Psychiatrie

«Wir sprechen von einem Spiritual Turn»

Interview: Fritz Imhof Der Mensch ist viel mehr als nur ein biologisches Wesen. Das führt ihn oft in Konflikte mit andern Menschen – und mit sich selbst. Die Klinik der Stiftung für ganzheitliche Medizin (SGM) in Langenthal sieht den Menschen als bio-psycho-soziales Wesen, das auch eine geistliche Dimension hat. Albrecht Seiler, Chefarzt der Klinik SGM, erklärt, wie sich das in der Praxis auswirkt.

Magazin INSIST: Was unterscheidet die Klinik SGM von andern Kliniken, die sich auf psychosomatische Störungen konzentrieren?

Albrecht Seiler: Die moderne Psychiatrie arbeitet nach dem bio-psycho-sozialen Modell. Sie unterscheidet vorerst den biologischen und materiellen Bereich (Körper) vom nicht-materiellen, psycho-sozialen Bereich. «Psyche» beschreibt das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen. «Sozial» bedeutet Beziehungsgeschehen. Das biblische Menschenbild geht einen Schritt weiter. Es spricht von Körper, Seele und Geist. Was im bio-psycho-sozialen Modell als psycho-sozial (= Seele) beschrieben ist, ergänzt es also mit der geistlichen Dimension. Die SGM bezieht diese vierte Dimension – die Spiritualität – ganz bewusst in die Therapie ein und unterscheidet sich mit diesem ganzheitlichen Ansatz von andern Kliniken. Wir sprechen deshalb vom bio-psycho-sozio-spirituellen Modell und nennen uns «Die Klinik mit dem Plus».

Viele Christen haben Mühe, körperlich bedingte, psychische oder gar geistliche Störungen und Wirkungen auseinanderzuhalten. Kann ihnen die Klinik SGM dabei helfen?

Der Mensch ist ein Wesen mit den beschriebenen vier Dimensionen, die miteinander verwoben sind. Wer einen Beinbruch erleidet, hat ein körperliches Problem. Seine Bewegungseinschränkung kann jedoch ein soziales Problem nach sich ziehen und die Schmerzen Schlaf- und Konzentrationsstörungen. Damit sind wir bei der psychischen Dimension. Vielleicht taucht auch die Frage auf: «Womit habe ich das verdient?» Hier wird nun die geistliche Dimension berührt. Ein Problem ist nie einschichtig in einer Dimension verortet. Ist zum Beispiel ein zu schneller Herzschlag ein körperliches oder ein psychisches Problem? Somit ist das Trennen schwierig. Als Fachleute versuchen wir aber, wenigstens die Kernproblematik in einer Dimension zu verorten.

Wie können psychische Einflüsse von geistlichen Ursachen unterschieden werden?

Die Psyche umfasst das Denken, Fühlen und Handeln: Kognition, Emotion und Motivation. Das psychische Geschehen spielt sich in natürlichen Dimensionen ab. Mit dem Geist ist – biblisch gesehen – der übernatürliche Bereich angesprochen. Spiritualität oder Geistliches können so als Verbindung zwischen dem Natürlichen und Übernatürlichen verstanden werden. Im aktuellen gesellschaftlichen Umfeld wird Spiritualität oft ganz grundsätzlich mit Beziehungen in Verbindung gebracht: als Beziehung zu mir selbst, zu anderen Menschen, zur Natur, zum Übernatürlichen und so weiter. Spiritualität nach biblischem Verständnis bedeutet für mich jedoch die Beziehung zum Transzendenten – oder noch präziser gesagt: die Beziehung zum Schöpfergott und zur übernatürlichen Welt.
Psychisches und Geistliches können so voneinander unterschieden werden, doch gibt es auch viel Verbindendes oder Gemeinsames. Ich nenne als Beispiel die Thematik der Vergebung. Im Gespräch mit Patienten erhalte ich manchmal die Antwort, bei der Vergebung handle es sich um eine rein spirituelle Sache. Im kirchlichen Gemeindealltag werden viele Prozesse geistlich gedeutet, die vom Fachmann jedoch psychologisch erklärt werden. Doch würden die meisten Menschen anerkennen, dass auch ein nichtgläubiger Mensch vergeben kann. Bei der Vergebung laufen demnach psychologisch erklärbare Prozesse ab, die für Christen auch eine geistliche Dimension haben.

Gibt es Kriterien, welche die Unterscheidung zwischen geistlich und psychisch erleichtern?
Neben der Unterscheidung in Natürliches und Übernatürliches hängt vieles auch von der Persönlichkeit eines Menschen ab. Uns ist wichtig, den Menschen vorerst einmal wertzuschätzen und ihn als ganze Person ernst zu nehmen. Wir erklären ihm: «Du bist einzigartig und anders als alle andern.» Was ein Mensch als Wirken oder Reden Gottes wahrnimmt, hängt von seinen Erfahrungen, seiner Lebensgeschichte und letztlich auch von seiner Genetik ab. Meine einzigartige Persönlichkeit ist ein Produkt von Ererbtem und Erlerntem. In dieser Einzigartigkeit nehme ich auch Gott wahr. Ein impulsiver und erlebnisorientierter Mensch nimmt Gott anders wahr als ein auf Sicherheit und Stabilität bedachter Mensch. Hier durchdringen sich Psychisches und Geistliches und eine Unterscheidung ist nicht immer leicht oder möglich.

Kann die SGM mit ihrem Menschenbild und ihrem Therapieansatz die gängige Medizin ergänzen und gar ihre Kosten senken?
Kosten senkt jeder, der fachliche Ressourcen qualifiziert und effizient einsetzt. Wer neben den körperlichen und psychischen auch geistliche Ressourcen kennt und ernst nimmt, wird auch diese einsetzen können. Anders gesagt: Wenn der Mensch tatsächlich eine geistliche Dimension hat und diese Aspekte in der Therapie ausgeblendet werden, macht man – zugespitzt formuliert – einen Kunstfehler. Während vielen Jahren bekam die Spiritualität im Gesundheitswesen nicht die nötige Beachtung. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Es gibt jetzt Kurse, Lehrgänge und sogar Lehrstühle für Spiritualität. Man spricht heute von einem «Spiritual Turn». Spiritualität findet Eingang in die Therapie und die Interaktion mit dem Patienten.

Was ist für Sie eine effiziente Therapie?

Das sind Fachlichkeit auf hohem Niveau, Multiprofessionalität, eine gute Organisation, wirtschaftliches Denken und der angemessene Einbezug der Spiritualität. Effizienz bedeutet aber nicht nur die hier besprochenen Dimensionen einzubeziehen, sondern im Einzelfall auch sorgfältig voneinander zu trennen. Ich bin sehr froh um die neue Beachtung der Spiritualität. Sie wurde lange in der psychiatrischen Fachwelt verleugnet oder pathologisiert, während gleichzeitig viele Christen die Psychiatrie ablehnten. In den letzten Jahren hat sich auf beiden Seiten sehr viel bewegt, wofür ich dankbar bin. Die Klinik SGM war ein Vorreiter im Zusammenführen von Fachlichkeit und Spiritualität. Am Anfang wurde das ganzheitliche Anliegen der SGM wenig verstanden, heute aber müssen wir aufpassen, dass wir nicht von andern überholt werden.

Wie meinen Sie das?
Es gibt heute viele psychosomatische und psychiatrische Fachleute, die eine sehr gute Arbeit mit einem ganzheitlichen Ansatz machen. Mit ihnen messen wir uns. Wir wollen fachlich an der vordersten Front bleiben.

Gibt es Menschen, die aus Sicht der SGM geheilt sind, während eine psychiatrische Klinik zu einem andern Befund käme – und umgekehrt?
Selbstverständlich. Diese Fälle gibt es (nicht nur) in der Psychiatrie. Wir sehen das beispielsweise bei Gerichtsprozessen. Hier kann ein psychiatrischer Gutachter den Täter als voll schuldfähig bezeichnen, während ein anderer Fachmann ihn als schuldunfähig einstuft. Dahinter stehen nicht nur unterschiedliche Einschätzungen, sondern manchmal auch verschiedene Wahrnehmungen und Unterschiede im Wissensstand.

Wie ist die Position der SGM bezüglich Schuldfähigkeit und Verantwortlichkeit?

Hier treffen Weltanschauungen aufeinander. So sieht etwa die marxistische Weltanschauung den Menschen als Produkt seiner Umwelt – und damit eher als schuldunfähig. Das biblische Menschenbild sieht den Menschen als verantwortlich für sein Handeln in der Welt – und gleichzeitig auch vor seinem Schöpfer. Die Bibel spricht einerseits von Verantwortlichkeit und Gericht, gleichzeitig jedoch auch von Vergebung und Befreiung aus der Schuld.

Nicht wenige Menschen leiden unter einer Spaltung zwischen dem Alltagsleben und der Spiritualität, wie sie in der Gemeinde vermittelt wird. Woran liegt es, dass einige nicht aus dieser Spannung herauskommen?
Dazu verwende ich das Bild eines sparsamen Schwaben. Man sagt, bei ihm sei eine doppelte Bekehrung notwendig: die erste betreffe den Geist und die zweite den Geldbeutel. In diesem Beispiel wird ein Heiligungsprozess beschrieben. Was ein erlöster Mensch geistlich erfährt, muss in die Lebenspraxis übersetzt werden. In christlichen Gemeinden werden geistliche Wahrheiten wie Errettung, Erlösung oder Geistesgaben besprochen. Diese Erkenntnisse müssen in den Alltag übertragen werden. Das nennt die Bibel Heiligung. Mein Leben muss von der Erkenntnis und Erfahrung der Wertschätzung der Gotteskindschaft durchdrungen werden. Auch die scheinbar frömmsten Bereiche meines Lebens müssen von Heiligungsprozessen durchdrungen werden.

Wie kann die Gemeinde Menschen helfen, die natürlichen Seiten des Lebens mit der Spiritualität zu verbinden?

In den vergangenen Jahren haben viele Gemeinden die Verbindung von Verkündigung, Seelsorge und Diakonie wieder neu entdeckt. Die Kirchen haben in der Geschichte viel Diakonisches auf den Weg gebracht, das dann vom Staat übernommen und professionalisiert wurde. Viele Kirchen und Werke entdecken ihre sozialen und diakonischen Aufgaben wieder neu. In den letzten Jahrzehnten sind zum Beispiel auch viele Seelsorgeschulen entstanden. Sie haben qualitative Seelsorge und Beratung in die christlichen Gemeinden gebracht. Viele Menschen haben sich nach ganzheitlichen Ansätzen ausbilden lassen. Ergänzend braucht es aber auch profes-
sionelle Institutionen, die aktiv werden, wenn Ehrenamt und Semiprofessionalität nicht ausreichen. Ich wünsche mir, dass aus einem lebendigen Glauben heraus sozial-diakonisches Handeln gelebt wird.

Wie unterstützt die SGM die Gemeinden bei der Begleitung von Menschen?
Zum einen sind wir ein professioneller Partner, wenn Seelsorger oder Beraterinnen in der Gemeinde an Grenzen stossen und Menschen psychisch erkranken. Zweitens sind unsere Mitarbeitenden unterwegs mit Vorträgen und Schulungen. Auch greifen wir immer wieder Fachthemen auf. So haben wir kürzlich die Themen «Hochsensibilität» und «Geistlicher Missbrauch» behandelt. Wir möchten Einzelnen und Gemeinden fachliche Impulse geben.

Wie stark legen die «Natur» und die Vererbung den Charakter oder das Temperament eines Menschen fest? Wie weit können wir aus biblischer Sicht «geheiligt» werden oder geistlich reifen?
Wir arbeiten bei der SGM mit differenzierten Persönlichkeitsanalysen. Wir setzen voraus, dass es kein Persönlichkeitsmerkmal gibt, das an sich gut oder schlecht ist. Ein Beispiel ist die Emotionalität: Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Situationen und Ereignisse. Einige sind stabil und robust und zeigen nur wenige Gefühle, andere reagieren stark. Eine Pflegerin im Altersheim, die auf nichts reagiert, würde auf die betreuten Menschen wie ein Eiszapfen wirken. Hier ist ein gesundes Mass an Emotionalität gefordert. Ein Richter, als anderes Beispiel, der auf die kleinsten Regungen seines Gegenübers emotional reagieren würde, wäre für diesen Beruf untauglich. Die meisten Menschen haben sowohl robuste wie auch empfindsame Anteile. Neben der Emotionalität gibt es eine Vielzahl weiterer Persönlichkeitsmerkmale. Zusammen bilden sie die einzigartige Persönlichkeit eines jeden. Jeder Mensch kommt mit seiner Persönlichkeitsprofil mit einigen Situationen gut zurecht, mit anderen weniger. Wir erarbeiten dieses Profil mit einem Menschen und fragen dann, was sich ändern müsste, damit er bestimmte Lebenssituationen besser bewältigen kann. Unsere Gesellschaft betont stark die Normalität – das normale Profil. Menschen mit aussergewöhnlichen Persönlichkeitsprofilen haben es da schwer. Sie können zwar mit ihren Besonderheiten und Merkmalen in vielen Fällen auch Aussergewöhnliches erreichen, doch zeigen sich dann häufig auch die Grenzen ihres «Profils». Daher braucht jeder mit seinen Besonderheiten die Ergänzung durch andere.

Weshalb handeln Christen oft völlig unchristlich, wenn sie mit schwierigen Lebenssituationen konfrontiert sind?
Wir sehen solche Beispiele auch in der Bibel. Denken wir an Petrus, der in grosser persönlicher Bedrängnis seinen Meister Jesus verleugnet. Menschen werden in Extremsituationen auf ihre Kernpersönlichkeit zurückgeworfen. Diese hat Begrenzungen und manchmal auch «negative» Seiten. In anderen Situationen werden Erinnerungen oder Verletzungen berührt und Reaktionen ausgelöst. Gott und die Bibel entschuldigen solches «Versagen» nicht sondern geben uns neue Chancen.

Dr. med. Albrecht Seiler, 57, ist seit 2016 Chefarzt der Klinik SGM Langenthal. Geboren in Stuttgart, liess er sich in Freiburg und in den USA ausbilden, wo er auch einige Zeit lebte. Er arbeitete in Deutschland viele Jahre in einem Ärztehaus mit dem Schwerpunkt Innere Medizin. Er hat neben dem medizinischen Abschluss einen Master in Beratungspsychologie. 2012 kam er zur SGM mit dem Auftrag, ein psychosomatisches Ambulatorium zu führen. Er ist in zweiter Ehe verheiratet mit zusammen 7 erwachsenen Kindern.
albrecht.seiler@STOP-SPAM.klinik-sgm.ch

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