Gesellschaft

Arme Natur!

Alex Nussbaumer «Natur» kommt vom Lateinischen «nasci», was «entstehen, geboren werden» bedeutet. Natur bezeichnet all das, was nicht vom Menschen geschaffen wurde, im Unterschied zu Kultur und Technik.

Die meisten von uns sind nicht im primären Wirtschaftssektor tätig. Wir arbeiten nicht wie zum Beispiel die Landwirte direkt mit der Natur. Für uns ist die Natur ein Ort der Erholung und Freizeit. Wir erleben sie im domestizierten Naturort eines Gartens oder eines gepflegten Waldes, vielleicht aber auch in einem wilden Naturort wie einem Nationalpark oder einer Wüste.

Keine Natur ohne Kultur
An jedem wie auch immer beschaffenen Naturort kommen wir aber von den Produkten der Zivilisation und Technik nicht los: Im Garten bedienen wir den Gasgrill; in der freien Natur sind wir mit Luftkissenwanderschuhen unterwegs, schützen uns mit Hightech-Textilien und nehmen zur Sicherheit das Handy in der Tasche mit. In eine wirkliche Wüste kommen wir sowieso nur mit dem Flugzeug.

Der Natur-Gott
Die meisten Zeitgenossen haben ein recht verklärtes Bild der Natur. «Ich finde Gott in der Natur, ich brauche die Kirche nicht», hört man oft. Sind darum unsere Wälder gerade am Sonntagmorgen oft so bevölkert mit Gottfindern?
Aber: Was für einen «Gott» finden wir mit unverklärtem Blick in der Na-tur? In der Natur findet ein brutales Fressen-und-gefressen-Werden statt. Und: Auch ein Tsunami ist ein Werk der Natur. Oder ein Orkan, ganz nach dem Motto: «Bäumeknicken – die Natur redet Fraktur1

Ein gespaltenes Verhältnis
Unser Verhältnis zur Natur ist durchaus schizophren. Auf der einen Seite bewundern, ja vergöttern wir sie, auf der anderen Seite machen wir sie systematisch kaputt. Alle wollen zurück zur Natur, aber keiner zu Fuss2. Wir Menschen sind die einzigen Lebewesen, die Bäume fällen, daraus Papier herstellen, um dann darauf schreiben: «Rettet den Wald.»
Unser Klima spielt verrückt. Gletscher schmelzen, gewisse tropische Inseln drohen im Meer zu versinken, Perioden mit viel zu viel und viel zu wenig Wasser folgen sich in kurzen Abständen.

Alternative «Fakten»

Zum Glück haben wir Donald Trump. Er weiss es besser: Der Kli-mawandel ist die böswillige Erfindung seiner Gegner. Als Beleg dazu eine Zusammenfassung von zwei seiner Twitternachrichten: «The concept of global warming was created by and for the Chinese in order to make U.S. manufacturing non-competitive. Global warming is a total and very expensive hoax!» Also: «Das Konzept der globalen Erwärmung wurde von den und für die Chinesen erschaffen – gemeint ist wohl: erfunden (Anm. d. Verf.) – um die U.S.-Fabrikation weniger konkurrenzfähig zu machen. Die globale Erwärmung ist ein totaler und sehr teurer Witz.» Trumps Haltung gegenüber dem Klimawandel steht im Widerspruch zur überwiegenden Mehrheit der Wissenschaftler, die sich einig sind, dass die Trends zur Klimaerwärmung der vergangenen Jahrzehnte mit grosser Wahrscheinlichkeit das Ergebnis menschlicher Aktivitäten sind, und dass sich die zunehmenden Kohlendioxid-Emissionen unter anderem in Form von Klimakapriolen aller Art zeigen, wie auch im Ansteigen des Meeresspiegels und in schmelzenden Gletschern.
Wenn wir Menschen nicht an der Klimaerwärmung schuld sind oder diese gar nicht stattfindet, dann müssen wir unser Verhalten nicht ändern. So müssen wir zum Beispiel die Produktion und den Verbrauch fossiler Energieträger nicht drosseln.

Lügen sind gefährlich
Es ist ein trauriger Trend: Viele Individuen sind für offensichtliche Fakten nicht mehr zugänglich. Sie erschaffen sich eine Welt von «alternativen Fakten» – ein Euphemismus für «Lügen» – die ihrer Weltsicht besser zupass kommen. Katastrophal wird die Sache dann, wenn dieses Denken dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika eigen ist. Die Chinesen springen in die Lücke, welche die Amerikaner hier aufgerissen haben. Die Führer der kommunistischen Partei Chinas versprechen dem Volk, der Himmel über Chinas Städten werde bald wieder blau sein. Versprechen sie das Blaue vom Himmel? Oder lassen sie den Worten Taten folgen? Dazu müssten sie die Kohleförderung gewaltig zurückfahren und damit tausende von Arbeitsplätzen vernichten. Arme Natur! Wie lange hältst du uns Menschen noch aus?

1  Aphorismus von Martin Gerhard Reisenberg, zitiert mit freundlicher Genehmigung.
2  Werner Mitsch
 

Alex Nussbaumer ist Pfarrer der Reformierten Landeskirche

alex.nussbaumer@STOP-SPAM.livenet.ch

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