grossen Geschichte des Schöpfergottes und seiner Beziehung zur Welt erzählen – und mit ihrem Leben für andere greifbar machen.

1  In der modernen Verhältnisbestimmung wird «Natur» meist durch
«Materie» ersetzt.
2  Sie lebten im Zeitraum von 600—350 v. Chr. .
3  Demokrit von Abdera 459—371 v. Chr., Vater des atomistischen Materialismus
4  Epikur 341—271 v. Chr.
5  Lukrez (Titus Lucretius Carus), ca. 99—53 v. Chr.
6  Platon (428—348 v. Chr.) in seinem Dialog «Timaeus»
7  z.B. Theophilus von Antiochien und Justin der Märtyrer; sowie Origenes
8  Marcion (85—160)
9  Der Manichäismus wurde nach seinem Gründer, dem Perser Mani
(216—276) benannt.
10  auch Albigenser genannt
11  1224—1274
12  Der Nominalismus (lateinisch «nomen» = Name) ist der Auffassung, dass alle Allgemeinbegriffe nur von Menschen gemachte Bezeichnungen für etwas sind — also reine Namen, denen nichts Wirkliches entspricht.
13  ca. 1285—1348
14  vgl. Thomas von Kempis (1380—1471) in der «Imitatio Christi»
15  Nachdem Nikolaus Kopernikus 1543 sein Werk «De revolutionibus orbium coelestium» veröffentlicht hatte, schien endgültig bewiesen, dass die Ordnung des Universums nicht vorgegeben, sondern Aufgabe des Menschen war.
16  Die Stoa geht auf Zenon von Kition (333—262 v. Chr.) zurück.
17  Giordano Bruno (1548—1600) wurde als Ketzer durch die Inquisition verurteilt und starb auf dem Scheiterhaufen; Spinoza lebte von 1632—1677.
18  Galileo Galilei (1564—1641)
19  Isaac Newton (1642—1726)
20  Pierre-Simon Laplace (1749—1827)
21  Ernst Haekel (1834—1919)

 

Felix Ruther ist freier Mitarbeiter bei den Vereinigten Bibelgruppen VBG und Mitbegründer des Instituts INSIST.
felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch

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