Medizin

Hilfreiche Verflechtung von Glaube und Wissenschaft

Hanspeter Schmutz Macht Glauben gesund? Das ist heute nicht nur eine Frage der Seelsorge, sondern auch der Wissenschaft. In einem Sammelband wurden kürzlich einige Ergebnisse von zwei Kongressen zum Thema zusammengefasst1.

Spirituelle Haltungen und Handlungen gelten als subjektiv und damit wissenschaftlich nicht greifbar. Die Spiritualität blieb deshalb lange von der jüngeren wissenschaftlichen Diskussion ausgeschlossen. Das hat sich geändert, zumindest im Bereich der Medizin. 

Nicht von der Medizin allein

«Der Mensch geht über den Menschen hinaus.» Mit diesem Zitat des Philosophen und Mathematikers Blaise Pascal wird die Thematik eingeleitet. Es gebe seit einiger Zeit «wachsende Erkenntnis bezüglich Religion und Spiritualität als gesundheitliche Wirkfaktoren», schreibt Jacqueline Bee, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsinstitut für Spiritualität und Gesundheit (FISG), das die beiden Kongresse 2008 und 2010 in Bern durchgeführt hat. Das Menschsein reiche über seine weltlich-immanente Bedeutung hinaus, «das Sichtbare ist nur Stückwerk» (S. 11). Seit der Aufklärung sei die Verantwortung für die Wahrung, Behandlung und Wiederherstellung der physischen und psychischen Gesundheit ausschliesslich der Medizin übertragen worden. Heute dagegen sei ein wachsender wissenschaftlicher Dialog festzustellen, an dem verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beteiligt sind.

Gesegnete Operationen

Auch der bekannte Schweizer Herzspezialist Thierry Carrel plädiert für den Einbezug des Glaubens in die Genesung – sogar in der hochspezialisierten Medizin. Religion und Wissenschaft haben laut Carrel «eine komplexe gemeinsame Geschichte» (S. 177). Die Zusammenhänge, Verflechtungen und Wechselwirkungen zwischen diesen Bereichen hätten nichts von ihrer Aktualität verloren. Bild und Metapher für diese Vernetzung sind für ihn die Flechtornamente auf den irischen Hochkreuzen. 

Im Rückgriff auf den katholischen Theologen Karl Rahner definiert Carrel christliche Spiritualität als «Leben aus dem Geist, womit sowohl die innerste Gottesbeziehung, eine bewusste subjektive Haltung gegenüber dem im Menschen gegenwärtigen Heiligen Geist, als auch die dem Menschen zugewandte Glaubenspraxis gemeint sind» (S. 174). Carrel grenzt sich damit von der blühenden esoterischen Praxis ab. Der Herzspezialist organisierte bei der Inbetriebnahme des neuen Operationssaals zur Behandlung von Neugeborenen und Kleinkindern mit angeborenen Herzfehlern am Inselspital Bern nicht nur das übliche Fachsymposium, er liess im Anschluss an den Fachkongress den Raum segnen und löste dadurch allgemeines Kopfschütteln aus. Seine Begründung für diese Einweihung im wörtlichen Sinne: «Die Segnung unserer Wirkstätte schien mir angebracht als Anerkennung der Möglichkeiten, die uns durch die höhere Macht gegeben werden» (S. 181).

Der Zwiespalt zwischen Wissen und Weisheit müsse überwunden werden, betont der Medizinprofessor. Die Medizin sei zwar eine «Naturwissenschaft», diese sei aber nicht die Natur selbst, sondern das Denken des Menschen über die Natur. Der Forscher oder Arzt könne als betrachtendes und untersuchendes Subjekt nicht gänzlich vom «Objekt», dem Patienten, Kranken und Leidenden getrennt werden. Die Konzentration auf die Krankheit werde dem Kranksein des Menschen nicht in jeder Situation gerecht, denn: «Krank ist der ganze Mensch, die Person»
(S. 177). Der Patient dürfe deshalb nicht von Gerät zu Gerät geschoben werden, wichtig sei das aufmerksame Zuhören und das gezielte, respektvolle Fragen. 

Zwischen Psychotherapie und Seelsorge

Hier setzt auch die palliative Medizin2 ein. Sie war für die Wiederentdeckung einer ganzheitlicheren Medizin ein wichtiger Impulsgeber. Gerade bei der Begleitung von Schwerkranken und Sterbenden zeigte sich, wie ein auf die Naturwissenschaften beschränktes Denken und Handeln an Grenzen kommt. 

Die bekannte Sterbebegleiterin und Autorin Monika Renz gehört zu den Pionierinnen der palliativen Pflege. Sie weist darauf hin, dass die spirituelle Begleitung von Kranken und Sterbenden «alles andere als nebensächlich» ist (S. 235). Und stellt der Debatte, ob dabei die Psychotherapie oder die Seelsorge gefragt sei, den Satz entgegen: «Unabhängig davon, ob formal der Seelsorge oder der Psychotherapie zugeordnet, ereignet das Spirituelle sich – wenn es sein darf – im Zwischen dieser Disziplinen, dort, wo die Suche nach Heilsein das letztlich Heilmachende, Göttliche berührt» (S. 235). 

1  Hefti René und Bee Jacqueline (Hrsg.). «Spiritualität und Gesundheit. Ausgewählte Beiträge im Spannungsfeld zwischen Forschung und Praxis.» Bern, Peter Lang Verlag, 2012. Paperback, 242 Seiten, CHF 59.–. ISBN 978-3-0343-1168-7

2  Aktive, ganzheitliche Behandlung von Patienten, bei der nebst der Linderung von Schmerzen und anderen Krankheitsbeschwerden die psychologische, soziale und spirituelle Dimension eine hohe Priorität hat.

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Hinweis:

Im Magazin 2/14 werden wir die Thematik der (ganzheitlichen) «Heilung» ausführlicher aufnehmen.

Hanspeter Schmutz ist Publizist und Leiter des Instituts INSIST

hanspeter.schmutz@STOP-SPAM.insist.ch 

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