Film

«Silence» — hatte Gott geschwiegen?

Daniel Gerber Als das Christentum im 17. Jahrhundert in Japan rasch zu wachsen begann, unterdrückte die Regierung die Nachfolger Jesu brutal. Diese finstere Epoche des fernöstlichen Reiches bildet Kult-Regisseur Martin Scorsese im Oscar-nominierten Streifen «Silence» ab. Dabei wird auch die Frage, wie Gott so etwas zulassen konnte, nicht ausgeblendet. Hatte er geschwiegen?

Der Film gründet auf dem Roman «Schweigen» des japanischen katholischen Schriftstellers Shusaku Endo. Er erzählt die Geschichte zweier Jesuiten (Andrew Garfield und Adam Driver), die nach Japan reisen, um ihren Mentor Cristóvão Ferreira (Liam Neeson) aufzusuchen, der unter Folter den Glauben abgelegt hatte – um zu verhindern, dass er und andere leiden mussten.

Es gibt mehr im Leben

Der Star-Regisseur und Katholik Martin Scorsese («Gangs of New York», «Aviator», «Die Farbe des Geldes» oder «The Wolf of Wall Street») betont, dass ihm der Film wichtig war; seit 28 Jahren habe er die Geschichte ins Kino bringen wollen. Der Säkularismus wische die Tatsache weg, dass es im Leben eigentlich mehr zu finden gibt. «Was ist mit der Seele und dem Herzen?», fragt er. «Wo finde ich den Sinn der Existenz und den Sinn des Lebens? Für mich ist es das Christentum. Ohne die Hoffnung und das Mitleid, das im Zentrum des Christentums steht, habe ich wenig Hoffnung für die Menschheit.» Die Filmpremiere ging Ende 2016 im Vatikan über die Bühne.

Berührte Schauspieler
Andrew Garfield («Spider-Man») mimt im Film einen Gläubigen, der trotz allem an Christus festhält. Gegenüber dem «Hollywood Reporter» erklärte er, dass er zur Vorbereitung das Leben Jesu studiert habe. «Geschichte um Geschichte, Evangelium um Evangelium.» Es sei gewesen, als wäre er bei ihm gesessen und hätte seine Lehren gehört. Das habe sich stark auf sein Leben auswirkt, «persönlich wie spirituell». Die Vorbereitungen hätten ein Jahr gedauert. «Ich füllte mich mit diesen Informationen auf, um dann die Lehren von Christus, die ich sehr verehre, selbst im Film weitergeben zu können.»
Berührt zeigte sich auch Liam Neeson: «Du beginnst durch die Evangelien eine Beziehung zu Jesus, so dass Christus letztlich zu deinem Bruder wird, zu jemandem, mit dem du regelmässig redest.» Er blicke auf persönliche Erlebnisse zurück, auf «all das, worüber die Psalmen berichten».

Warum schweigt Gott?

Wozu am Glauben festhalten, wenn Gott nicht eingreift? Wenn er sogar zu schweigen scheint? Es sind grosse Fragen, die der Film stellt. Fragen, die im 17. Jahrhundert in Japan aufgeworfen wurden. Fragen, die sich auch den zwölf Aposteln gestellt hatten: Elf von ihnen starben den Märtyrertod. «Wenn sie mich verfolgen, werden sie auch euch verfolgen», sagte Jesus zu seinen Nachfolgern. Das erleben auch die beiden Priester in «Silence» im fernöstlichen Kaiserreich, wo sich die Christen im Untergrund – im Schilf und in Höhlen treffen müssen. Warum kann Gott zu all dem schweigen – oder spricht er gerade durch sein Schweigen? Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage. Im Film nicht. Und auch im realen Leben nicht.

Unter Druck wachsen

Die Kirchengeschichte zeigt, dass das Christentum unter Druck oft gewachsen ist. In China beispielsweise. Die Zahl der Christen wuchs nach dem Ende der Kulturrevolution von einer Million auf gegenwärtig über 100 Millionen (die Schätzungen gehen von 85 bis weit über 120 Millionen), zudem steht die weltgrösste Bibeldruckerei in China («Amity Press» in Nanjing).
Ein christlicher Leiter im Mittleren Osten – der aufgrund seines Glaubens von islamischen Extremisten umgebracht worden war – sagte Monate zuvor im Blick auf den Westen: «Ich bin bereit, für meinen Jesus zu sterben. Doch ich frage mich, ob die Christen im Westen bereit sind, für ihn zu leben.»
Gott schreibt seine Geschichte mit jedem Menschen anders – und nicht jede verläuft bilderbuchmässig. Auch wenn der Mensch Fehler begeht oder sich sogar unter Druck von Jesus distanziert. Wie Cristóvão Ferreira im Film. Oder Petrus in der Bibel. Zu letzterem sagte Jesus, dass er seine Gemeinde durch ihn bauen wolle. Ein Zuspruch, der auch für uns gilt.


Daniel Gerber ist freier Journalist. Er berichtet unter anderem für livenet.ch über den christlichen Glauben, bei Open Doors über die verfolgte Kirche und für die Berner Zeitung und Blick über Eishockey.

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