Wissenschaft in der Bibel

Nicht um des Wissens, sondern um des Menschen willen

Christoph Schluep-Meier «Wissenschaft» gibt es in der Bibel weder als Begriff noch als Methode. Selbst das Ziel allumfassenden Wissens und objektiver Kenntnis ist der Bibel fremd. Aber es gibt die intensive Suche nach Verständnis, Zusammenhängen und Antworten auf die Fragen, die das Leben an den Menschen stellt. Und dies mit wohlwollender Billigung Gottes. Denn auch Gott, der doch alles weiss, ist ein Forscher.

 

Unter «Wissenschaft» versteht man gemeinhin methodisch abgesichertes Forschen mit transparentem Vorgehen und reproduzierbaren Resultaten. Wissenschaft zeichnet sich durch intensive Lehr- und Publikationstätigkeit aus. Dabei soll alles allen verfügbar sein, nichts soll von der Meinung eines Einzelnen abhängen, sondern objektivierbar und allgemeingültig bleiben. Solche Haltungen sucht man in der Bibel vergebens, nicht zuletzt darum, weil das Ansinnen einer objektiven Erkenntnis den Autoren der Bibel fremd ist. Das dürfte nicht weiter erstaunen, weil Wissenschaft in diesem Sinne ein Kons-trukt des späten 19. Jahrhunderts ist. Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ist nicht ein Anliegen der Bibel. 

 

Die Suche nach Antworten 

Das heisst jedoch nicht, dass der Grundgedanke der Wissenschaft der Bibel fremd wäre. Auch hier wird nach Zusammenhängen gefragt, nach dem, was wir als Welt, als Leben oder Gott wahrnehmen. Schon die erste Geschichte der Bibel zeigt, dass das Suchen nach Antworten ein wesentlicher Inhalt der Schrift ist. Die Entstehung der Welt in sieben Tagen1 kann man getrost als gelehrt-nüchternen Lobpreis auf die Schöpfung Gottes bezeichnen, die sich bei näherem Hinsehen als eine allumfassende Ordnung herausstellt. Der Autor dieser Erzählung verfolgt Gottes Spur in der Welt systematisch und gliedert seinen Text entsprechend der von ihm vorgefundenen Ordnung. Er entdeckt und zeigt, wie systematisch Gott vorgegangen ist, eines folgt wohlgeordnet dem anderen, wobei immer das jeweils Gemachte Grundlage dessen wird, was gerade gemacht wird: das Land zum Beispiel, das sich aus den Chaosfluten erhebt, wird zum Lebensraum der Pflanzen, die ihrerseits die Nahrung der Tiere bilden. Gott gibt der Welt, die zu Beginn nichts als Chaos war2, eine lebenstaugliche Ordnung. Dabei untersucht der Autor alles: Himmel und Erde, Mond und Sonne, Sterne und Finsternis, Tier und Mensch, Raum und Zeit. Er will wissen, woran er ist, und er erkennt – zusammen mit Gott: «Siehe, es ist sehr gut3.» 

Auch die zweite Geschichte der Bibel forscht ebenso intensiv nach Antworten und will den Dingen auf den Grund gehen, jetzt aber in Form einer Familiensaga. Hier geht es um Adam und Eva im Paradies, gefolgt vom Sündenfall und dem Mord Kains an seinem Bruder Abel. Themen wie der Sinn des Lebens, die Rolle Gottes in der Welt, sinnvolle Beziehungen, Versuchung, Sünde und Schuld, Gewalt, Liebe und Vergebung werden erforscht und in Erzählungen gekleidet. Suchte der erste Text Antworten im Bereich des objektiv Gegebenen der Natur, so nimmt der zweite das Subjektive von zwischenmenschlichen Beziehungen ins Visier. Beide Berichte verlieren jedoch nie die Tatsache aus den Augen, dass es neben dem Menschen und der Welt etwas gibt, dass allem als Ur-
anfang gegenübersteht. Wertfreie Wahrheit im Sinne einer objektiven Erkenntnis scheint diesen Erzählungen wertlos. Mehr noch: Solches Forschen geht dem eigentlichen Grund von allem gerade nicht auf den Grund, weil es objektiv sucht, was es nur persönlich, also subjektiv, zu finden gibt. 

 

Wahrheit als Beziehung

Dass der Mensch neugierig ist und immer mehr wissen will, wird in der Bibel nirgends in Abrede gestellt oder kritisiert. Er darf fragen, suchen, zweifeln. Gott betrachtet Wahrheit nicht als seinen persönlichen Besitz, den er argwöhnisch vor fremden Blicken schützen müsste. Vielmehr stellt sich heraus, dass Gott Wahrheit weitergeben und damit kommunizieren will. Gott verfügt nicht über eine absolute, dem Menschen und seinem Forscherdrang verschlossene, sondern eine mitteilungsfreudige Wahrheit: Sie ereignet sich in Begegnungen, etwa mit Abraham4 oder Mose5, zudem billigt und fördert Gott, dass über ihn ein Buch geschrieben wird. Gott ist nicht rätselhaft, er ist mitteilsam. Und das ist wesentlich für die biblische Art von Wissenschaft: Wenn Gott die kommunikative Nähe zu den Menschen sucht, dann bezeugt er damit sein Interesse an einer Beziehung mit ihnen. Und damit auch an ihren Fragen, ihren Interessen und ihrem Forscherdrang. Einen Gott, der sich zu erkennen gibt und sich gerne finden lässt6, darf man auch erforschen; er lässt es zu, dass man (ihm) Fragen stellt. Diese Haltung ist letztlich nichts anderes als die Grundlage der Wissenschaft. 

 

Ein neugieriger Gott

Gottes kommunikative Wahrheit ist Ausdruck seiner Dynamik. Sie zeigt sich darin, dass auch er selbst ein Forscher ist: «Jahwe, du erforschst mich und kennst mich7.» Mit anderen Worten: Auch Gott ist neugierig. Unser Wissensdurst stammt nicht von irgendwo, sondern von dem, der uns gemacht hat. Unser Durst kommt aus einem fragenden Herzen, das Gott uns gegeben hat. Warum aber forscht Gott, wenn er doch schon alles weiss? Der Autor des Psalms versteht es glänzend, einer starren und statischen Allwissenheitsvorstellung das dynamische Konzept einer Wahrheit entgegenzustellen, die sich in einer kommunikativen Beziehung zeigt. Gott langweilt sich nicht auf seiner Allwissenheitswolke zu Tode, nein, er bewegt sich, er kommt auf den Menschen zu, hört, spricht und ist am Menschen interessiert. Es ist nur noch ein kleiner Schritt, bis Gott seine Neugier – aber auch sein Mitleid – so weit steigert, dass er den Menschen nicht nur nah sein will, sondern einer von ihnen wird. 

 

Gibt es Grenzen der Neugier? 

Die Grundlage des Forschens in den biblischen Schriften ist der Respekt vor dem Schöpfer. Die biblische Wahrheit hat eine dialogische Struktur: «Der Anfang der Weisheit ist die Furcht Gottes8.» Weisheit ist eine ganzheitliche Lebensbefähigung, sie ist das praktische Ziel des Forschens. Sie ist jedoch nur möglich innerhalb einer Respektsbezeugung. Was hier «Furcht Gottes» genannt wird, meint eigentlich die «Ehrfurcht vor Gott». Ehrfurcht hat nichts mit Angst zu tun, sondern mit Respekt vor Grenzen. Dabei wird nicht das Forschungsfeld des Menschen begrenzt; es ist nicht so, dass er über diese oder jene Zusammenhänge keine Fragen stellen dürfte. Solche Denkverbote kennt Gott nicht. Beschränkt ist aber das Verstehen des Menschen. Dies zeigt sich exemplarisch an der Geschichte von Hiob, dem Gerechten, der ohne ersichtlichen Grund alles verliert, was ihm lieb ist – Familie, Freunde, Besitz, Gesundheit –, und der sich anschickt, die Ursache seines Elends zu erforschen9. Mehr als dreissig Kapitel lang versuchen seine Freunde, ihm Schuld nachzuweisen, weil sie überzeugt sind, dass nichts ohne Grund geschieht. Hiob jedoch gibt sich damit nicht zufrieden. Er weiss um seine Schuldlosigkeit, und darum klagt er Gott direkt an. Jetzt erst erhält er eine Antwort: «Wo warst du, als ich die Erde gegründet habe10?», fragt ihn Gott zurück. Mit anderen Worten: «Wer bist du, dass du meinst, alles zu verstehen?» Hiob wird nicht zurechtgewiesen für sein hartnäckiges Fragen, aber es wird ihm zu verstehen gegeben, dass er nicht alles verstehen kann. Wohl ist dem Menschen erlaubt, alles zu erforschen, es ist ihm aber nicht gegeben, alles zu verstehen. 

 

Fragwürdige Beschränkungen

Das Buch Prediger illustriert diesen Sachverhalt deutlich: Der Prediger prüft alles, untersucht alles, bedenkt alles – und kommt zum Schluss, dass die Sinnfrage menschlicher Existenz letztlich nicht zu beantworten ist11. Er erkennt jedoch auch, dass es jedem Menschen gegeben ist, sich an dem zu freuen, was ihm an Glück bzw. Sinnhaftigkeit zugeteilt ist: Essen, trinken, sich aneinander freuen12. Das ist eine ausserordentlich kritische Sicht auf das Leben und vor allem das Forschen des neugierigen Menschen. Sie erlaubt in ihrer Radikalität aber einen nüchternen Blick auf die Grenzen und Möglichkeiten menschlichen Suchens. Und sie gibt einen wichtigen Hinweis auf die Fragerichtung: Der Prediger kann nicht beantworten, woraus oder worin der Sinn des Lebens besteht, aber er entdeckt, wozu das Leben gedacht ist: Sich über das Gegebene zu freuen. Hier ist es also nicht der Blick zurück zu den Uranfängen, sondern die Sicht vorwärts auf eine sinnerfüllte Lebenspraxis. 

Dass diese Haltung nicht überall auf Zustimmung stiess, liegt auf der Hand, und so verwundert es nicht, dass das Buch Prediger nach seiner Verfassung von fremder Hand ergänzt wurde: Man versuchte, diese queren Gedanken auf die Traditionsschiene zurückzuführen. Nicht Freude über das Gegebene sollte vorherrschen, sondern Gottesfurcht und genaues Halten der Gebote, um dem stets drohenden Gericht zu entkommen13. Das Denken wurde auf das Gesetz reduziert und dem freien Forschen ein Denkriegel vorgeschoben. Dass dies nicht vor kritischen Fragen zu schützen vermochte, zeigt sich exemplarisch an Jesus. 

 

Die Freiheit des Christen

Jesus konzentriert sich bei seinem Forschen ganz auf das Gesetz, und trotzdem kritisiert er es äussert scharf. Die sogenannten «Antithesen» in der Bergpredigt beginnen mit «Ihr habt gehört, dass euch gesagt wurde ...» – gefolgt von einem allseits bekannten Gesetzestext. Dem setzt Jesus sein eigenes Gesetzesverständnis entgegen: «Ich aber sage euch ...»14. Jesus hat das Gesetz so gründlich erforscht, dass er es von innen her in Frage stellen und von sich behaupten kann, den Willen des Vaters im Himmel besser zu kennen als die Schriftgelehrten mit ihrer Auslegung des Gesetzes. Jesus sucht intensiv nach der Wahrheit und findet sie in einer provokativen Neuinterpretation der Schrift. Denkverbote können den Forscherdrang höchstens kurzfristig unterbinden. Das Beispiel Jesu zeigt, was passiert, wenn unangenehme Fragen unterdrückt werden: Sie tauchen um so radikaler wieder auf. 

Auch für Paulus gibt es keine Denkverbote. Ganz im Sinne von Jesus fordert er seine Geschwister auf, alles zu prüfen und das Gute zu behalten15. Das ist in zweierlei Hinsicht höchst aufschlussreich für die Frage nach einer biblischen Wissenschaft: Zum einen ermutigt Paulus zu einer angstfreien Existenz. Sie schliesst das systematische Fragen, Forschen und Suchen nicht aus, sondern als wesentlichen Bestandteil des Lebens mit ein. Paulus nimmt sich diese Freiheit, denn er sieht die Welt nicht in erster Linie als Ort des Bösen, den es zu meiden gilt. Und er sieht Gott auch nicht zuerst als gestrengen Richter. Für ihn ist Gott ein erbarmungsvoller Vater, der seinen Sohn gesandt hat, damit wir frei leben, denken und handeln können – in seinem Namen. Jetzt ist nicht mehr das Gesetz die Mitte des Lebens. Vielmehr steht der Mensch mitten in einem Leben, das ihm von Christus ermöglicht worden ist, als Ort der Gottessuche und Gottesbegegnung. Was der Prediger rhetorisch-spielerisch anzudenken gewagt hatte, setzt Paulus in mutiger Nachfolge Jesu um, indem er schreibt: «Alles ist dir erlaubt – aber nicht alles bekommt dir gleich gut16.» Und damit ist das zweite angesprochen: Ziel allen Prüfens (und damit auch aller Wissenschaft) ist das Gute. Und dieses Gute ist im Neuen Testament nie abstrakt, sondern immer konkret gemeint: Gut ist, was Gott dient, und Gott dient, was dem Nächsten dient17. Wissenschaft im weitesten Sinne wäre dann also das, was dem Menschen zugute kommt. Wissenschaft nicht als wertfreie Theorie sondern als praktische Lebensqualität, nicht als Forschen um des Forschens, sondern um des Menschen willen, für den Gott die Welt geschaffen und in Christus erlöst hat. ◗

 

1   1 Mose 1,1ff 

2  tohu wabohu (1 Mose 1,2)

3  1 Mose 1,31 

4  1 Mose 12 

5  2 Mose 3 

6  Jes 55,6

7  Ps 139,1 

8  Spr 9,10 

9  Hiob 1-3

10 Hiob 38,4ff 

11  Pred 8,16ff

12 Pred 9,9

13 Pred 12,13f

14 Mt 5,21ff

15 1 Thess 5,21

16 1 Kor 10,23

17 Mt 22,37ff

Dr. Christoph Schluep-Meier, 43, ist Pfarrer der evangelisch-methodistischen Kirche 

Zürich 4. Der Schwerpunkt seiner Arbeit

betrifft den Zusammenhang von Theologie, Spiritualität und Diakonie.

christoph.schluep@STOP-SPAM.emkz4.ch 

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