Blog

Erschütterte Fundamente

Hanspeter Schmutz Seit der globalen Krise von 2008 kracht es im Gebälke der Finanzwirtschaft. Noch selten hat jemand so genau die Schäden benannt wie der Finanzfachmann Marc Chesney von der Uni Zürich. In der kirchlichen Landschaft hat eine etwas schräge Berner Theologin ein kleineres Erdbeben und damit eine Diskussion über Fundamente ausgelöst.

 

Ein Grundproblem unserer Finanzwirtschaft ist ihre Abkoppelung von der realen Wirtschaft. 

Früher ging es mal darum, Waren oder Dienstleistungen auf den Markt zu bringen und dort mit einem an-gemessenen Geldbetrag zu erwer-ben oder zu verkaufen. Das war einmal. 

Heute ist das Geld selbst zu einem hoch spekulativen Handelsgut geworden. Manchmal werden Aktien-Transaktionen innerhalb von Sekundenbruchteilen abgewickelt. Im Durchschnitt werden Aktien in den USA noch 22 Sekunden lang gehalten. Viele dieser Börsengeschäfte laufen nach bestimmten Vorgaben automatisiert ab. Und es gibt Wetten auf schlechte Kursentwicklungen, die beim Niedergang der Aktie Geld einbringen. Das Verrückte daran: So kann man viel Geld scheffeln – «verdienen» wäre an dieser Stelle wohl das falsche Wort. Der Hedgefonds-Manager John Paulson häufte im Jahre 2007 rund 3,7 Milliarden Dollar an, das ist etwa 80’000-mal mehr als das Durchschnittseinkommen in den USA. Und der ehemalige CEO von Lehman Brothers, Richard Fuld, soll zwischen 2000 und 2007 rund 500 Millionen Dollar eingesackt haben. Er hat im Verlaufe dieser Zeit seine Bank in die Pleite getrieben.

Das ist nicht nur ökonomisch unsinnig, es ist auch eine Gefahr für die Demokratie. «Die Konzentration von Reichtum und Macht in der Finanzindustrie ist gefährlich geworden»1, sagt Marc Chesney, Finanzprofessor am Institut für Banking und Finance an der Universität Zürich. Er spricht von einem neuen Geldadel, der so reich geworden sei, «dass er Medien kaufen kann wie unsereiner ein Stück Brot». Dementsprechend würden Politiker immer mehr unter den Einfluss der Finanzlobby geraten. Und damit sei letztlich auch die Demokratie gefährdet.

Bei der Suche nach Lösungen verweist Chesney u.a. auf Ludwig von Mises, einen ultraliberalen Verfechter des freien Marktes. Dieser kritisierte die übergrosse Finanzmacht und argumentierte, «dass in einer
liberalen Gesellschaft nur ein all-
gemeiner Produktivitätsanstieg zu höheren Löhnen führen darf». Also:
Zurück zur Realwirtschaft. Als Zuchtmittel gegen die Finanzaristokratie empfiehlt Chesney die Auftrennung zwischen «nützlichen Geschäftsbanken» und Investmentbanken, «die mit unserem Geld im Casino spielen». Er plädiert für «kleinere und fittere Banken, ... die rentable Investitionen in die Wirtschaft finanzieren». Und er schlägt einen Zertifikationsprozess für Finanzprodukte vor, denn auch Medikamente müssten auf ihre Ungefährlichkeit geprüft werden, bevor sie auf den Markt kommen. Schliesslich verlangt er eine Transaktionssteuer auf Finanzprodukte: Bei jeder Mahlzeit in einem Restaurant müssten wir 8 Prozent Mehrwertsteuer zahlen, also sollte es auch möglich sein, eine Transaktionssteuer von 0,1 Prozent auf Finanzprodukte zu erheben. 

Wenn ein «Bankenprofessor» so spricht, lässt das aufhorchen. Wir als gewöhnliche Teilnehmer am Markt haben die Möglichkeit, die Finger von unsinnigen Börsenkonstrukten (und den entsprechenden Banken) zu lassen und unser Geld dort hinzubringen, wo es Leben fördert. Politisch sollten wir uns zudem in alter Eidgenossenmanier dafür einsetzen, dass der Geldadel mittelfristig dasselbe Schicksal erleidet wie die Aristokratie am Ende des Ancien Régime. Schliesslich wurde die Schweiz seither in eine direkte Demokratie umgeformt.

 

Die reformierte Berner Pfarrerin Ella de Groot glaubt nicht an einen persönlichen Gott. Dieses Bekenntnis hat eine erfreuliche Grundsatzdebatte ausgelöst. Dass die Spitze der Berner Kirche ihrer etwas schrägen Pfarrerin eilends den Rücken gestärkt hat, war sicher gut gemeint, zeugt aber letztlich von einer (hoffentlich vorübergehenden) populistischen Anwandlung. Umso erfreulicher, dass junge bernische Theologen – darunter die auf Seite 37 porträtierte Silvianne Bürki – sich in die Diskussion eingemischt haben. Dies mit der Erklärung: «Eine Kirche ohne Gott ist nicht Kirche ... sondern nichts anderes mehr als eine soziale Einrichtung2». Das gibt Hoffnung auf eine Berner Kirche mit etwas mehr Profil.


1   «Der Bund» vom 10.8.13

2  Reformierte Presse vom 9.8.13

 

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST. 

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch

To top