Psychologie

Unsere Seele braucht Natur

Dieter Bösser Seit rund zweihundert Jahren ermöglichen uns technische Neuerungen, dass wir unser Leben mehr und mehr von natürlichen
Gegebenheiten ablösen können.


Elektrischer Strom macht es möglich, die Nacht zum Tag zu machen, rund um die Uhr zu arbeiten oder nachts etwas zum persönlichen Vergnügen zu tun. Seit wir pausenlos fernsehen können und überall Zugang zum Internet haben, schauen wir immer länger auf verschieden grosse Bildschirme. Apps zeigen uns an, wie viele Schritte wir zur Erhaltung der eigenen Gesundheit noch tun sollten. Dabei schwindet das unmittelbare Gefühl für die Signale des eigenen Körpers. Mit dem Flugzeug kommen wir in relativ kurzer Zeit an fast jeden Ort auf diesem Globus. Das Gespür für die zurückgelegten Distanzen bleibt dabei komplett auf der Strecke.
Diese und andere Entwicklungen bewirken, dass wir die Beziehung zur Natur um uns, aber auch zum eigenen Körper und zur eigenen Seele systematisch vernachlässigen. Die gegenwärtig rollende Digitalisierungswelle – mit all ihren Neuerungen in den Bereichen Smart-Phone, Smart-Home, Smart-Car und der Industrie 4.0 – wird dazu beitragen, dass unsere unmittelbaren Bezüge zur Natur weiter abnehmen. Wie sich das auf die Seele des Menschen auswirkt, muss erst noch im Detail erforscht werden. Einige Befunden liegen aber bereits vor. In Abwandlung eines Bibelzitates kann man wohl schon jetzt sagen: «Der Mensch lebt nicht von Internet, Bits und Bytes alleine.»

Heilsames aus der Natur
Aus geschöpflicher Sicht ist der Mensch auf einen lebendigen Bezug zur geschaffenen Natur angewiesen. Studien zeigen, dass beispielsweise ein Waldspaziergang (nicht nur Joggen) zu einem erfreulichen Kalorienverbrauch führt und das Risiko für Arterienverkalkung reduziert. Zudem wurden positive Auswirkungen auf das Immunsystem nachgewiesen. Waldspaziergänge bauen zudem Stress ab und steigern gemäss britischen Forschern das Selbstwertgefühl. Muss uns erst eine Kur verordnet oder eine Rehabilitation nötig werden, damit wir diese Erfahrung wieder machen?
Der Physiker und Wanderexperte Rainer Brämer beklagt seit Jahren die Naturentfremdung insbesondere der jungen Generation. Auf seiner Website1 stellt er zahlreiche und erstaunliche Befunde auch über den Zusammenhang zwischen Natur und Psyche dar. Die Reize der Hightechwelt führen demnach mehr und mehr zur mentalen Erschöpfung, bringen die Menschen aus dem Gleichgewicht und fördern Krankheiten. Brämer legt im Gegenzug eine Reihe von Daten und Fakten zur Renaturierung des Hightech-Menschen vor.

Retour à la nature
Bei einem unspektakulären, aber nicht zu kurzen Waldspaziergang bietet sich die Möglichkeit, Pflanzen und Tiere bewusst wahrzunehmen. Statt Musik per Ohrhörer zu konsumieren, ist es sinnvoller, auf den kreativen Gesang der Vögel zu hören und auf das Rauschen der Blätter im Wind zu lauschen. Statt dass wir keuchend über Waldwege joggen, macht uns normales Gehen sensibel für optische und akustische Reize der Natur. Es macht uns zudem empfänglicher für Signale des eigenen Körpers und der eigenen Seele. Der Bezug zur Wirklichkeit wird umfassend verbessert. Das machen sich auch eine Reihe von psychotherapeutischen Verfahren zunutze.
Das Arbeiten in Büros und Fabrikationshallen, das Benutzen von Computern, die Fortbewegung per Auto, Zug und Flugzeug gehören zur Sicherung unseres Lebensunterhaltes. Gleichzeitig wirkt sich ein unzureichender Bezug zur Natur nachhaltig negativ auf das menschliche Ergehen und Erleben aus. Unser Gott hat die Natur mit einer unwahrscheinlichen Vielfalt, Schönheit und Weisheit ausgestattet. Man kann oder sogar muss es deshalb als Sünde bezeichnen, wenn wir sie de facto ignorieren. Die Natur heilsam auf Körper und Seele wirken zu lassen, liegt im Interesse und in der Verantwortung jedes Einzelnen.

1 www.natursoziologie.de

 

Dieter Bösser ist als Theologe und Psychologe unterwegs in unterschiedlichen Fachgebieten mit dem Ziel, wissenschaftliche Konzeptionen und das Leben in die Nachfolge Christi zu integrieren.
dieter.boesser@STOP-SPAM.vbg.net

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