Bildende Kunst

Dem Raum eine Bedeutung geben

Interview: Hanspeter Schmutz Die Szenografin Melanie Mock hat im Rahmen der «Nacht des Glaubens» vom 17. Mai in Basel eine installative Performance mit dem Titel «Die gute Stube» realisiert, zusammen mit der Choreografin Astrid Künzler-Büchter. Sie erläutert einige Hintergründe dieses Projektes.

 

Magazin INSIST: Melanie Mock, was ist eine Performance?

Melanie Mock: Im Unterschied zu einem Theater- oder einem Tanzstück muss die Performance keinem klassischen dramatischen Spannungsbogen wie Einführung – Höhepunkt – Kata-strophe – Auflösung folgen. Die Performance braucht keine Bühne, keine Ausstattung, keinen nachgebauten Schauplatz. Die performative Aktion findet im Jetzt statt, in der unmittelbaren Gegenwart des Zuschauers. 

 

Und was macht eine Performance zu einer künstlerischen Darbietung?

Jede Performance enthält zwingend eine Verschiebung zur Realität, ein Element der Irritation wie z.B. Wiederholung, Übersteigerung oder Verfremdung, damit sie überhaupt als solche erkannt wird. Ein populäres Beispiel ist der «Flashmob» – eine choreografierte Aktion im öffentlichen Raum, bei der eine ganze Menschenmasse zur gleichen Zeit dasselbe tut. Es geht nicht darum, die Darbietung schön und anmutig auszuführen oder ein hübsches Bild zu erzeugen. Vielmehr benutzt man eine gewöhnliche Handlung aus der menschlichen Erfahrungswelt in einem ungewohnten Zusammenhang, um dadurch auf einen bestimmten Aspekt des Lebens aufmerksam zu machen.

 

In der «Nacht des Glaubens» haben Sie zusammen mit Astrid Künzler-Büchter eine installative Performance unter dem Motto «Die gute Stube» realisiert. Was sind die Kernelemente dieser Produktion?

«Die gute Stube» thematisiert die menschliche Sehnsucht nach Gemeinschaft, den Drang nach harmonischem Zusammenleben und die Schwierigkeiten dieses Unterfangens. Fünf Performerinnen agieren mit je einem individuellen Möbelstück, alles Einrichtungsgegenstände eines Wohnzimmers. Jedes Möbelstück steht sinnbildlich für den Charakter und die sozialen Eigenschaften eines Menschen, welche er in eine Gemeinschaft hineinbringt. Ebenso wie die Menschen passen die einzelnen Möbelstücke zueinander oder auch nicht, arrangieren sich räumlich und bilden abstrakte «Gemeinschaften».

 

Wie passte «Die gute Stube» zur «Nacht des Glaubens»?

Für mich gibt es nicht christliche oder nichtchristliche Themen. Wir sind kunstschaffende Christen, die sich in postmoderner Art und Weise künstlerisch mit Aspekten des Lebens auseinandersetzen. Das geht auch ohne christliches Vokabular. Thematisch bewegen uns dieselben grossen Fragen, die alle andern Menschen beschäftigen. «Die gute Stube» als Performance im öffentlichen Raum ist rein formal schon eine sehr niederschwellige Darbietung. Festivalbesucher mischen sich mit Laufpublikum, neugierige Passanten bleiben stehen. 

 

Mein Eindruck ist, dass die Kunstform «Performance» von Christen noch kaum entdeckt worden ist. Wie haben Sie dazu gefunden?

Als Szenografin denke ich in «räumlichen Bildern». Oft begegne ich Orten im öffentlichen Raum wie Hinterhöfen, Industriearealen und Brachen, deren räumliche Qualität mich fasziniert. Mein erster Gedanke ist dann: «Hier müsste man etwas machen.» Damit meine ich, dass man den Ort durch einen performativen Akt mit Bedeutung aufladen und ihn in bildhafter Weise «zum Sprechen bringen» kann. 

 

Was fasziniert Sie daran?

Die Performance ist eine alte, archaische künstlerische Sprache. Bereits die Propheten des Alten Testaments führten im Auftrag Gottes performative Aktionen durch, um dem Volk wichtige Botschaften zu vermitteln. Ein Beispiel dafür ist Hesekiel. Durch den Performer ist die Anbindung an die Erfahrungswelt des Betrachters gegeben. Dieser identifiziert sich mit dem Akteur. Diese Identifikation in Kombination mit der erzählerischen Offenheit lässt dem Betrachter sehr viel Freiraum, die eigenen Gefühle und Gedanken mit dem Kunstwerk zu verbinden. 

 

Melanie Mock studierte Szenografie an der Zürcher Hochschule der Künste, lebt in 

Winterthur und arbeitet als Selbständige für diverse Theater- und Ausstellungsprojekte.

www.melaniemock.ch, melanie.mock@STOP-SPAM.gmx.ch 

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