Medien

Gibt es einen biblischen Journalismus?

Thomas Hanimann «Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust», klagte einst Doktor Faust. Die bei Goethe so dramatisch anklingende Zerrissenheit ist oft auch für den Journalisten ein wirkliches Dilemma: Je länger ich die beiden Seiten – das biblische Denken und die Grundprinzipien des Journalismus – versöhnen möchte, desto schwieriger scheint mir die Vereinbarkeit der beiden Haltungen zu werden.

 

Einfach Nachfolger Jesu sein – auch öffentlich dazu stehen – und gleichzeitig Journalismus betreiben, ist zumindest eine Gratwanderung. Es ist nicht leicht, sich auf diesem Weg zwischen Journalismus und Glaubensüberzeugung zu bewegen. Doch je länger ich unterwegs bin, desto mehr fasziniert mich diese Wanderung.

Wie steht es zum Beispiel mit dem Gebot zur Objektivität? Darf der christlich denkende Journalist sei-ner Arbeit auch biblisch-christliche Werte zugrunde legen und wenn ja, welche? Bei der Suche nach Antworten bin ich auf Johanna Haberer ge-stossen. Die deutsche Theologin und Professorin für christliche Publizistik fordert von einer christlich geprägten Medienarbeit, dass diese auch ihre biblischen und christlichen Wurzeln eindeutig darlegt. Mit anderen Worten: Biblische Muster und Motive sind – ebenso wie die Beiträge christlicher Denker aus der Kirchengeschichte – wesentliche Faktoren, um den Auftrag und die Haltung des von christlichem Glauben geprägten Journalisten zu begründen.

 

Ein Weg zur Freiheit

Was damit gemeint ist, führte Haberer in einem Vortrag aus, den sie an einer Konferenz der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland am 6./7. Februar 2012 in Berlin gehalten hat.

Als erstes kommt die Medienwissenschaftlerin auf die Bedeutung der Freiheit zu sprechen. Den Glauben an die Auferstehung setzt sie in Zusammenhang mit einem Durchbruch, der jederzeit möglich ist. Der Bericht der Auferstehung bedeutet eine – eigentlich völlig unmögliche – durch Jesus Christus möglich gewordene Veränderbarkeit von Sachzwängen. Auferstehung ermöglicht den Durchbruch zu einer echten Wahlfreiheit. Diese Wahlfreiheit ist allerdings stets verbunden mit der Bereitschaft, die von Gott dem Menschen anvertraute Verantwortung zu übernehmen.

 

Das Einbeziehen der Menschenwürde

Die Menschenwürde, so lautet das zweite Grundprinzip, gilt ebenso uneingeschränkt für alle Menschen. Das bedeutet, dass jeder Mensch, Männer wie Frauen, Arme wie Reiche, Begabte wie weniger Begabte in ihrer je verschiedenen Weise eine Chance auf Entwicklung bekommen sollen. Menschenwürde bedeutet, dass alle Menschen die von Gott geschenkten Gaben zur Entfaltung bringen dürfen. Denn jeder Mensch ist Geschöpf, Eigentum und Kind Gottes.

 

Die Kritik an der Macht

Das dritte von Haberer dargestellte Prinzip ist die Kritik der Macht. Bei der Kritik an den Mächtigen darf es keine Einschränkungen geben. Sie darf nicht vom Mächtigen vertuscht oder niedergeschlagen werden. Denn Macht ist aus biblischer Sicht kein Besitz, sondern eine Leihgabe Gottes. Politisch Mächtige haben nicht sich selbst zu dienen, sondern dem Gemeinwohl. Ob sie dies auch tun – genau das hat der Journalist zu prüfen und wenn nötig ihr Fehlverhalten bekannt zu machen. Wo es Zensur gibt und solche kritischen Gedanken unterdrückt werden, ist der Frieden in einer Gemeinschaft bereits zerstört. Es ist in jedem Fall eine unverzichtbare Pflicht des Journalisten, in verantwortungsvoller Weise die freie Meinungsäusserung zu verteidigen. 

 

Empörung und Verantwortung

Journalisten sind somit nicht einfach Experten für eine möglichst unparteiische und unbeteiligte Bericht-
erstattung. Journalisten sind oft engagiert und impulsiv. Damit zeigen viele Journalisten Charakterzüge von alttestamentlichen Propheten. Sie empören sich über Ungerechtigkeit, hinterfragen Macht, entlarven Lügner und decken Vorurteile auf. Empörung ist also wichtig und grundsätzlich auch ein biblisches Prinzip. Sie muss aber stets zusammen mit der nötigen Verantwortung wahrgenommen werden. Deshalb bleibt die Empörung nicht bei sich selbst stehen, sie geht über in ein verantwortliches Handeln zugunsten der Gesellschaft. 

 

Thomas Hanimann ist Medienbeauftragter der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA).

thomas.hanimann@STOP-SPAM.insist.ch 

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