Pädagogik

Der Glaube im Generationentransfer

Beat U. Spirgi Ausgangspunkt der folgenden Überlegungen ist eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jesaja. Ein von seiner schweren Krankheit geheilter König betet zu Gott und sagt: «Der Lebende ist es, der dich preist, wie ich es heute tue. Ein Vater lässt die Kinder von deiner Treue wissen1

Als Toter hätte der König also seinen Kindern nichts mehr von Gottes Treue erzählen können. Dass diese Möglichkeit in einem Atemzug mit der zuvor erlebten Genesung genannt wird, weist auf die Wichtigkeit dieser Aufgabe hin.

Verantwortung wahrnehmen
Es gibt weitere Stellen in der Bibel2, die nahelegen, dass es die Aufgabe der älteren Generation ist, der jüngeren zu sagen und ihr ständig vor Augen zu malen, wer Gott ist und was er tut. Damit wird eine Art Generationentransfer gefordert, mit dem vermieden werden soll, dass eine neue Generation plötzlich nichts mehr weiss von Gott, seiner Geschichte und seinen guten Absichten mit den Menschen. Die ältere Generation steht also diesbezüglich in der Verantwortung gegenüber der jüngeren. Die Beziehungsstruktur der Verantwortung ist ein Grundthema der Pädagogik. Dabei stellt sich die Frage, in welcher Art die damit verbundene Einflussnahme geschehen soll.
 
Gegenwart und Zukunft im Auge behalten
Bei Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768–1834), einem Theologen, der für die Pädagogik und die Praxis des Erziehens wesentliche Beiträge eingebracht hat, lesen wir dazu Folgendes: «Das Kindsein muss das Menschwerden nicht hindern, und das Menschwerden nicht das Kindsein. Das Kindsein wird gehindert durch alles, was das Kind nur um eines fernen Zwecks willen tut. Das Menschwerden wird gehindert durch alles, worin nicht Vernunftentwicklung ist3.» Gemeint ist hier, dass jede Einfluss nehmende Erziehung4 in einem Gegenwarts-Zukunfts-Verhältnis steht. Sie findet also in der Gegenwart statt und richtet sich in ihren Absichten auf die Zukunft. Dennoch muss sie beides berücksichtigen: die Zukunft in die Gegenwart einbeziehen und Zukunftsbezogenes in der Gegenwart sinnvoll machen5.
Was heisst das nun in Bezug auf den oben erwähnten Generationentransfer, und gibt es dafür Gelingensbedingungen?
Die Zukunft in die Gegenwart einbeziehen würde bedeuten, den Sinn der menschlichen Existenz in allem Gegenwärtigen – also in allem erzieherischen Handeln, Entscheiden und Bewerten im Hier und Jetzt – mit der persönlichen Beziehung zu Gott und der Liebe zu ihm zu verknüpfen6. Konkret zeigt sich das beispielsweise in einer Praxis der Dankbarkeit, die getragen ist von der Überzeugung, dass wir von den Wohltaten Gottes leben und daher nicht Verdienende sind, sondern Beschenkte.
Zukunftsbezogenes in der Gegenwart sinnvoll machen würde heissen, einem Kind seinem Alter gemäss zu zeigen, wie es Teil der Geschichte Gottes werden kann. Konkret zeigt sich dies etwa dann, wenn ein Kind, dem etwas misslungen ist und das sich deswegen zurückzieht, Ermutigung bekommt, indem man seinen Wert und die bedingungslose Liebe von Gott zu ihm hochhält.

Leben vorleben
Diese Doppelaufgabe kann nur wahrnehmen, wer in Bezug auf seine eigene Geschichte mit Gott schon selber jemand ist und davon auch glaubwürdig zu erzählen weiss. Man muss leben können, um Leben zu lehren. Die Weitergabe des Glaubens im Generationentransfer funktioniert nie unpersönlich oder nach der Idee der pädagogischen Machbarkeit. Max König sagt es so: «Deshalb ist sie (die Erziehung) ja Appell, Hinführung, Begegnung und eben nicht Dressur, Konditionierung, Steuerung. Sie handelt nicht im Horizont genauer Prognostizierbarkeit und Planerfüllung, sondern in der Dimension von Wagnis, Vertrauen und Hoffnung7

1  Jes 38,19 (nach der Zürcher Bibel, 2007)
2  Vgl. z.B. 2. Mose 12,26, Josua 4,6.21 oder
5. Mose 6,4-13: An diesen Stellen wird die
Ermahnung zur Gottesfurcht in Verbindung
gebracht mit dem Generationentransfer.
3  Schleiermacher, zitiert in: Reble Albert (2004): Geschichte der Pädagogik. Stuttgart: Klett-Cotta, S. 216
4  Gemeint ist hier die «intentionale» Erziehung, im Unterschied zur «funktionalen» Erziehung. Letztere wird oft als «Sozialisation» bezeichnet.
5  vgl. König, Max (1989): Lasst die Kinder Kinder sein. Giessen und Basel: Brunnen, S. 42
6  vgl. 5 Mose 6,5
7  König, Max (1989): Lasst die Kinder Kinder sein. Giessen und Basel: Brunnen, S. 46


Beat Urs Spirgi ist Pädagoge und Dozent für Erziehungs- und Sozial-wissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Bern.

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