Theater

Rückblick auf ein reichhaltiges Theaterjahr in der Schweiz

Adrian Furrer Beim diesjährigen Theatertreffen in Berlin, bei dem jeweils die «bemerkenswertesten Inszenierungen» des deutschsprachigen Raums gezeigt werden, war die Schweiz prominent vertreten.

Nicht weniger als vier der zehn ausgezeichneten Arbeiten stammten aus Schweizer Theatern oder waren von Schweizer Regisseuren verantwortet: Milo Rau (siehe Magazin INSIST 1/15) nahm in seiner internationalen Koproduktion die Tragödie um den belgischen Kinderschänder Marc Dutroux zum Anlass, um aus Kindersicht über die Verwerfungen unserer Zivilisation nachzudenken; Thom Luz, der seinen sensiblen, hochmusikalischen Inszenierungsstil in der freien Theaterszene der Schweiz entwickeln konnte, fand auch mit seinem am Staatstheater Mainz entstandenen Stück «Traurige Zauberer» Momente von wunderlicher Schönheit und Würde an Orten, wo man sie nicht erwartet hätte.

Aussergewöhnliche Ehrungen
Von den Theatern kamen Bern und Basel in die Ränge. Nachdem das Schauspiel des Theaters Basel einige Jahre lang Mühe bekundete, bei Kritik und Publikum gut angenommen zu werden, gelang es dem neuen Intendanten Andreas Beck und seinem Team nach seinem Amtsantritt vor zwei Jahren auf Anhieb, Basel auf der Theaterlandkarte wieder prominent zu platzieren. Bereits die zweite Nominierung für das Theatertreffen gelang ihm mit «Drei Schwestern», einer von Regisseur Simon Stone und den Schauspielern erarbeiteten, konsequent ins Heute zielenden «Überschreibung» des Tschechow-Klassikers über verzweifelte Melancholiker und die vergebliche Suche nach Glück und Daseinssinn.
Zum ersten Mal überhaupt in Berlin vertreten war das Konzert Theater Bern. Noch vor einem guten Jahr befand sich die Schauspielsparte des KTB in einer veritablen Krise. Mit der überraschenden Installierung des türkisch-schweizerischen Regisseurs Cihan Inan als Nachfolger der auf unrühmliche Art gechassten Spartenleiterin Stephanie Gräve gelang es aber, einen Boden und Arbeitsbedingungen zu schaffen für den bis anhin grössten überregionalen Erfolg des Berner Theaters. «Die Vernichtung» beruht auf einem Text der jungen Autorin Olga Bach, mit dem der 28-jährige Regie-Shootingstar Ersan Mondtag – auch er (deutsch-)türkischer Gastarbeitersohn – mit überbordernder szenischer und bildnerischer Phantasie vom Vakuum privilegierter Grossstadtmenschen erzählt und der Gefahr, dass die sich in Selbstbezüglichkeit ermattende Selbstbestimmung dieser westlichen Urbanisten eine verheerende Verbindung mit den Zerstörungsfantasien der «andern» eingehen könnte. Dass dieses Projekt noch von Inans Vorgängerin aufgegleist wurde, soll jedoch nicht unerwähnt bleiben.

Vielfältige Produktionen

Aber nicht nur diese aussergewöhnlichen Ehrungen prägten das Schweizer Theaterjahr, sondern auch Arbeiten wie «Der Chinese» vom Theater Biel/Solothurn, dem kleinsten unserer Stadttheater, die zum renommierten «Heidelberger Stückemarkt» eingeladen wurde oder Milo Raus Bühnenadaption des seinerzeit höchst umstrittenen und angefeindeten Pasolinifilms «Die 120 Tage von Sodom». In Zusammenarbeit des Zürcher Schauspielhauses mit dem Theater Hora, dem Theater für Menschen mit «geistiger Behinderung» (siehe Magazin INSIST 3/15), stellt Milo Rau auf radikale Weise u.a auch die Frage nach der Ethik und den Konsequenzen der pränatalen Diagnostik. Wäre diese schon ein paar Jahre früher erlaubt gewesen, stünde heute wohl keiner der so spielgewaltigen und lebensfrohen Darsteller des «Hora» auf der Bühne.
Wichtige und zukunftsweisende Veränderungen gab es in dieser Saison am St.Galler und am Luzerner Theater. In beiden Städten gelang es den neuen Leitern – Jonas Knecht als Schauspielchef in St. Gallen, Benedikt von Peter als Intendant und Regula Schröter als Schauspieldirektorin in Luzern – ihr Theater weiter zu öffnen und im Gemeinwesen zu verwurzeln sowie eine hochintelligente Dramaturgie und herausfordernde Ästhetik mit Publikumsnähe zu verbinden.
Zu hoffen ist, dass die Politik erkennt, welch konstituierende Bedeutung funktionierende Kulturinstitutionen für den Zusammenhalt der Gesellschaft haben und was für eine immense Arbeit da vor und hinter den Kulissen geleistet wird. Dies im Übrigen bei einem Lohnniveau, das dasjenige der meisten Wirtschaftszweige klar unterschreitet.

 

Der Theater- und Filmschauspieler Adrian Furrer gehört zum Ensemble des Luzerner Theaters. Er ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und ist Vorstandsmitglied bei ARTS+.
a.furrer@STOP-SPAM.freesurf.ch

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