Naturwissenschaften

Drei Arten, mit Spannungen umzugehen

Konrad Zehnder Wenn Menschen nach Wahrheit und Gewissheit suchen, müssen sie oft erkennen, dass der Weg nie ganz zum Ziel führt. Zumindest nicht, wenn das Ziel heisst, die ganze Wahrheit und das totale Wissen zu erreichen. «Absolute» Wahrheit kann ich allenfalls (subjektiv) für mich selbst finden, diese Wahrheit gilt aber nicht gleichzeitig für alle andern Menschen. In allem (objektiven) Erkennen stossen wir aber früher oder später an Grenzen. 

 

Wenn wir uns erst einmal vom verhängnisvollen Anspruch auf vollkommenes und absolutes Wissen befreit haben, erscheinen Spannungen zwischen verschiedenen Wissensgebieten grundsätzlich normal, ja sogar notwendig. Denn sie drängen uns dazu, die Grenzen des Wissbaren weiter auszuloten. Dies gilt auch für das Forschungsgebiet zwischen Naturwissenschaft und Religion bzw. Theologie. Die Naturwissenschaften erforschen die Materie in all ihren messbaren Aspekten bis hin zur lebenden Materie. Religion bzw. Theologie befassen sich mit der Frage nach Gott, mit Gottes Wirken in der Welt und den Beziehungen zwischen Gott, Mensch und Schöpfung. 

 

Das Hirn ganz erkennen

Philosophie und Theologie, aber auch naturwissenschaftliche Disziplinen wie Neuropsychologie, Neurobiologie und Neuroinformatik tasten sich in den Grenzbereich zwischen Materie und Geist vor1. An ihren Schnittstellen und in ihrem Kern stossen sie an die uralten Grundfragen: Was ist Materie? Was ist Geist? Was ist Leben? Ein aktuelles Gross-projekt, das dem menschlichen Bewusstsein auf die Spur kommen will, ist das «Human Brain Project» (HBP)2. Mittels eines Supercomputers soll das gesamte Wissen über das menschliche Hirn zusammengefasst und daraus die Funktion des Gehirns gewissermassen rechnerisch destilliert werden. Die Tageszeitungen berichteten darüber im Januar 2013, als Henry Marram an der ETH Lausanne dafür 1 Mia Euro zugesprochen bekam. 

Innerhalb der Neurowissenschaften wurde darüber diskutiert, was dieses Projekt effektiv leisten kann und wo seine Grenzen liegen. Für die einen ist es visionär, für andere grössenwahnsinnig. Dahinter steht das Ringen um den «richtigen» Ansatz in der Hirnforschung. Immerhin sind sich die Experten einig, dass unser Gehirn das komplexeste lebende Organ und seine Funktionsweise noch weitgehend unerforscht ist. 

 

Drei Möglichkeiten

Im alltäglichen Leben und in aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen gibt es grundsätzlich drei Möglichkeiten, mit Spannungen umzugehen: als Konflikt, mit getrennter Koexistenz und im Dialog. 

Das Konflikt- oder Konfrontationsmodell besagt, dass entweder das Eine oder das Andere richtig ist. Auf das HBP angewandt hiesse das, dass Computermodelle das menschliche Gehirn simulieren können – oder dass sie es eben nicht können. 

Das Kontrast- oder Koexistenzmodell ersetzt das «Entweder-oder» durch ein «Sowohl-als-auch». Beide Meinungen sind richtig, doch gehören sie unterschiedlichen Wissensgebieten (Domänen) an, die nichts mitei-
nander zu tun haben. Hier koexistieren zwei sich scheinbar widersprechende Sichtweisen «friedlich», aber voneinander isoliert. In Bezug auf das HBP sind zwar gewisse neue Einblicke, aber nicht eine vollständige Erklärung des menschlichen Gehirns zu erwarten. 

Dieses Modell war auch die klassische Lösung für den Konflikt zwischen Theologie und Naturwissenschaft seit der Renaissance und Aufklärung. Die Naturwissenschaften haben sich seither von der Kirchendogmatik befreit und die Kirche hat das Erforschen und Erklären der Natur vollständig den Naturwissenschaften überlassen. Nach diesem Modell sind beide Erkenntnisse in ihrem jeweiligen Kontext verstanden richtig: die Schöpfungsgeschichte der Bibel und der naturwissenschaftliche Befund, wonach sich der Planet Erde etwa 9 Mia Jahre nach dem sogenannten Urknall und 4,5 Mia Jahre vor der heutigen Zeit aus sich verdichtendem Staub gebildet hat, der um die Sonne kreiste. Mit diesem Modell ist das Eingeständnis verbunden, dass keine der beiden Aussagen «alles», d.h. die ganze Wahrheit, sondern nur Teilaspekte ausdrücken kann. 

Der dritte Weg, der Dialog, ist der anspruchvollste, auf lange Sicht aber auch der ergiebigste Ansatz. Hier versuchen zwei Wissensgebiete aufeinander zuzugehen, indem sie die Erkenntnisse ihres Gegenübers ernst nehmen und nach eigenen Massstäben hinterfragen und verwerten. Dabei verändert sich notwendig die eigene Sichtweise. Dieses Modell gewinnt in der heutigen Debatte zwischen Naturwissenschaft und Religion zunehmend an Bedeutung3. Man kann gespannt sein auf die Ergebnisse dieses Dialogs.

 

1   http://de.wikipedia.org/wiki/Neurowissenschaften 

www.humanbrainproject.eu 

http://de.wikipedia.org/wiki/Naturwissenschaft_und_Religion 

 

Konrad Zehnder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Schweizerischen Geo- technischen Kommission der ETH Zürich. 

konrad.zehnder@STOP-SPAM.erdw.ethz.ch  

www.sgtk.ch/kzehnder 

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