Sich ins wissenschaftliche Gespräch einbringen

«Die Theologie droht zur Religionswissenschaft zu werden»

Interview: Fritz Imhof Schweizer Landeskirchen wollen einen Quereinsteigerkurs für künftige Pfarrer schaffen. Für Absolventen der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH Basel) richten die Theologischen Fakultäten an der Universität aber hohe Hürden auf. Ist die STH Basel zu wenig wissenschaftlich, oder versteht sie unter Wissenschaft etwas anderes als die theologischen Fakultäten? Wir sprachen darüber mit dem Rektor und Professor für Neues Testament an der STH Basel, Jacob Thiessen und mit Sven Grosse, Professor für Historische und Systematische Theologie an der STH Basel.

 

Magazin INSIST: Herr Grosse, die Pfarrer in den Schweizer Landeskirchen müssen ein wissenschaftliches Theologiestudium vorweisen können. Bei der STH Basel wird von Unis und landeskirchlichen Gremien die Wissenschaftlichkeit angezweifelt. Was sagen Sie dazu?

Sven Grosse: Die Vorwürfe kommen nicht generell aus diesen Bereichen. Mit zahlreichen kirchlichen Gremien und Professoren an den Unis haben wir keine Probleme in der Zusammenarbeit. Sie denken auch überhaupt nicht daran, unsere Wissenschaftlichkeit in Frage zu stellen. 

 

Wer tut es denn?

Sven Grosse: Letztlich kommt es von Personen, die in der STH Basel eine wirtschaftliche Konkurrenz sehen. Die Argumente stammen nicht aus der Wissenschaftstheorie, sondern aus der Marktwirtschaft. Es gibt so etwas wie einen Markt an Theologiestudierenden, in den sich die STH Basel stärker als früher hineindrängt, und das weckt Konkurrenzängste. 

 

Jacob Thiessen: Meine Erfahrung in persönlichen Gesprächen mit Vertretern der Universitäten und Kirchen ist, dass sie die gute Qualität des Studiums an der STH Basel hervorheben. Vonseiten der Kirchen sind es einige Leute, welche die Fundamentalismus-Keule fürchten. Man hebt hervor, dass STH-Absolventen nicht dialogfähig seien, weniger das wissenschaftliche Niveau. Ich denke, es ist die Angst derjenigen, die uns nicht oder zu wenig persönlich kennen.

 

Kann das damit zusammenhängen, dass sich der Rektor und Gründer der damaligen FETA Basel zum theologischen «Fundamentalismus» bekannt hatte?

Jacob Thiessen: Das war die Zeit, als der Fundamentalismus noch nicht die ausgeprägte negative Bedeutung hatte, wie das heute der Fall ist. Das mag da und dort eine gewisse Rolle spielen, vermischt mit persönlichen Erfahrungen. Ich finde es aber nicht angebracht, dass immer wieder frühere negative Erfahrungen hervorgehoben werden.

 

Wie «wissenschaftlich» kann Theologie überhaupt sein? Gott kann ja nicht wissenschaftlich untersucht werden. 

Sven Grosse: Das setzt einen Begriff von Wissenschaft voraus, der von den Naturwissenschaften geprägt ist. Es geht um Objekte, die man untersuchen kann. Schon beim Menschen scheitert man aber damit. Denn der Mensch ist nicht nur Objekt, sondern ein denkendes, handelndes, fühlendes Subjekt. Und das gilt erst recht von Gott. Theologie hat von vornherein – ich spreche hier von der kirchlichen Theologie – als Voraussetzung anerkannt, dass Gott ein Subjekt ist, das in gewisser Weise redet, und von dem man nur etwas wissen kann, wenn dieses Subjekt bereit ist, von sich zu reden – oder mit andern Worten: sich zu offenbaren. Das ist der Ausgangspunkt von christlicher Theologie als Wissenschaft. Unter diesen Voraussetzungen ist Theologie eine Wissenschaft.

Wo kann die STH Basel die theologische Wissenschaftsgemeinschaft bereichern, ergänzen, herausfordern? 

Jacob Thiessen: Ich denke jetzt an den Tübinger Neutestamentler Martin Hengel, den ich vor ein paar Jahren
bat, eines meiner Buchmanuskripte gegenzulesen. Er hat mir damals zurückgeschrieben, dass er es für sehr erfreulich halte, «dass Sie, wie Ihre Anfrage zeigt, versuchen, die theologische Isolation, in der sich Ihre Hochschule befindet, aufzulockern. Ein intensiveres Gespräch zwischen den verschiedenen Richtungen wäre im Interesse der neutestamentlichen Exegese unbedingt erwünscht.»

 

Sven Grosse: Wir wollen keine Winkeltheologie! Wir wollen mitmischen im grossen Forum der Wissenschaften, und wir tun das auch in der Form von Tagungen, für die wir Theologen und andere Wissenschaftler aus den Universitäten zu Vorträgen einladen. Wir haben 2009 eine Tagung zum Calvin-Jahr durchgeführt. Das hat nicht jede theologische Fakultät in der Schweiz geschafft. 2010 organisierten wir eine Tagung «Möglichkeit und Aufgabe christlichen Philosophierens». Und wir luden zu Fachtagungen über Altes und Neues Testament und über Praktische Theologie ein. Und im letzten Jahr führten wir eine breit angelegte Internationale Tagung zur Rolle Basels als Zentrum des wissenschaftlichen Austausches in der frühen Reformationszeit durch, welche die Rolle Basels in der Reformationszeit aufzeigte. Nächstes Jahr werden wir eine noch grössere Tagung zu biblischer Hermeneutik1 und Exegese2 anbieten, als Beitrag zur Reformationsdekade. Was die Wissenschaftlichkeit betrifft: Wir erhielten für die Tagung im letzten Jahr Unterstützung vom Schweizer Nationalfonds und von der Oekolampad-Stiftung der Reformierten Kirche Basel-Stadt. 

 

Wie wissenschaftlich sollen Pfarrer ausgebildet sein? Braucht die Kirche rhetorisch begabte Verkündiger und einfühlsame Seelsorger oder gute Exegeten?

Jacob Thiessen: Ein Pfarrer braucht eine gute Grundlage, um sich ständig weiterzubilden. Gerade die Auseinandersetzung mit Zeitströmungen braucht eine gute Grundlage. Gute Verkündigung geschieht durch eine sorgfältige Exegese, und gute Seelsorge geschieht durch eine gute Verkündigung. Das eine schliesst das andere nicht aus, sondern vielmehr ein. Natürlich soll man in der Gemeindearbeit nicht mit der Wissenschaft um sich schlagen, aber es braucht das biblisch-wissenschaftliche Fundament, auch wenn ich einräume, dass es unterschiedlich begabte Pfarrpersonen braucht.

 

Sven Grosse: Wir schaffen dafür eine wissenschaftliche Grundlage, die darin besteht, dass man etwas vom Wort Gottes versteht. Wenn das nicht der Fall ist, dann ist die Predigt ein unnützes Geschwätz. Es heisst auch, dass
die Pfarrer in der Lage sind, etwas zu durchdenken und die Sache von verschiedenen Standpunkten aus zu betrachten. Landes- und Freikirchen brauchen nicht nur fromme Leute, sondern wissenschaftlich gebildete Menschen.

 

Was wird von der STH Basel noch verlangt, damit sie die Akkreditierung3 erhält?

Jacob Thiessen: Wir haben in einer Mitteilung darüber informiert, dass die Wissenschaft beim Verfahren gut abgeschnitten hat und dass uns keinerlei Auflagen dazu gemacht wurden. Es gab lediglich Bedenken zur Leitungsstruktur der STH Basel, die nun noch erweitert wird. 

Sven Grosse: Zudem haben wir in unserem Leitbild unsere Haltung zur Bibel nun positiv formuliert und zwar in den Formulierungen des Zweiten Helvetischen Bekenntnisses, das in der Tradition der reformierten Kirchen der Schweiz das zentrale Bekenntnis war.

 

Wie kann die STH Basel wissenschaftlich in den Dialog mit den Universitäten treten, wenn die Bibel als Wort Gottes nicht in Frage gestellt werden darf?

Jacob Thiessen: Ein Bekenntnis zur Bibel sollte nicht als Einschränkung der Denkfreiheit gedeutet werden. Wenn das berücksichtigt wird, können im wissenschaftlich-theologischen Diskurs verschiedene Positionen vertreten werden. Die STH Basel hat zur Genüge gezeigt, dass sie sich auf solche Diskurse einlässt. Die Frage ist, ob Vertreter anderer Positionen ebenfalls offen dafür sind. Die Antwort darauf fällt sehr unterschiedlich aus.

Sven Grosse: Die neuen Anstellungen der letzten Jahre kamen alle aus dem Universitätsbereich. Zwei Professoren arbeiten parallel an der STH Basel und an Universitäten. Sie und ich selbst haben an theologischen Fakultäten studiert, wir sind an Universitäten promoviert und habilitiert. 

 

Wie frei ist die Forschung an der STH Basel? Müssen Resultate in den Bibelwissenschaften nicht mit den Grundüberzeugungen der STH Basel in Einklang stehen bzw. gebracht werden?

Jacob Thiessen: Unser Leitbild ist von den Professoren der STH Basel ausgearbeitet worden und zwar auf der Grundlage theologisch-wissenschaftlicher Arbeit. Dadurch wird die Forschung in keiner Hinsicht eingeschränkt. Man könnte zurückfragen: Wie frei ist die Forschung an den Fakultäten? 

 

Sven Grosse: Lehre und Forschung an der STH Basel sind frei. Ich komme ja von einer theologischen Fakultät und stelle diesbezüglich keinen Unterschied fest. Mit der gleichen Freiheit, wie ich es schon an verschiedenen Fakultäten in Deutschland tat, forsche und lehre ich hier an der STH Basel.

 

Der Verdacht wird zuweilen geäussert, dass der biblisch-theologische Ansatz der STH Basel die Resultate bereits vorgibt.

Sven Grosse: An der STH Basel sind wir so etwas wie eine Gesinnungs- und Überzeugungsgemeinschaft, so wie auch theologische Fakultäten das mit ihren Überzeugungen sind. Wir sind dabei bereit, uns mit Fragen an die Bibel und die Theologie auseinanderzusetzen und dabei den Argumenten zu folgen, wohin immer sie uns auch führen – und uns auch selbst in Frage stellen zu lassen. Ich tue es im Vertrauen darauf, dass der Verstand Gottes grösser ist als mein Verstand und dass ein Überdenken der Argumente gegen theologische Positionen nur dazu führt, die Wahrheit Gottes noch besser zu verstehen. 

 

Wie fördert die STH Basel Doktoranden, welche Finanzierungsmöglichkeiten gibt es für sie?

Jacob Thiessen: Unsere Doktoranden sind oft teilzeitlich in einer landes- oder freikirchlichen Gemeinde angestellt und nehmen sich daneben Zeit für die Forschung. 

 

Sven Grosse: Wir sind aber daran, uns auch um Fördergelder zu bemühen. Wenn der Spendeneingang wächst, werden wir auch in der Lage sein, Assistentenstellen für Doktoranden einzurichten. 

 

Jacob Thiessen: Zurzeit wird ein Dozent an der STH Basel teilzeitlich freigestellt, um eine Habilitationsarbeit an einer Universität über freikirchliche Liturgik zu machen. 

 

Wie fördert die STH Basel Innovation in der Forschung?

Sven Grosse: Neben den wissenschaftlichen Tagungen, welche die STH Basel regelmässig organisiert, möchte ich auch den grossen Freiraum erwähnen, den ich an der STH Basel für die wissenschaftliche Forschung habe. Diesen hätte ich wegen der vielen Gremienarbeit an einer staatlichen Fakultät nicht. 

 

Schickt die STH Basel ihre Forschenden an internationale Fachtagungen, die nicht explizit biblisch-theologisch ausgerichtet sind? Beteiligen sie sich dort auch mit Referaten?

Sven Grosse: Selbstverständlich. Ich besuche selbst solche Tagungen. Kürzlich war ich zum Beispiel mit Germanisten an einer Tagung in Hamburg über einen Barockdichter und brachte dort einen theologischen Beitrag. 

 

In welchen Bereichen ist die STH Basel auf Zusammenarbeit mit Universitäten angewiesen?

Sven Grosse: Theologie ist eine Wissenschaft, die auch mit Nachbarwissenschaften zu tun hat; diese ziehen wir an Tagungen bei. Philosophen und Historiker der Universität Basel zum Beispiel. Und wir nehmen an der wissenschaftlichen Arbeit der Universitäten teil. 

 

Wohin tendieren heute die theologische Forschung und die theologische Ausbildung? Stellen Sie eine Öffnung fest, oder sind die Paradigmen der Aufklärung weiterhin bestimmend?

Sven Grosse: Es geht heute darum, christliche Theologie so weiter zu betreiben, wie sie seit bald 2000 Jahren betrieben wird. An den Universitäten sehen wir die Tendenz, die Theologie in eine Religionswissenschaft zu transformieren. Theologie ist zwar immer verknüpft mit andern Wissenschaften, die ich Nachbarwissenschaften nenne. Im Bereich des Neuen Testaments denke ich da an die altgriechische Philologie4, die Kulturgeschichte des hellenistischen Raumes in der römischen Zeit und so weiter. Was wir vor uns haben, ist aber ein Auseinanderdriften der einzelnen theologischen Disziplinen, die immer mehr zu Segmenten der benachbarten Wissenschaften werden. Die Systematische Theologie tendiert zur Philosophie hin, die Praktische Theologie zur Religionssoziologie und zur Psychologie usw. Was die theologischen Disziplinen aber zusammenhält, ist die Bejahung der Einsicht, dass wir es in der Bibel mit der Selbstoffenbarung Gottes zu tun haben.

 

 

1  Voraussetzungen und Methoden der Auslegung und Erklärung 

von Texten

2  Auslegung und Erklärung von biblischen Texten

3  staatliche Beglaubigung als universitäre Institution
4  Sprachwissenschaft

 

Die STH als Sonderfall wissenschaftlicher Theologie

Die STH Basel wurde 1970 gegründet mit dem Ziel, eine biblisch orientierte Alternative zur «historisch-kritischen» Bibelauslegung an den staatlichen theologischen Fakultäten anzubieten. Die Studierenden der damaligen «Freien Evangelisch-Theologischen Akademie Basel» (FETA) verpflichteten sich, die Bibel als göttliche Wahrheit auch in historischen und naturwissenschaftlichen Fragen anzuerkennen. Sie erlangte die Anerkennung als Hochschule durch den Kanton Basel. 

1994 änderte die FETA ihren Namen und bezeichnet sich seither als Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel (STH Basel). 2007 wurde das Studium den Bologna-Richtlinien unterworfen. Gleichzeitig muss sich die STH neu von der Schweizerischen Universitätskonferenz (SUK) als Hochschule akkreditieren lassen. Ein Prozess, der noch im Gange ist. 

Die STH zeichnet sich heute nach eigenen Angaben durch die «Verbindung von wissenschaftlicher Theologie, christlicher Spiritualität und Hochachtung vor der Bibel im deutschsprachigen wissenschaftlichen Raum» aus. Sie steht vor der Herausforderung zu belegen, dass eine wissenschaftlich basierte Theologenausbildung nicht zur Einnivellierung der Bibel (als Wort Gottes) auf das Niveau anderer historischer Dokumente führt. Eine spannende Aufgabe, der sich die STH mit grossem Engagement stellt. 

 

Prof. Jakob Thiessen (l), Rektor und Professor für Neues Testament an der STH Basel, und Prof. Sven Grosse, Professor für Historische und Systematische Theologie an der STH Basel.

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