Literatur

Gefangen im Netz — Jarett Kobeks «I hate the Internet»

Alexander Arndt Wie ein Buch besprechen, das von Beginn weg keinen Hehl daraus macht, ein «schlechter Roman [...] etwa 72’600 Wörter lang» zu sein?

Sicher: Das Buch fängt den schlechten Zeitgeist formidabel ein. Man sollte aber vorsichtig sein, den Text zur grossen Literatur zu erklären, nur weil das selbstpublizierte Buch über Nacht zu einem Überraschungserfolg wurde – dank dessen, was es mutmasslich kritisiert. Die Dynamiken des vom Internet geprägten Zeitgeistes haben im Jahr seines Erscheinens die politische Landschaft auf den Kopf gestellt. Und den Roman damit bereits überholt, ohne ihn einzuholen. Soviel zur Ironie.

Ein absurdes globales Dorf
Und dennoch gelingt Jarett Kobek mit seinem Buch «I hate the Internet», was der weit prominentere Dave Eggers jüngst in seinem dystopischen1 Bestseller «The Circle» nicht so recht schaffte: eine Kritik, welche die Absurdität der Gegenwart in die eigene Textstruktur einfliessen lässt und damit mehr erhellt, als es tradierte Romanformen vermocht hätten.
Insofern ist der Vergleich zu «echter» Literatur nicht ganz abwegig. Schriftsteller der Moderne wie Alfred Döblin in «Berlin Alexanderplatz» hatten die moderne Grossstadt zum eigentlichen «Subjekt» ihrer Romane gemacht: als technisch-organisches Wesen, in dessen Bann der moderne Mensch steht und von dem er getrieben und zerrieben wird. Bei Kobek geht es um das Internet als globales Dorf und das dadurch beschädigte Leben. Was zunächst wie postmoderne Spielerei anmutet, ist eine durchaus böse Satire, welche die narzisstische Kultur der Gegenwart schonungslos karikiert.
Dazu lässt Kobek eine Handvoll eher skizzenhafte Figuren auftreten. Die verschiedenen Vignetten und Episoden haben die 45-jährige Comic-Künstlerin Adeline und ihren Bekanntenkreis als vages Zentrum. Sie wird – so beginnt und endet der Text – im Kurznachrichtendienst Twitter mit orthographisch abgründigen Mord- und Vergewaltigungsdrohungen belästigt. Der Anlass dafür: Sie hat die «einzige unverzeihliche Sünde des 21. Jahrhunderts» begangen, als marginal öffentliche Person und Frau einen Vortrag mit unpopulären Meinungen gehalten zu haben, der abgefilmt und später im Internet verbreitet wurde. «Das Internet war eine wunderbare Erfindung», so der trockene Kommentar, mit dem anderen das Leben zur Hölle gemacht wird. Adeline trägt es mit Contenance. Das parallel erzählte Leben der jungen Studentin Ellen wird durch im Netz zirkulierende Nackt-fotos hingegen zerstört.

Eine Ungeduld, die den Wahnsinn erhellt

Entlang dieser eher trivialen, weil durchwegs an der Oberfläche verhandelten Ereigniskette, arbeitet sich Kobek mit zahlreichen polemisierenden, dafür mit umso spitzerer Feder vorgebrachten Exkursen an den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Dynamiken einer aus den Fugen geratenen Welt ab: über Wertschöpfungsketten, Rassismus, politische Korrektheit und die Gentrifizierung des Ballungsraums San Francisco, dominiert von den neuen Götzen der Silicon Valley Start-Up-Kultur. Die entgrenzte Verwertungslogik macht jede noch so kleine Sehnsucht nach einer wahrhaft besseren Welt zunichte. Kobek bedient sich eines vorsätzlich naiv anthropologisierenden Blicks, so, als wolle er Besuchern einer anderen Epoche die Welt der Gegenwart vermitteln.
Dass der Text bei der Analyse absichtsvoll ebensowenig Geduld und Konsistenz aufbringt wie ein Twitter-Newsfeed, ist eine Methode, die den Wahnsinn erhellt. Angesichts der
absurden Zustandsbeschreibungen scheint selbst bei der Einsicht, was falsch läuft, die Vision des Besseren abhanden gekommen zu sein. Das resultierende Gefühl von Ohnmacht gegenüber der Erosion einer universell verbindlichen Menschlichkeit legt auf bittere Weise offen, dass die ausufernde Digitalisierung niemanden unbeschadet lässt.

Eine gekonnte Momentaufnahme

Konkrete moralische Empfehlungen finden sich nicht – abgesehen vom ironischen Plädoyer, mehr Zeit mit Büchern statt mit dem Internet zu verbringen. Eher ist es eine Jeremiade, die mit ihren satirischen Zuspitzungen den Finger in eine Zeitgeist-Wunde legt. Ob «I hate the Internet» tatsächlich den gegenwärtigen Moment literarisch überdauern wird, ist fraglich. Dass Kobek den Moment jedoch so böse wie gekonnt einzufangen versteht, macht das Buch – so sein Untertitel – zu einem «nützlichen Roman». Er schärft den Blick.

1 Dystopisch ist die negative Form von utopisch. Hier wird in der Zukunft nicht eine Verbesserung gesehen, sondern eine katastrophale Verschlechterung gegenwärtiger Tendenzen. Eggers «The Circle» handelt z.B. von einer Welt eines totalitären sozialen Netzwerks.

Alexander Arndt hat Geschichte, Literatur- und Kulturwissenschaft studiert und promoviert zur Zeit. Er ist in Zofingen in der Erwachsenenbildung tätig und arbeitet als Online-Redaktor für das «Jerusalem Center for Public Affairs».

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