Inspierierter Führungsalltag

Falsche Gegensätze vermeiden

Interview: Dorothea Gebauer Wenn beim Management «weltliches» und nur «geistgeleitetes Führen» gegeneinander ausgespielt werden, sind Führungslosigkeit, das Gefühl von Vergeblichkeit oder am Ende gar die Selbstauflösung eine mögliche Folge.

Das ist zumindest die Erfahrung von Georges Morand, der als Coach und Berater für Führungspersonen arbeitet.
 
Magazin INSIST: Warum trennen wir oft Managementkönnen von einer geistlichen Führungsgabe?

Georges Morand: Dahinter steckt ein dualistisches Menschen- und Gottesbild. Wer diesen Dualismus pflegt, wird diese Bereiche immer auseinanderdividieren. In Organigrammen entdecke ich immer wieder, wie operative Leitung und geistliche Leitung auseinandergehalten werden. Wenn man das ehrlich zu Ende denkt, wird es makaber. Da steckt eine Schwarz-Weiss-Theologie dahinter, die nichts mit dem Evangelium von Jesus Christus zu tun hat.
Alles, was ich tue, ob kochen, leiten, Auto fahren, singen, putzen oder verkaufen, tue ich als Christ mit Gottes Geist in mir. Die Geist-Gottes-Leitung ist in mir verankert. Der Leiter ist als Christ einer Gottesleitung unterstellt. Das macht ihn reif, wirkungsstark und nicht selbstüberschätzend.

Leiten hat also auch mit menschlichen Fertigkeiten zu tun ...
In sozialen oder kirchlichen Institutionen sind viele «Leitende» kaum ausgebildet, und für ausgebildete Leitungspersönlichkeiten sind die Berufe und Stellen oft wenig attraktiv. Partizipation steht in diesem Umfeld oft über der Leitung. Ich greife zwei Beispiele heraus:
Teamleiterin oder -leiter von Sozialpädagogen oder Sozialarbeiterinnen wird oft nicht die Person mit dem grössten Führungstalent sondern diejenige mit der meisten Fachkenntnis, wenn sie zugleich die kleinste «Leitungskatastrophe» ist. Lange war es auch in den Schulen so. Da gibt es inzwischen hervorragende Schulleiterausbildungen. Trotzdem hat sich die Führungskultur in den Schulhäusern und das Sich-Führen-Lassen in der Pädagogen-Kaste noch kaum geändert. Fachleute im sozialen oder pädagogischen Bereich zu leiten, ist etwas vom Herausforderndsten. Sie sind sich gewohnt, zu allem etwas zu sagen und befragt zu werden. Sie sind heimliche Sheriffs. Dass das zu aufreibenden und entscheidungsarmen Teamsitzungen führt, liegt auf der Hand.
Um erfolgreich zu sein, braucht es Führungsschulung und ein verändertes Führungs- und Teamverständnis in den Institutionen.
Das zweite Beispiel: Pfarrpersonen sind für exegetisches1, homiletisches2, seelsorgerliches und wissenschaftliches Arbeiten ausgebildet. Aber im Kirchenalltag sind Führungs- und Managementfähigkeiten gefragt. Dafür sind sie kaum ausgebildet. Viele Pfarrpersonen leiden an diesem selbstgewählten Dilemma. Für Leitungspersönlichkeiten ist ein Theologiestudium meistens nicht anziehend. Das gleiche gilt für Kirchenvorstände und Gemeindeleitungen.

Welche Rolle spielen Ihrer Einschätzung nach harte Arbeit und Lernen – und damit «Natur» –, wenn es um Führung geht? Und welche Rolle das Charisma, die von Gott geschenkte Gabe?
Wer leiten will, sollte sein Leitungspotenzial weiterentwickeln. Die geschenkte Leitungsgabe muss wie das musische Talent stetig gefördert und herausgefordert werden. Das heisst: lernen, üben, dranbleiben. Die hochtalentierte Führungspersönlichkeit Bill Hybels liest um die zehn Führungsbücher pro Jahr und geht an Orte, wo Leitende sich treffen, um weiterzukommen. Was allein schon ein Führungsbuch pro Jahr bewirken könnte, lässt sich erahnen. Eine geschenkte Begabung will entwickelt und entfacht werden. Das ist in der Musik wie in der Führung genau gleich.
 
Wolfgang Weidner, Leiter von «Leaders of influence (LOI) Expand» sagt, Beispiele wirklich guter Führung kenne er wenige, auch nicht im christlichen Bereich. Angenommen Sie teilen diese Einschätzung. Welche Gründe gibt es dafür?
In Amerika und Deutschland gibt es eindeutig mehr gute Leiterinnen und Leiter als in der Schweiz. Dort ist Leadership viel mehr ein Thema und Leitung steht nicht im Dunst des sinnlosen Märtyrertums. In beiden Ländern wird Führung stärker zugelassen und gefördert.
Trotzdem: Die Spezies der guten Leiter gibt es in der Schweiz mehr als man denkt, nur gehen sie fast alle in die Wirtschaft. Da ist Führen gewünscht und erlaubt. Da haben sie ein «Spielfeld». Wir Schweizerinnen und Schweizer wollen oft nur theoretisch mehr Führung erleben. Praktisch verhindern wir fast systematisch und mit allen Mitteln starke Leitung, aus Angst vor Macht- und Mitspracheverlust. Dahinter steckt auch ein falsches Verständnis, das Leitung und Partizipation als Widerspruch sieht. Führungslose Demokratie ist ein Drehen im Kreis.
Ich meine: Leitung und Partizipation ist ein polarverbundenes Wortpaar, das voneinander abhängt, sich gegenseitig ergänzt und befruchtet. Leitung ohne Partizipation wird zur Diktatur. Partizipation ohne Leitung verliert die Wirkungskraft und schlittert fast unmerklich in die Selbstauflösung. Die Schweiz als Nation steht in dieser Gefahr.

Die Schweiz hat also ein Problem mit Führung?
Wir Schweizerinnen und Schweizer sind gut im Schreien nach Führung. Führt dann jemand wirklich, bekommt er schnell zu spüren, dass er ja nicht zu viel dreinreden soll. Gemeint ist oft: Moderiere, was wir wollen. Der Bundesrat kann ein Lied davon singen. Die Medien behandeln ihn in gut schweizerischer Manier. Bei zu wenig oder zu viel Leitung wird geklagt. Wir sehnen uns nach Führung. Sinnvoll wäre, wenn wir Führung zulassen und uns selbst auch führen lassen würden. Wenn nicht, verhindern wir die Führung, die eine Gruppe, eine Organisation oder das Land unabdingbar braucht.

Wie kann die Schweiz mehr zum einem Spielfeld für Leitungstalente werden?

Bestimmt gibt es in der Schweiz viel mehr Talentierte als wir zurzeit kennen! Entweder sind wir schlecht im Entdecken oder aber im Entwickeln. Was wir tun könnten?
1. Die Angst vor Machtverlust überwinden.
2. Experimentierfelder schaffen, um Nachwuchstalente zu entdecken.
3. Führung und Partizipation verbinden, neu füllen und gestalten lernen.
4. Leidenschaftliche und exzellente Leadership-Tagungen, Kurse und Konferenzen ins Leben rufen und besuchen.

Warum ist Führung wichtig? Was fehlt, wenn sie nicht stattfindet?

Wichtig ist Führung, weil sie Raum für die Entfaltung von Menschen und Träumen schafft und zugleich hilft, alle möglichen und scheinbar unmöglichen Kräfte auf ein Ziel, eine Vision oder eine Traumerfüllung zu bündeln und auszurichten. Ohne Leitung entsteht ein Wildwuchs mit engem Horizont. Wo Führungsarmut herrscht, beginnen alle, vor sich hin zu wursteln. Das öffnet Tür und Tor für Egozentrik, verdeckte Machtspiele und Sinnverlust.

Kann jemand mit sehr gutem Charakter schlecht leiten?
Da müssen wir nicht weit schauen. Unzählige Kirchen, NPOs und politische Gremien werden von charakterstarken Leitungsanalphabeten geleitet. Folge: Wir sind ständig in Bewegung, kommen aber nicht richtig vom Fleck. Zurück bleibt oft ein Gefühl der Vergeblichkeit.

Welches ist Ihr persönlicher Beitrag zum Thema Leadership?
1. Als Coach von «morandcoaching.ch» trainiere und coache ich seit Jahren heranwachsende und bewährte Leaders und «Nichttalentierte», fordere sie heraus und unterstütze sie, zukunftsfähige passende Schritte zu tun. Dazu führe ich Führungsretraiten in verschiedensten Branchen durch.
2. Die letzten 15 Jahre begleitete ich durch mein ehrenamtliches Engagement im Vorstand von Willow Creek Schweiz jährlich eine Studienreise mit integriertem Besuch des Global Leadership Summit in Chicago: eine geniale Inspirationsquelle für Leitende in Kirche, Business und Gesellschaft! Parallel dazu führen wir in Deutschland und der Schweiz Leitungskonferenzen durch3.
3. In einer Stiftung für Menschen mit Behinderung bin ich im Betriebsrat. Das ist eine ehrenamtliche Beratungs- und Entscheidungscrew für den Geschäftsleiter, bestehend aus Ärztin, Heilpädagoge, Coach und Dozentin. Wir unterstützen ihn in schwierigen Entscheidungen.

1  Bibelauslegung
2  gutes Predigen
www.willowcreek.ch

Georges Morand, 57, ist Coach, Theologe, Supervisor und Erwachsenenbildner. Er coacht und trainiert seit 18 Jahren Menschen in unterschiedlichsten Positionen und Lebensphasen. Der Inhaber von «www.morandcoaching.ch» ist wohnhaft in Wetzikon ZH. Er ist Autor von «Mach Dünger aus deinem Mist. Wie Sie erfolgreich scheitern und Tiefschläge überwinden.»
georges.morand@STOP-SPAM.morandcoaching.ch

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