Theologie

Geist und Natur in der Bibel

Stefan Schweyer Geist und Natur bilden in der Bibel eine spannungsvolle Einheit. Sieben ausgewählte Episoden aus der Bibel sollen das verdeutlichen und wichtige Erkenntnisse über die christliche Haltung zu Geist und Natur vermitteln1.

 

Episode 1: Chaos und Kosmos – Die Schöpfung
«Gottes Geist schwebte über dem Wasser2


Die erste Berührung von Natur und Geist findet bei der Schöpfung statt. Der Geist Gottes weht über dem Chaoswasser der Urflut. Gott ruft die Welt ins Dasein. Aus dem Chaos wird der geordnete Kosmos. Die Natur ist nicht sich selber überlassen. Über ihr wacht und weht der Geist Gottes.

 

  • Die Natur ist auf Gott hin geordnet und ausgerichtet. Damit wird dem Naturalismus von Anfang an eine Absage erteilt. Denn Naturalismus ist der Versuch, die Natur absolut zu setzen – absolut heisst: losgelöst von allem andern. Eine solche Perspektive ist der Bibel völlig fremd.
  • Die vom Geist durchwehte Natur ist der von Gott auserkorene Wohnort.

 

Die Schöpfung soll der Tempel sein, in welchem Gott seinen Geschöpfen begegnet und in der Welt gegenwärtig ist. Diese Sicht zieht sich durch die ganze Bibel: Wenn Gott sich einen Wohnort bereiten will, muss die Natur durch den Geist Gottes transformiert werden. Dieses «geistgewirkte Material» wird dann zum Tempel, zum Wohnort Gottes. Einige Beispiele: Der Geist Gottes durchdringt Bezalel, damit er die Stiftshütte bauen kann, also den Ort, wo Gott mitten unter seinem Volk wohnen kann3. Der Geist Gott kommt über Maria, damit sie schwanger wird und den Sohn Gottes zur Welt bringt4. Er wird zum Tempel aus Fleisch und Blut, in dem Gott bis zur Himmelfahrt auf Erden präsent ist und heute – im Geist – in uns wohnt. Der Geist Gottes erfüllt die Apostel – und aus der verängstigten Jüngerschar wird die Kirche als der Tempel Gottes, wo Gottes Geist wohnt5.


Episode 2: Erde und Geist – Der Mensch
«Da formte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Ackerboden und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen6.»

Das, was den Menschen auszeichnet, ist die Verbindung von Erde (Natur) und göttlichem Lebensatem (Geist). Der Mensch ist mit der Natur durch die «Erde» verbunden und durch den «Geist» unterschieden. Die Biologie kann den Menschen beschreiben – als «Erdling». Dabei werden auch Ähnlichkeiten zu Tieren deutlich. Eine biologische Beschreibung kann aber das Menschsein an sich nicht erfassen. Der «Geist» verbindet den Menschen mit Gott. Unter den Geschöpfen ist der Mensch das einzige Wesen, das darauf angelegt ist, mit Gott in einer wechselseitigen Beziehung zu stehen. Gleichzeitig ist der Mensch durch die «Erde» – mit seiner Körperlichkeit und Leibhaftigkeit – von Gott unterschieden. Geist und Leib gehören beim Menschen untrennbar zusammen. Wer den Menschen nur als Geistwesen betrachtet, vergöttlicht ihn und wird seiner Erdennatur nicht gerecht. Der Leib wird dann nur als notwendiges Übel betrachtet: als ein materielles Gefängnis, aus welchem der Geist befreit werden muss. Diese Vergeistigung des Menschen nenne ich hier «Spiritualismus». Sie bildet den Gegenpol zu Naturalismus und Biologismus und reduziert den Menschen auf den Geist. Die spiritualistische Denkform ist weit verbreitet. Sie zeigt sich in östlichen Weltanschauungen (die Materie ist nur ein Maja – ein «Schein»), in der antiken Gnosis (Die Materie ist böse, der Geist ist gut), in moderner Esoterik, im Genderismus (mit seiner Dekonstruktion des biologischen Geschlechts) und ist auch in christlichen Kreisen verbreitet: überall da, wo der Leiblichkeit und den geschöpflichen Bedingungen des Menschen (zu) wenig Beachtung geschenkt wird.

 

  • Spiritualismus ist der Bibel ebenso fremd wie Naturalismus. Der Mensch lässt sich weder auf den «Leib» noch auf den «Geist» reduzieren. Jede Lehre des Menschen muss dessen Leibhaftigkeit und Geisthaftigkeit beachten und beides würdigen.

 

Episode 3: Natur und Kultur – Der Garten
«Dann legte Gott, der Herr, in Eden, im Osten, einen Garten an und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte7

 

Dieser Mensch ist ein seltsames Wesen. Er ist nicht für die Natur geschaffen. In der freien Wildbahn, ohne Bekleidung, ohne Haus, ohne zusätzliche Wärmequelle, ohne Schutz ist er nicht überlebensfähig. Die Natur muss gebändigt werden, damit der Mensch leben kann. Deshalb richtet Gott ihm einen Garten ein. Ein Garten ist kultivierte Natur. Im Garten ist Leben möglich. Ausserhalb des Gartens lauert der Tod. Im Garten kann man jederzeit die Früchte von den Bäumen pflücken. Ausserhalb des Gartens ist die Nahrungsbeschaffung mühsam und gefährlich.
Woher kommt dieser Garten? Die Natur kann keinen Garten hervorbringen. Es braucht geistgeleitete Arbeit, damit aus der Natur ein Garten wird. Die durch den Geist transformierte Natur ist Kultur. Der Mensch braucht einen kultivierten Lebensraum. Er braucht beides: Natur und Geist. Ohne Natur kann er nicht existieren. Aber in der Natur allein kann er nicht überleben. Er braucht eine durch den Geist durchwehte und zur Kultur transformierte Natur, um zu leben zu können.

 

  • Christen sind Kulturoptimisten. Sie freuen sich über alle Tätigkeiten, in denen Menschen aus der rohen und bedrohenden Natur eine lebensfreundliche und geistvolle Kultur schaffen: Gärtner und Bauern, Dichter und Denker, Maurer und Musiker. Sie alle – und viele mehr – arbeiten mit beim göttlichen Auftrag zur Kultivierung der Welt.

 

Episode 4: Der kosmische Supergau
«Ihr werdet wie Gott8

Ein geordneter Kosmos, ein kultivierter Garten, geistbehauchte Erdlinge: Alles ist angerichtet für eine Erfolgsstory. Doch dann kommt der kosmische Supergau. Die Verlockung, sich vom Ackerboden, von dem sie gekommen sind, hinaufzuschwingen in himmlische Sphären, ist für die Erdlinge zu gross. Das ist nachvollziehbar. Wer würde nicht seine Herkunft verleugnen, wenn er dadurch scheinbar eine noch bessere Zukunft gewinnen kann? So jedenfalls ging es den Gartenbewohnern. Das teuflische Versprechen nahm Geist und Leib gefangen. Die Idee, wie Gott zu werden, setzte sich im Geist fest und wurde vom Leib ausgeführt. Die Hand griff zur Frucht. Der Biss war süss. Die Aussicht verlockend. Und das Resultat brutal. Die Menschen, auf die Gott seine Hoffnung gesetzt, für die er den Kosmos geordnet und den Garten kultiviert hatte, sie, die seine Repräsentanten in der Schöpfung sein sollten und denen er seinen Geist eingehaucht hatte – sie übten Hochverrat an Gott, glaubten der teuflischen Stimme mehr als dem göttlichen Wort, verweigerten ihren Auftrag und rebellierten gegen ihren Schöpfer. So, wie ein Zündholz einen Waldbrand entfachen oder eine winzige nukleare Reaktion eine wahnsinnige Explosion verursachen kann – so erschüttert der kleine Biss in die verbotene Frucht den gesamten Kosmos. Der Schatten der Sünde legt sich über die ganze Schöpfung. Die Tore des kultivierten Gartens werden geschlossen. Die Nahrung muss nun dem dornigen Erdboden mühsam abgerungen werden, die Geburt wird zum schmerzhaften Kraftakt, der Tod zur bitteren Realität. Der Leib muss nun unter der Vergänglichkeit leiden und der Geist unter Verfinsterung. Kultur entartet in Barbarei und offenbart die hässlichsten Fratzen der Menschheit.

 

  • Der «Sündenfall», wie dieser kosmische Supergau in der Theologie genannt wird, betrifft gleichermassen Leib und Geist, Natur und Kultur. Wer denkt, dass nur der Leib von der Sünde betroffen sei, nicht aber der Geist (spiritualistische Sicht) oder dass die Natur «intakt» geblieben sei und das Problem nur in einem Mangel an Erkenntnis und Bewusstsein bestehe (naturalistische Sicht), verfällt einer verhängnisvollen Täuschung.

 

Die weitere Geschichte Gottes mit den Menschen verläuft dramatisch. Menschen und Völker pendeln zwischen Liebe und Hass, Gehorsam und Rebellion. Kulturelle Höchstleistungen werden für den Dienst an Gott eingesetzt – oder für Götzendienst. Tempel – verstanden als ausdrückliche Wohnstätten Gottes – werden gebaut und zerstört. Menschliche Macht wird zum Guten eingesetzt – oder missbraucht. Hoffnung und Resignation wechseln sich ab. In diesem Auf und Ab scheint es keine Lösung zu geben ...

 

Episode 5: Gott und Mensch – Der Sohn Gottes
… bis Gott die Stelle des Menschen einnimmt:
«Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit9

 

Gott wurde Mensch in seinem Sohn Jesus – ein Mensch mit Fleisch und Blut, mit Leib und Geist. Der Schöpfer liess sich zum Geschöpf erniedrigen. Er, der über Raum und Zeit steht, gab sich in Raum und Zeit. Der Ewige bekleidete sich mit dem Endlichen. Kann man das fassen? Würde es nicht auch einfacher gehen?

 

  • Dass Gott Mensch wird, zeigt: Gott zielt auf die Erlösung des ganzen Menschen und des ganzen Kosmos. So wie der Sündenfall Natur und Geist betrifft, so muss auch die Erlösung ganzheitlich sein. Leib und Geist sollen befreit, Kultur und Kosmos erneuert werden.

 

«Er hauchte den Geist aus10


In seiner Identifikation mit dem Geschöpf bleibt Gott nicht auf halbem Wege stehen, er geht ihn bis zum Ende. Das fordert höchsten Einsatz. Es kostet Gott seinen Sohn und Jesus sein Leben. Jesus trägt an Leib und Geist alle Konsequenzen der Sünde. Der Körper wird geschlagen, gepeitscht, Hände und Füsse werden ans Kreuz genagelt. Der Geist wird gequält, Jesus hat Todesangst; er leidet, fühlt sich von Gott verlassen und von den Freunden verraten. So hängt Jesus am Kreuz, bis er seinen letzten Atemzug macht und stirbt. Spiritualistische Auffassungen neigen zur Meinung, dass Jesus nur scheinbar gelitten habe. So heisst es zum Beispiel in der «Petrusapokalypse» aus dem 2. Jahrhundert, dass Jesus in einem «Ersatzleib» am Kreuz gehangen habe und dass der wahre Jesus als fröhlich lachende Gestalt neben dem Kreuz gestanden sei. Man wollte so der Ungeheuerlichkeit aus dem Weg gehen, dass der Sohn Gottes wirklich einen leiblichen Tod gestorben sei. Gott wurde in dieser Sicht nicht wirklich Mensch, sondern nur scheinbar. Diese Lehre wird deshalb in der Theologie «Doketismus»11 genannt. Die Konsequenzen sind unübersehbar: Hier besteht die Erlösung darin, dass der Geist vom Leib befreit wird. Der Leib bleibt verloren! Für die Natur gibt es keine Hoffnung. Die Alte Kirche hat den Doketismus zu Recht als Irrlehre verurteilt.

 

  • Jesus hat an Leib und Geist gelitten, um Leib und Geist zu erlösen.

 

Episode 6: Auferstehung
«Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden12

 

Um diese Episode beschreiben zu können, fehlen die Worte. So etwas darf es eigentlich gar nicht geben: Das Grab ist leer, der Leib ist weg. Das kann nicht sein. Das passt nicht. Das ist unmöglich. Dass der Geist nach dem Tod irgendwie weiter existiert, das kann man sich ja noch vorstellen. Aber eine leibliche Auferweckung von den
Toten? Undenkbar! Kein Wunder waren an Ostern alle irritiert: die Frauen am Grab, die Jünger, die Gegner. Trotz den Ankündigungen durch Jesus hatte so etwas niemand erwartet: Die Auferweckung eines Toten – und das mitten in unserer Welt. Nicht zurück in das vorherige vergängliche Leben – wie etwa bei Lazarus –, sondern vorwärts in ein neues, unvergängliches Leben, in ein Leben von bisher ungeahnter Qualität. Aber nicht etwa in ein vergeistigtes Leben, sondern in ein Leben mit Leib und Geist. Der auferstandene Jesus war keine Idee im Kopf der Jünger sondern eine Person zum Anfassen. Er zeigte sich seinen Jüngern nach der Auferstehung und sagte zu ihnen: «Seht meine Hände und Füsse: Ich selbst bin es. Fasst mich an und seht! Ein Geist hat kein Fleisch und keine Knochen, wie ihr es an mir seht13
Mit der Auferstehung wurde die vergängliche Natur erstmals in die unvergängliche neue Welt transformiert. Die Auferweckung von Jesus Christus aus den Toten war der Beginn der neuen Schöpfung. Mit Jesus wurde die Natur im Grundsatz erlöst und von der Macht der Sünde befreit.
Der Naturalismus sagt: «Tot ist tot. Fertig, Amen, aus.» Der Spiritualismus sagt: «Jesus ist im Geist auferstanden, nicht im Leib. Die Auferstehung hat mit einem neuen Bewusstsein zu tun, nicht mit einer Transformation der Natur.» Gegenüber beiden Ideen hält der christliche Glaube fest:

 

  • Die Auferstehung von Jesus ist leibhaft. Der christliche Glaube hofft deshalb nicht einfach auf die Weiterexistenz eines körperlosen Geistes nach dem Tod, sondern auf die Auferweckung des Leibes14. Die Auferstehung von den Toten zielt auf den neuen Menschen als einer neuen, unvergänglichen Einheit von Leib und Geist.

 

Episode 7: Himmel und Erde – Die neue Welt
«Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird mit ihnen sein, ihr Gott. Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, und kein Leid, kein Geschrei und keine Mühsal wird mehr sein; denn was zuerst war, ist vergangen15

Gottes Handeln kommt in diesem Moment ans Ziel: Himmel und Erde, Gott und Mensch, Natur und Geist – in der Vollendung findet zusammen, was zusammengehört. Die neue Schöpfung ist der Tempel Gottes, der Ort, wo Gott mitten unter den Menschen wohnt. Hier gibt es kein geistiges Schweben von körperlosen Seelen auf materielosen Wölkchen, sondern leibhafte, geschöpfliche Realität. Der kosmische Supergau ist überwunden – die neue, unvergängliche Welt ist da. Und mitten in dieser neuen Welt ist nun nicht mehr ein Garten, sondern eine Stadt – und damit Kultur in höchster Qualität. Zum Schluss ist zu sagen:

 

  • Natur und Geist gehören in der Bibel untrennbar zusammen. Eine Reduktion nur auf das Materielle (Naturalismus) ist der Bibel ebenso fremd wie eine Reduktion auf das Geistige (Spiritualismus).
  • Leibfeindlichkeit, Denkfaulheit, Kulturpessimismus und Naturblindheit stehen einem Christen schlecht an. Christsein betrifft den ganzen Menschen und die ganze Welt: Leib und Geist, Natur und Kultur, der ganze Kosmos – alles wird in die Beziehung zu Jesus Christus hineingezogen und durch diese Beziehung verändert – schon hier und heute.

 

Unter «Natur» wird hier das Materielle verstanden, unter «Geist» ganz allgemein das Nicht-Materielle – und in besonderer Weise der «Geist Gottes».
2  1 Mose 1,2
3  2 Mose 31,3
4 Lk 1,35
5 Apg 2; 1 Kor 3,16
6 1 Mose 2,7
7 1 Mose 2,8
8 1 Mose 3,5
9 Joh 1,14
10 Lk 23,46
11 von dokein = scheinen
12 Lk 24,6
13 Lk 24,39
14 1 Kor 15
15 Offb 21,3-4

 

Stefan Schweyer ist Assistenzprofessor für Praktische Theologie an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH Basel)
stefan.schweyer@STOP-SPAM.sthbasel.ch

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