Das Bild der Wissenschaft

Wie die Wissenschaft unsere Gesellschaft prägt

Thomas Christian Kotulla Ob es uns recht ist oder nicht: Unser gesellschaftliches Leben wird in weiten Teilen durch die Wissenschaften geprägt. Thomas Christian Kotulla, selbst Wissenschaftler und apologetischer Buchautor, diskutiert die Chancen und Risiken dieser Entwicklung.

 

Dass die Wissenschaften einen starken Einfluss auf unser gesellschaftliches Leben haben, ist keine neue Erkenntnis. Den Technischen Wissenschaften verdanken wir zum Beispiel das Internet, unsere Automobilität sowie die Möglichkeit, mit dem Flugzeug andere Kontinente zu bereisen. Die Naturwissenschaften helfen uns dabei, das Universum zu erforschen, medizinische Wirkstoffe zu entwickeln oder die Verlässlichkeit von Wettervorhersagen zu steigern. Und die Sozialwissenschaften versuchen, durch das Verstehen gesellschaftlicher Phänomene und der menschlichen Psyche neue Gesellschaftsmodelle zu entwerfen, moderne Psychotherapien zu entwickeln oder schwere Verbrechen aufzuklären. So weit, so gut. Oder etwa nicht?

Die Liste der positiven wissenschaftlichen Errungenschaften ist lang. Und ohne die Wissenschaften wäre unser heutiges Leben nicht denkbar. Der grosse Einfluss der Wissenschaften birgt aber nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Das gilt sowohl für die Technischen Wissenschaften als auch für die Natur- und die Sozialwissenschaften.

 

Fluch und Segen der Technik

Was die Technischen Wissenschaften betrifft, so ist eine zunehmende Abhängigkeit und Kontrollierbarkeit des Menschen durch die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien zu beobachten, vor allem durch das Internet. Noch vor Jahren wurde das Internet dafür gefeiert, durch seine Dezentralität und potenzielle Allverfügbarkeit zu einer freiheitlichen Demokratisierung der Welt zu führen. Teilweise trifft dies auch zu, wie etwa die Massenproteste zeigen, die im Arabischen Frühling über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter organisiert worden sind.

Andererseits ist inzwischen klar, dass die Dezentralität und Freiheitlichkeit des Internets eine Illusion war. Erstens weil das Internet von so genannten Netzwerk- und Skaleneffekten lebt und deshalb nur wenige zentrale Anbieter wie etwa Google, Facebook oder Amazon langfristig auf dem Markt bestehen und die Marktregeln bestimmen können. Zweitens weil die Entwicklungen um den PRISM-Skandal zeigen, dass das Internet von Staatsseite kontrolliert wird und die Idee vom «gläsernen Menschen» längst Realität ist. Solange die Bedrohung aber abstrakt bleibt und es den meisten Menschen finanziell gut geht, werden grössere Protestbewegungen ausbleiben.

 

Verantwortung und Einfluss

Nun lässt sich einwenden, dass der Fall PRISM (oder anders gelagerte Fälle) nicht den Technischen Wissenschaften anzulasten ist, sondern jenen Personen und Institutionen, die sich die Ergebnisse dieser Wissenschaften zunutze machen. Dies mag richtig erscheinen. Doch in Fällen, in denen wissenschaftliche Forschung durch Regierungsgelder oder wirtschaftliche Interessengruppen finanziert wird, verschwimmen die Verantwortlichkeiten und Einflussmöglichkeiten zusehends. Auch unabhängig von solchen Fällen ist neuen Technologien gegenüber eine gewisse konstruktiv-kritische Haltung angebracht: Wie stark unser gesellschaftliches Leben durch die modernen Technologien beschleunigt und zum Teil entmenschlicht worden ist, hat Dominik Klenk in seinem Beitrag «Gefährten des Lichts» beschrieben1.

 

Naturwissenschaftliche Ansprüche

Was die Naturwissenschaften betrifft, ist ein anderes Phänomen zu beobachten: In weiten Teilen der Gesellschaft herrscht noch immer die Auffassung, dass die Realität vollständig mit den Methoden der Naturwissenschaften zu erklären sei. Ein Hauptgrund für diese Auffassung liegt meines Erachtens darin, dass viele Naturwissenschaftler – bewusst oder unbewusst – ein «naturalistisches» Weltbild vertreten. Vereinfacht ausgedrückt: Sie sind der Überzeugung, dass alles Existierende «Natur» ist (also natürliche Energie oder Materie) und dass darüber hinaus nichts Übernatürliches existiert (wie etwa eine Seele). Auch das menschliche Denken, Empfinden und Handeln ist demzufolge ausschliesslich ein Resultat biochemischer Reaktionen in unserem Gehirn. Warum dieses Weltbild logisch nicht tragfähig ist, erkläre ich unter anderem in meinem aktuellen Buch2.

 

Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaften

Als Folge dieses Weltbilds herrscht in der Gesellschaft eine teils falsche Vorstellung davon, was die wahre Kompetenz der Naturwissenschaften ist: Die Naturwissenschaften sind dazu in der Lage, die natürliche Welt zu beschreiben und anhand von Naturgesetzen zu erklären. Doch sie können keine Aussagen darüber machen, ob es jenseits der natürlichen Welt auch etwas Übernatürliches, wie etwa einen Gott, gibt. Ausserdem können die Naturwissenschaften vor allem Wie-Fragen beantworten, zum Beispiel: «Wie hat sich das natürliche Universum über die Jahrmillionen (vermutlich) entwickelt?» Die Naturwissenschaften können aber keine letztbegründenden Warum-Fragen beantworten, zum Beispiel: «Warum existiert das Universum überhaupt?»

Hinzu kommt, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse stets vorläufige Erkenntnisse sind. Erstens weil sie durch gegenteilige empirische Ergebnisse falsifiziert, also widerlegt werden können. Zweitens weil sie auf der nicht überprüfbaren Annahme basieren, dass alle Naturgesetze über den Zeitablauf hinweg konstant waren, sind und zukünftig sein werden. Im Falle der Evolutionstheorie gestaltet sich das Ganze sogar noch schwieriger. Denn die Evolution ist als historisches Ereignis – allein schon aufgrund der grossen Zeitspanne – nicht experimentell überprüfbar oder beweisbar, sondern muss anhand von Indizien rekonstruiert werden.

 

Naturwissenschaftlicher Realismus

Dies bedeutet nicht, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse geringzuschätzen sind – im Gegenteil. Doch man sollte sie als das anerkennen, was sie sind: Erkenntnisse, die trotz des wissenschaftlichen Fortschritts vorläufige Erkenntnisse bleiben und die die Frage nach der Existenz des Übernatürlichen nicht tangieren können. Es wäre schön, wenn dieses Wissen auch in weiten Teilen der Gesellschaft ankommen würde. Dies könnte dabei helfen, Berührungsängste und das teils verbitterte Konkurrenzdenken zwischen Naturwissenschaftlern und Gläubigen zu überwinden. Momentan herrscht in der Gesellschaft leider eine Atmosphäre, in der man sich für den Glauben an einen Gott – aufgrund seiner vermeintlichen Irrationalität – entschuldigen muss.

 

Sozialwissenschaftliche Ziele

Wie sieht es mit den Sozialwissenschaften aus? Inwiefern beeinflussen diese unser Denken und Handeln? Da die Sozialwissenschaften ein sehr weites Feld sind, möchte ich die Frage beispielhaft für die Disziplinen Soziologie und Psychologie3 beantworten. In ähnlicher Form können meine Aussagen auch auf andere Disziplinen angewandt werden.

Die Sozialwissenschaften erforschen menschliches und soziales Verhalten. Dabei wird einerseits beschrieben, wie sich der Mensch tatsächlich verhält, andererseits wird diskutiert, wie sich der Mensch verhalten könnte oder sollte, damit ein besseres soziales Miteinander möglich ist. Von besonderer Bedeutung ist dabei die Frage, wie die Veränderung vom Ist- zum Kann- bzw. Soll-Zustand gelingen kann.

 

Eine Frage des Menschenbildes

Um diese Frage zu beantworten, bedarf es eines realistischen Menschenbildes. Dabei sind folgende Grundsatzfragen zu klären: Wer oder was ist der Mensch? Besteht der Mensch nur aus Atomen, oder besitzt er eine Seele? Ist der Mensch von Grund auf gut oder schlecht? Entwickelt sich die Menschheit langfristig zum Besseren, zum Schlechteren oder bleibt sie gleich?

Jeder Sozialwissenschaftler hat bewusst oder unbewusst seine Antworten auf diese Fragen. Diese Antworten prägen seine Forschung und seine Handlungsempfehlungen. Die Empfehlungen erfolgreicher Wissenschaftler beeinflussen dann wiederum neue Gesellschaftsmodelle, moderne Psychotherapien oder politische Entscheidungen zur Wirtschafts-, Bildungs- und Familienpolitik. Sozialwissenschaftler und deren Menschenbild haben damit Einfluss auf unser gesellschaftliches Leben. Genau hier sehe ich zwei Herausforderungen.

 

Dominanz des Humanismus

Erstens vermisse ich in den Sozialwissenschaften echte Grundsatzdiskussionen darüber, was ein realistisches Menschenbild ist. Stattdessen sehe ich eine Dominanz des humanistischen Menschenbildes. Humanistische Werte wie Menschenwürde, Toleranz oder Gewissensfreiheit sind natürlich positiv. Doch Kern des humanistischen Menschenbildes ist die Überzeugung, dass sich der Mensch (und damit die Gesellschaft) stetig zum Besseren entwickeln kann. Meines Erachtens ist dieses Menschenbild unrealistisch4. Denn die Menschheitsgeschichte zeigt das Gegenteil. Der jüdische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Imre Kertész sagte einst:

«Ich habe im Holocaust die Situation des Menschen erkannt, die Endstation des grossen Abenteuers, an der der europäische Mensch nach zweitausend Jahren ethischer und moralischer Kultur angekommen ist. […] Das wirkliche Problem Auschwitz besteht darin, dass es geschehen ist […].» Und dass es jederzeit wieder geschehen kann, muss man hinzufügen.

Nun wäre es falsch, in Pessimismus zu verfallen. Denn viele Menschen, die auf ihr Gewissen hören, zeigen durch ihr selbstloses Verhalten, wie gut unsere Welt sein könnte. Dennoch bleibt der Glaube an die stetige moralische Höherentwicklung des Menschen eine Illusion. Und alle auf diesem Menschenbild basierenden Modelle, Therapien oder politischen Massnahmen werden nicht zur nachhaltigen Verbesserung unserer Gesellschaft führen.

 

Psychologie ohne Psyche

Zweitens habe ich den Eindruck, dass nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch die Sozialwissenschaften zunehmend «naturalistisch» geprägt sind. Eine von Wissenschaftlern der University of Chicago durchgeführte Umfrage zeigte vor einigen Jahren, dass ein Grossteil der «Seelenärzte» nicht an das Übernatürliche oder Göttliche glaubt. Doch wenn es nichts Übernatürliches gibt, dann ist die menschliche Seele oder Psyche lediglich eine Ansammlung von Atomen, die nach bestimmten Gesetzen miteinander reagieren. Wie sinn-
voll ist es, Psychologe oder Psychiater zu sein, wenn man ein solches Menschenbild vertritt? Und welchen Einfluss haben Psychotherapien, die auf diesem Menschenbild basieren? Krankheiten der Seele können nur dann geheilt werden, wenn man ihr wahres Wesen erkennt.

 

Mehr Bescheidenheit und Realismus

Was bedeutet all das für das zukünftige Verhältnis von Wissenschaft und Gesellschaft? Es dürfte klar sein, dass die Wissenschaften auch in Zukunft grossen Einfluss auf unser gesellschaftliches Leben haben werden. Dabei wäre es wünschenswert, dass Natur- und Sozialwissenschaftler, stärker als bisher, ihr zumeist naturalistisches oder humanistisches Welt- und Menschenbild reflektieren und den Glauben an einen Gott nicht als grundsätzlich irrational abtun. Mehr Bescheidenheit und Realismus in Bezug auf die wissenschaftliche Erkenntnisfähigkeit wären angebracht. Gleichzeitig sollten Gläubige innerhalb der Gesellschaft ihr Welt- und Menschenbild konstruktiv in die wissenschaftliche Diskussion einbringen. Jedoch ohne den Naturwissenschaften ihre Kompetenz abzusprechen, die natürliche Welt beschreiben und (vorläufig) erklären zu können. In der breiten Öffentlichkeit werden all diese Erkenntnisse wohl erst dann ankommen, wenn auch die meinungsbildenden Instanzen wie etwa Journalisten, Politiker oder Lehrer zu mehr Objektivität und Realismus finden.

 

1   Magazin INSIST 2/13.

2  Kotulla, Thomas Christian. «Die Begründung der Welt. Wie wir finden, wonach wir suchen.» Brunnen, Basel, 2013, www.diebegruendungderwelt.com (siehe auch unsere Rezension auf Seite 40).

3  Es sei erwähnt, dass die Psychologie interdisziplinär ist und – je nach Menschenbild – auch stark naturwissenschaftlich geprägt sein kann. Genau hier liegt ein Problem, auf das ich gleich noch eingehen werde.

4  Mehr dazu in meinem oben genannten Buch.

 

Dr. Thomas Christian Kotulla ist apologetischer Buchautor, freier Berater sowie Dozent und Research Fellow an der ESCP Europe (École Supérieure de Commerce de Paris) in Paris, Berlin, London, Madrid und Turin.

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