Religionen

Das Phänomen Fatima

Georg Schmid Am 13. Mai 2017 hat Papst Franziskus in Fatima zwei der drei Hirtenkinder heilig gesprochen, denen auf den Tag genau vor hundert Jahren eine erste Marienerscheinung zuteil geworden war.

Die Kinder hatten eine strahlende, weisse Frau gesehen, die sich im Verlauf von sechs Erscheinungen als Maria zu erkennen gab und die dringend bat, die bedrohte Welt ihrem Herzen zu weihen. Drei «Geheimnisse» – Prophezeiungen, von der himmlischen Gestalt übermittelt – wurden erst Jahre später notiert und zum Teil noch viel später veröffentlicht. Sie betrafen nach der später sich entwickelnden Deutung die bedrohliche Macht der Sowjetunion, den Ausbruch des zweiten Weltkrieges und das Attentat auf Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1981.
 
Fragen rund um Fatima
In der Berichterstattung über diese Heiligsprechung versuchten einzelne Journalisten auch grundsätzlich skeptischen Lesern das Phänomen Fatima zu erklären. Da wurden zum Beispiel Fragen wie die folgenden aufgeworfen: Wollte man mit Marienerscheinungen die Botschaft Jesu «updaten»? Genügte Jesus nicht? Waren die dringenden Ermahnungen, welche die weisse Gestalt den drei Kindern übermittelte, die Reaktion der katholischen Seele auf die extrem antikirchliche Politik im damaligen Portugal und auf die bedrohlichen Ereignisse am Ende des ersten Weltkrieges? Oder kam es Portugal ein paar Jahre später nicht sehr gelegen, dass es nun ein eigenes nationales Wallfahrtszentrum aufbauen konnte?
Hintergründe der Marienverehrung
Von all diesen Fragen bewegt den protestantischen Leser vor allem die zweite: Genügte Jesus nicht? Und warum genügte er nicht? Die Entwicklung der Marienverehrung und der sie begleitenden Mariendogmen vor allem in den letzten zwei Jahrhunderten lässt kaum eine andere Antwort zu: Christus genügte und genügt in weiten Teilen des katholischen Christentums offensichtlich nicht. Oder vielleicht genügt er zu sehr. Im Vergleich zu seiner in ihren neuzeitlichen Erscheinungen in reines Weiss oder Blau gehüllten Mutter wirkt das vor allem von den ersten drei Evangelien übermittelte Bild des Sohnes fast ärgerlich konkret. In die Mutter lassen sich alle kindlichen Wünsche hineinprojizieren. Der seine Gesprächspartner und Jünger in vielfacher Weise herausfordernde Sohn eignet sich weit weniger als Projektionsfläche. Es ist in mancher Beziehung einfacher, die Mutter zu verehren als den Sohn.

Wie nahe ist uns Christus?
Vielleicht aber spielte in der Entwicklung der katholischen Marienfrömmigkeit auch ein anderer Prozess eine entscheidende Rolle: Der höchste Gott steht vielen Gläubigen in vielen Religionen unendlich fern. Also braucht unsere Seele Mittler zwischen Gott und den Menschen. Im frühen Christentum war Jesus der Bruder und Mittler. Dann wurde er selbst in der christlichen Vorstellung in reine, göttliche Sphären entrückt. Also brauchte die christliche Seele neue Mittler zwischen Gott und den Menschen. So gewannen die Heiligen und vor allem auch Maria immer grössere Bedeutung.
So gedeutet ist die Entwicklung der Marienverehrung eine Antwort auf eine Fehlentwicklung im christlichen Christusbild. Auf diesen protestantischen Einwand auch gegen
Fatima kann ich nicht verzichten – trotz aller ökumenischen Grundstimmung.

Prof. Georg Schmid ist Pfarrer und Religionswissenschafter.
georg.schmid@STOP-SPAM.relinfo.ch

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