Glosse

Wie der Geist uns führt

Dorothea Gebauer Christen sind Menschen, die vom Heiligen Geist getrieben werden, sagt uns die Bibel. Schön und gut. Aber: Wie genau bringt uns der Heilige Geist vorwärts? Arbeitet er nach dem Motto «Je irrationaler, desto mehr Heiliger Geist»?

Meine Freundin hat sich verknallt. Aber so richtig! Endlich hat sie ihn gefunden, ihren Traummann. Wie soll sie sich ihm offenbaren? Da will sie nicht ihr Herz fragen, sondern Gott. Sie will in diesen Dingen ja keine «nur menschliche» Entscheidung treffen. Gott hilft, tatsächlich! Er gibt ihr einen bildlichen Eindruck: Sie sieht sich eine gerade Strecke laufen, immer den einen Weg. Ganz allein. Als Single. Plötzlich sagt ihr Gott, sie solle abbiegen und die gerade Strecke verlassen.
Nach diesem alles erhellenden Bild kann sie nun erleichtert mit ihrem potenziellen Freund ein Gespräch führen. «Hast du auch ein Bild von Gott über uns beide bekommen?» fragt sie ihn. Das hat er leider nicht. Aber er findet sie trotzdem nett. Er will nicht das Bild, aber zum Glück sie selber gerne näher kennenlernen.
Ein auf Spenden angewiesenes Werk, eine Non-Profit Organisation also, entwirft eine langfristig angelegte Spendenkampagne. Die Umsetzung, das sogenannte «Follow-up», ist harzige Arbeit. Das Geld fliesst, aber leider nur langsam. Das Team wird ungeduldig. «Gott hat doch alle Macht!», darin ist man sich einig. Warum einem aufwändigen Kampagnenplan folgen? Hingegen steigt die Zuversicht: «Gott kann doch grosse Wunder tun!» Tut er aber nicht. Nicht nett von ihm! Die Spendenprojekte laufen ins Leere. Und werden schliesslich eingestampft. Die Reaktion auf diesen Absturz fällt überaus demütig aus: «Der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen. In Schallah!»


Eine andere Freundin ist niedergeschlagen. In ihrer Gemeinde rät man ihr, an den Ort X zu fahren, um dort eine prophetische Zusage abzuholen. Eine fromme Frau mit übersinnlichen Kräften, eine, die sie nie gesehen hat und die sie nie wiedersehen wird, spricht ihr frohe Botschaften zu. Praktischerweise in einer kleinen, kurzen Whatsapp-Message. So kann sie diese, wenn sie wieder einmal niedergeschlagen sein sollte, nochmals anhören. Und das ist die Kunde: Sie weiss nun, dass sie Gottes geliebte Tochter und eine Prinzessin ist. Das hat sie vorher nicht gewusst. Und dass sie eine frohe Zukunft erwartet! Dessen ist sie nun ganz sicher – vorher konnte sie nur glauben und hoffen.
Ich grüble. Warum darf man eigentlich nicht sagen, dass man unsterblich verliebt ist? Ist Erotik ungeistlich? Warum wird das Beten planendem Handeln gegenübergestellt? Warum muss eine Ermutigung immer das ganz Exotische, Besondere sein?
«Es kommt nicht darauf an, was ich will, sondern was Gott will», höre ich in manchen Kreisen häufig. Eigenartig: Gott scheint gerne das völlig Andere zu wollen. Je abstruser, desto mehr Gottes Wille. Je irrationaler, desto mehr Heiliger Geist. Er mag es gar nicht, wenn ich was will. Komischer Gott, der Marionetten will. Schöpfungsfehler, dumm gelaufen. «This is not magic, this is christian faith», pflegte der anglikanische Pastor meiner international geprägten Gemeinde zu sagen. Und ich schätze ihn für diese Aufforderung, sorgfältig zu unterscheiden. Manchmal scheint sich ein Schuss Heidentum in unsere Gemeinden einzuschleichen. Whatsapps werden dann plötzlich wirksamer als Gottes Wort. Der Trost im Nahesein, das durch vertrauensvolle Beziehungen langsam wächst, erscheint plötzlich trivial und ist sowieso viel zu anstrengend. Und der jüdisch-christliche Vater-Gott mutiert unversehens zum unberechenbaren Monster, das nur durch regelmässige Gebetsschwüre zu gewinnen ist. Wehe denen, die noch den eigenen Gefühlen oder gar dem eigenen Willen trauen! Sie stehen kurz vor dem Abfall.

Gehöre ich zu diesen Abgefallenen? Wo hört der Glaube auf, und wo beginnt die Magie? Offensichtlich bin ich ein wenig verwirrt. Confused, but not at all amused. Ich muss meinen Pastor fragen gehen. Vielleicht können wir ja zusammen auf den Heiligen Geist hören.

 

Dorothea Gebauer ist Referentin für Spendenkommunikation&PR (MBA) und Regionalfundraiserin; sie ist zudem Mitglied der Redaktionskommission des Magazins INSIST.
dorothea.gebauer@STOP-SPAM.gmail.com

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