Karriere in der Wissenschaft

«Da hilft mir mein Grundvertrauen auf Gott»

Interview: Fritz Imhof Was bedeutet es, als Christ eine akademische Karriere einzuschlagen? Welche Stolpersteine und Klippen gibt es auf diesem Weg? Wir fragten Andreas Kaplony, Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

Magazin INSIST: Andreas Kaplony, was hat Sie motiviert, eine akademische Laufbahn einzuschlagen?

Eine akademische Laufbahn bedeutete für mich nichts Besonderes, da schon meine Eltern Wissenschaftler waren. Ich kannte somit die Bedingungen – und ich wollte mich mit fremden Kulturen beschäftigen. Der Orient stand für mich im Vordergrund, weil für mich vieles davon schon bekannt war. Ich wollte noch mehr darüber erfahren. Islam und arabische Kultur waren für mich eine Grenze zwischen Bekanntem und vielem Unbekannten. Wir hatten zuhause viele Bücher. Wissenschaftliche Arbeit und Forschung waren eine Option unter mehreren, für die ich mich dann entschied. 

 

Wo liegt der aktuelle Schwerpunk Ihrer heutigen Tätigkeit?

Ich bin Professor für Arabistik und Islamwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 20–30% meiner Zeit setze ich für Forschung und Publikationen wie Zeitschriftenartikel und Bücher ein. Ich beteilige mich an Konferenzen oder diskutiere aktuelle Fragen mit Kollegen und Studierenden. Ein Thema sind zurzeit die Muslimbrüder in Ägypten. In der Forschung arbeite ich mit zwei Schwerpunkten. Einer davon ist die Arbeitsweise des arabischen Fernsehens wie z.B. Al Jazeera; ein anderer die Erforschung von arabischen Dokumenten aus dem 7. bis 16. Jahrhundert, die über die ganze Welt zerstreut sind und die über den Alltag der Menschen Auskunft geben. 

50% meiner Arbeit ist Unterrichten. Wir sind an unserem Institut vier Professoren. Wir unterrichten und betreuen etwa 160 Studierende, die ihren BA oder MA erwerben oder auch doktorieren. Weitere 20% meiner Zeit setze ich ein für die Verwaltung und Administration, zum Beispiel auch für das Verfassen von Gutachten, die Finanzierung neuer Stellen bzw. das Erhalten von Stellenprozenten oder das Erstellen des Budgets etc.

 

Hat Ihr christliches Bekenntnis bei der Wahl Ihrer Laufbahn eine Rolle gespielt?

Ja sicher. Ich erlernte schon in der Mittelschule die biblische Sprache Hebräisch. Die semitischen Sprachen waren mir früh vertraut. Als Christ interessierte mich aber auch die Kultur der islamischen Welt. Die Religion hat mich zwar nicht fasziniert, aber ich hatte einen Zugang dazu, weil ich die Welt der Bibel kannte. 

 

Welche Rolle spielt Ihr Glaube bei Ihrer Arbeit?

Der christliche Glaube prägt mich. Wenn ich ins Büro komme, lese ich zuerst die Bibel. Vor einer schwierigen Sitzung bete ich. Wenn ich die Prüfungsaufsicht inne habe, bete ich für die Studierenden. Bei Vorlesungen über den Islam vermittle ich den Studierenden auch, was die Bibel unter Inkarnation versteht. Ich vergleiche die Beziehung zwischen Gott und Mensch in den beiden Reli-
gionen. Ich rede wohl etwas mehr über den christlichen Glauben, als es unbedingt nötig wäre ...

Wenn ich mit Studierenden und Mitarbeitenden zu tun habe, steht für mich ihr Wohl im Vordergrund. Der Mensch steht über der Sache. Wenn jemand zum Beispiel eine Auszeit braucht, sorge ich dafür, dass er sie bekommt. Konflikte versuche ich zu bewältigen, indem ich mich selbst relativiere und Gott auch in meinem Gegenüber sehe. Ich spreche mit den Mitarbeitenden über meine Erfahrungen in der Kirche. Vom Chef akzeptiert man das ja auch (schmunzelt). 

 

Hat Ihre akademische Umgebung schon irritiert darauf reagiert, wenn Sie sich zum christlichen Glauben bekannt haben?

Als Student schon, da gab es zuweilen auch Spott. Aber das hat man mir je länger je weniger vorgehalten. Je mehr Sozialprestige einer hat, desto weniger stellt man ihn wegen einem Glaubensbekenntnis in Frage. Meine Studierenden sollen wissen, dass Gott im christlichen Verständnis Mensch geworden ist. Meine persönliche Ansicht und meine berufliche Rolle gehen da ineinander über. Es gibt hier allerdings einen Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz. Gerade Zürich ist ein liberaler Ort. Eine kirchliche Bindung ist in Bayern auch für akademisch Tätige nichts Aussergewöhnliches. Die Hemmschwelle, über christliche Inhalte zu reden, liegt hier tiefer. 

 

Sind Sie als Christ bei Ihrer Arbeit auch mal in einen Gewissens- oder Wertekonflikt geraten?

In einer Führungsfunktion neigt man dazu, das für richtig und wichtig zu halten, was man vermittelt. Und es gehört sich für die andern nicht, leichtfertig zu widersprechen. Ich bemühe mich aber, mir selbst kritisch gegenüberzustehen und meine persönlichen Interessen zurückzustellen. Auch dann, wenn ich zum Beispiel Fundraising betreibe. Ich versuche, meine Überzeugungen klar zu machen, ohne andere zu überfahren. 

Meine grosse persönliche Herausforderung ist die Zeitaufteilung. Meine Aufgaben haben das Potenzial, mich zum Workaholic zu machen. Doch die Familie darf nicht zu kurz kommen, und es soll am Familientisch auch andere Themen als meine beruflichen geben. 

 

Sehen Sie die Gefahr, dass man als Christ die wissenschaftliche Karriere und das persönliche Glaubensleben trennt?

Diese Gefahr gibt es ganz klar. Aber seit meiner Zeit in der Studierendenbibelgruppe Zürich der VBG war für mich immer klar, dass ich das vermeiden wollte. Das habe ich dort gelernt. Eine Herausforderung kann das christliche Glaubensbekenntnis bei Stellenbewerbungen sein. Aber normalerweise wird man dazu gar nicht befragt. Wo ich tätig war, hat meine Umgebung immer gewusst, dass ich Christ bin. Das war mir auch wichtig, und ich sprach darüber, dass ich mich in der Kirche engagiere. Ich teilte auch andere persönliche Dinge aus meinem Leben mit den Mitarbeitenden. Ich bin in München Mitglied der methodistischen Kirche, und auch dort wissen die Leute, was ich beruflich tue. Dort schlucken die Leute vorerst mal, wenn ich ihnen davon erzähle – bis es dann selbstverständlich wird. Dass man Glaube und Beruf nicht trennt, gehört zu meiner Prägung aus der VBG-Zeit. Ich versuche, offen zu kommunizieren und transparent zu leben. 

 

Gab es Situationen, wo Ihr persönlicher Hintergrund als Christ ein Projekt oder eine Arbeit ganz konkret verändert oder geprägt hat?

Konkret am Institut bedeutet es, dass für mich der Mensch Vorrang hat – auch unter Zeitdruck. Wenn jemand an meine Türe klopft, nehme ich mir Zeit für ihn. Das kann ein sehr wichtiger Moment sein. Der Glaube hilft mir, mich stärker mit den Menschen im Orient zu identifizieren. Ich trenne nicht zwischen denen dort und uns hier im Westen, wie man das sonst in meinem Beruf gerne macht. Das hängt für mich damit zusammen, dass die Bibel ein Buch ist, das aus dem Orient stammt und mir wichtig ist. Ich weiss zwar, wo ich hingehöre; ich kann mich aber mit vielem identifizieren, was die Menschen im Orient beschäftigt. Ich kann mit den Menschen dort auch lachen, und ich geniesse ihr Vertrauen. Als Christen sind wir ja auch vom Orient geprägt. 

 

Gab es kritische Situationen? Wie sind Sie damit umgegangen?

Man kann in unserem europäischen akademischen Umfeld bei den Geisteswissenschaften eine akademische Karriere schwer planen. Bei Bewerbungsverfahren, die oft undurchschaubar sind, braucht es ein Quantum Glück. Da spielen Konstellationen eine Rolle, auf die man keinen Einfluss hat. Ich stand in meiner Laufbahn mehrfach vor Unsicherheiten; ich war zum Beispiel zweimal während drei Monaten arbeitslos. Das ist nicht einfach, wenn man eine Familie hat. Es gibt wenig Alternativen für einen Geisteswissenschaftler. Entscheidend war dabei mein Grundvertrauen auf Gott und meine Einbettung in eine Gemeinde, in der ich mit den Leuten über meine Situation reden – und Verständnis für meine Situation schaffen – konnte. Der Glaube ist ein sicherer Anker im Leben, aber die Verwurzelung in einer Gemeinde ist ebenfalls sehr wichtig. Gerade der Austausch mit Menschen, die einen «ganz normalen» Beruf haben, kann neue Sichtweisen eröffnen. 

 

Wo finden junge christliche Akademiker Hilfe oder Beratung, wenn sie in Gewissenskonflikte geraten?

Solche Hilfe ist für junge Leute, die in eine (geisteswissenschaftliche) Forschungskarriere einsteigen, nicht einfach zu finden. Am meisten half mir, mit Leuten zu reden, die selbst im Uni-Betrieb drin sind. Oder mit guten Freunden auf gleicher Stufe auszutauschen. Coaches für Interessierte, die nach der Dissertation in die akademische Laufbahn einsteigen wollen, gibt es kaum. Ich selbst stehe im Rahmen meiner Möglichkeiten gerne als Coach für solche Leute zur Verfügung, denn es gibt etliche Fallen, in die ein Jungakademiker nicht treten darf. Trotz der Forderung nach interdisziplinären Kompetenzen ist es entscheidend, dass er sich vor allem in einer Disziplin gut auskennt. Wenn jemand zum Beispiel echt interdisziplinär arbeitet, kann es passieren, dass die Leute der einen Disziplin ihn immer auf der andern Seite ansiedeln. Dann sitzt er plötzlich zwischen allen Stühlen. Ein älterer, erfahrener Berater wird in vielen Situationen sehr hilfreich sein. Er kann Tipps geben und die Erfolgschancen realistisch einschätzen. Meine Erfahrung ist, dass es im universitären Betrieb mehr Christen – aus verschiedenen Konfessionen – gibt, als es auf den ersten Blick scheint. Gerade in meiner Wissenschaft! Aber man entdeckt das oft erst beim persönlichen Kontakt.

 

Andreas Kaplony, 52, ist Ordinarius für Arabistik und Islamwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Titularprofessor für Islamwissenschaft an der Universität Zürich. Seit 2012 ist er auch Mitglied der Kommission für Semitische Philologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und Mit-Herausgeber der Zeitschrift «Der Islam». 1994 hat er in Allgemeiner Geschichte und Arabischer Sprache und Literatur an
der Universität Zürich promoviert, 2001 in Islamwissenschaft
in Zürich habilitiert. Seine Forschungsgebiete sind frühislamische Diplomatie, Jerusalem und Palästina (jüdisch, christlich und muslimisch) von der Spätantike bis heute, arabische und persische Geographie und Kartographie, arabische Originaldokumente und arabisches Satellitenfernsehen. Andreas Kaplony ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in München. Er engagiert sich in der evangelisch-methodistischen Erlöserkirche in München.

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