Glauben und Denken

Es gibt keine weltanschaulich neutrale Forschung und Theoriebildung

Pascal Kallenberger Ein Student schreibt eine Masterarbeit im Bereich Stadtgeografie und merkt plötzlich, dass die Voraussetzungen seiner Arbeit seinem Glauben widersprechen. Ein Erfahrungsbericht.

 

Der Apostel Paulus fordert die Christen heraus, «… überspitzte Gedankengebäude und jede Höhe, die sich gegen die Erkenntnis Gottes erhebt (zu zerstören), und jeden Gedanken gefangen (zu nehmen) unter den Gehorsam Christi1Oft wird dieser bekannte apologetische Text in einem evangelistischen Kontext gegenüber anderen (religiösen) Weltanschauungen gelesen, die sich antithetisch zum christlichen Glauben verhalten. Dabei wird jedoch übersehen, dass sich diese Aufforderung in einem viel umfassenderen Sinn auf sämtliche (auch wissenschaftliche) Gedanken bezieht, die sich der allumfassenden – sprich totalen – Herrschaft Jesu Christi entgegenstellen.

Diese Zusammenhänge musste ich selbst schmerzlich erfahren, als ich 2007 eine stadtgeographische Masterarbeit (MA) im Bereich der Raumplanung schrieb. Dass es einen fundamentalen Konflikt zwischen der (säkularen) Raumplanungstheorie und -praxis und meinem christlichen Glauben geben könnte, hätte ich mir am Anfang meines Master-, geschweige denn meines Bachelor-Studiums an der Uni und ETH Zürich nicht im entferntesten vorstellen können. Mir war zwar in meinem Studium aufgefallen, dass viele der Professoren postmoderne, feministische, ja oftmals gar linksextrem marxistische Posi-
tionen vertraten. Dass solche Ansichten jedoch zu einem offenen Konflikt zwischen meiner stadtgeographischen Forschung und meinem persönlichen Glauben führen könnten, hätte ich nie gedacht.

 

Naives Forschen

Entsprechend naiv, wenn auch nicht völlig unkritisch, ging ich am Ende meines Studiums an meine MA heran. Ziel war die Untersuchung eines Neubaugebietes im Grossraum Zürich. Da ich keine rein empirische MA schreiben wollte, was in der Geographie häufig der Fall ist, hatte ich mich nach einem Betreuer umgeschaut, welcher bereit war, einen längeren theoretischen Teil in meiner MA zu akzeptieren. Dies erwies sich als nicht ganz einfach, da ich bewusst keinen marxistisch oder feministisch geprägten Betreuer wollte2. Fündig wurde ich schliesslich bei einem Betreuer an der ETH, der sich speziell auf die Komplexitätstheorie (KT)3 in der Raumplanung spezialisiert hatte. 

Mit grossem Interesse begann ich, mich in die entsprechende Literatur einzulesen und meine Fragestellungen und Interviewleitbögen aus der Sicht der KT zu verfassen. Ich war in meiner MA bereits recht weit fortgeschritten und hatte den empirischen Teil bereits abgeschlossen, als ich mich in der Schlussphase nochmals vertieft mit den theoretischen Grundlagen der KT auseinandersetzte, um auch noch den Theorieteil fertig schreiben zu können. Dabei fiel mir immer mehr auf, wie stark sich diese Theorie letztlich auf postmodernes und insbesondere auf poststrukturalistisches Denken4 abstützt. Dies war mir anfänglich nicht so sehr aufgefallen, da unser ganzes Studium zutiefst von postmodern relativistischem Denken durchzogen war. Ursprünglich hatte ich Fachbegriffe wie «multiple bzw. virtuelle Realitäten», «Immanenz» oder «materialistischer Konstruktivismus» als Wortspielereien verstanden, welche es ermöglichen sollten, gängige Paradigmen in der «konventionellen, empiristischen Raumplanungstheorie» zu hinterfragen, ohne fundamentale erkenntnistheoretische Prämissen gänzlich über Bord zu werfen. Je mehr ich mich aber in diese Literatur einzudenken begann, desto mehr fiel mir der fundamentale Kontrast zum christlichen Wahrheits- und Realitätsverständnis auf. In meinem ganzen fünfjährigen Studium war mir eingetrichtert worden, dass wir nichts mit Sicherheit wissen können und dass «wahre» Forschung immer nur neue Bruchstücke in einem endlosen Prozess von Versuch und Irrtum hervorbringen könne. Die grundlegende, allerdings niemals ausdrücklich formulierte Prämisse meines säkularen Geographiestudiums lautete letztlich, dass es keine absolute Wahrheit gebe! 

 

Widersprüche zum christlichen Weltbild

Da ich parallel zu meiner MA damit angefangen hatte, apologetische Literatur u.a. von R.C. Sproul5 zu lesen, dämmerte mir allmählich, dass die grundlegenden Prämissen in meinem Studium und insbesondere in meiner MA in einem unlösbaren Widerspruch zum christlichen Wahrheitsanspruch standen und auch logisch nicht haltbar waren. Auf den Punkt gebracht, lautete die Kritik am postmodernen Wahrheitspluralismus, welcher der KT zugrunde lag, dass die Negation einer absoluten Wahrheit letztlich ihrerseits einen absoluten Wahrheitsanspruch beinhaltet und damit fundamental selbstwidersprüchlich ist. 

Mir blieb nur noch relativ wenig Zeit bis zur Abgabe meiner MA. Deshalb suchte ich das Gespräch mit meinem Betreuer. In dieser Besprechung stellte ich dann aber leider fest, dass er nicht nur zutiefst vom postmodernen Denken beeinflusst war, sondern auch von mir erwartete, dass ich meine Arbeit auf diese theoretische Grundlage bauen müsse. 

Dadurch war ich letztlich vor das Dilemma gestellt, entweder meine MA mit einem theoretischen Teil abzugeben, welcher völlig antithetisch zu meinem christlichen Glauben stand, oder meine MA abzubrechen. 

Nach diesem ernüchternden Gespräch versuchte ich zuerst noch, meine MA so weit umzuschreiben, dass mein theoretischer Teil aus einer kritischen Reflexion der KT bestand. In einem weiteren Gespräch lehnte dies mein Betreuer aber strikte ab. Als «Kompromiss» schlug er mir vor, meine Kritik an der KT in einem Anhang anzubringen und deutete an, er würde meine MA in dieser Form mit einer genügenden Note durchwinken. Dies lehnte ich nach einigem Zögern ab. Ich wäre so in die absurde Situa-
tion geraten, eine Arbeit abzugeben, die im Anhang nicht nur sämtliche Erkenntnisse der MA, sondern auch die theoretischen Grundlagen dazu als hinfällig bezeichnet. Als mir mein Betreuer dann auch noch untersagte, Michel Foucault zu zitieren, wonach das Denken der KT und insbesondere sein eigenes Werk fundamental von Friedrich Nietzsche beeinflusst seien, entschied ich mich dafür, meine MA abzubrechen.

 

Folgerungen für das Forschen

Eine der Lehren, die ich aus dem Scheitern meiner ersten MA gezogen habe, ist, dass es keine weltanschaulich neutrale Forschung und Theoriebildung geben kann6! Entweder ist Jesus Christus auch das Zentrum unserer profan weltlichen Forschungspraxis, oder wir betreiben mit unserer Wissenschaft letztlich immer Götzendienst! Solange Christen an den Universitäten nicht damit beginnen, sämtliche Disziplinen aus einer christlichen Weltanschauung zu durchleuchten und die notwendige Denkarbeit in der Theoriebildung und den Paradigmen ihrer Fächer zu leisten, dient alle unsere Forschung letztlich den atheistischen Zielen einer säkularen Wissenschaft. Bildlich und plakativ gesprochen: Wir mögen noch so begabte christliche Forscher, Wissenschaftler und Debattierer sein, solange wir diese Gespräche an Bord eines säkular-humanistischen bzw. atheistisch-materialistischen Flugzeuges führen, wird uns dieses letztlich immer an ein säkulares und in finaler Konsequenz gar an ein anti-christliches Ziel bringen. 

 

Ob wahrhaft christliche Theoriebildung und Grundlagenforschung an unseren staatlich-säkularen Unis möglich ist, wage ich zu bezweifeln. Nicht nur angesichts der neuen postmodernen Intoleranz, sondern insbesondere auch aus grundlegenden theoretischen und theologischen Überlegungen. Falls das so ist, stellt sich für akademisch tätige Christen die grosse und schwierige Frage, was es bedeuten könnte, sich für eine christliche Hochschule in der Schweiz einzusetzen, die sich nicht nur auf das moralische Erbe des ehemals christlichen Abendlandes beruft, sondern sämtliche Gedankengebäude – ob in den Sozial-, Geistes- oder Naturwissenschaften – im Lichte von 2. Korinther 10,4-5 unter die Erkenntnis Gottes stellt und dabei jeden Gedanken unter dem Gehorsam Christi «gefangen» nimmt.

 

1   2 Kor 10,4-5 

2  Der mit Abstand grösste Teil der stadtgeographischen Literatur ist von Marxisten verfasst worden. 

3  In den Sozialwissenschaften versteht man unter der Komplexitätstheorie («Chaostheorie» in den Naturwissenschaften) jenes schwer definier- und fassbare, postmoderne Gedankengebäude, welches sich mit der Vielschichtigkeit (Multiplizität), Feinmaschigkeit und hochgradig wechsel-
seitigen Vernetztheit sozialer Prozesse befasst. Dabei wird davon aus-
gegangen, dass historische Prozesse nicht linear sind. Die Selbstorgani-
sation, Emergenzen und die Immanenz (Innerweltlichkeit) werden stark
betont.  

4  Der Poststrukturalismus ist ursprünglich eine Strömung der französischen Sprachphilosophie. Betont wird die Überzeugung, dass Sprache die Realität nicht bloss beschreibt, sondern letztlich konstruiert. Dabei wird nicht nur der Zugang zu einer objektiven Realität negiert, sondern deren Existenz gänzlich geleugnet. Es handelt sich folglich um eine extreme Spielart postmodernen Denkens. Wichtige Vertreter sind u.a. Michel Foucault, Jacques Derrida, Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard.

5  Sproul, R.C. «Defending your Faith. An Introduction to Apologetics.» Wheaton, IL, Crossway, 2003. Wer sich insbesondere mit apologetischer Methodik auseinandersetzen möchte, dem empfehle ich das brillante Buch: Greg L. Bahnsen. «Pushing the Antithesis.» Power Springs, GA, American Vision, 2007. 

6  Clouser, Roy A. «The Myth of Religious Neutrality.» Notre Dame, in: Uni of Notre Dame Press, 2005.

 

Pascal Kallenberger arbeitet als Kantonsschullehrer und ist dabei, an der ETH eine Doktorarbeit in Stadtsoziologie auf der theoretischen Grundlage des neo-calvinistischen Denkers Herman Dooyeweerd abzuschliessen. 

 

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