Philosophie

Die Würde des Menschen respektieren

Conrad Krausche Können wir es akzeptieren, dass in unserer Gesellschaft für einen grossen Teil der Menschheit der Zugang zu den für ein Leben in Würde notwendigen Ressourcen nicht gewährleistet ist? Als Christen müssen wir uns diese Frage ernsthaft stellen. Insbesondere ist auch zu
fragen, ob dies allenfalls ein Problem des gesellschaftlichen Systems an sich ist.

 

Ronald Dworkin nimmt in seinem Buch «Justice for Hedgehogs»1 das Thema auf und entwickelt zwei «Prinzipien der Würde». Erstens: «Dein Leben ist wichtig und du musst es erfolgreich leben.» Zweitens: «Du hast eine persönliche Verantwortung herauszufinden, wie dein Leben erfolgreich zu leben ist.» Die herrschende Moral verlangt von uns, dass wir diese Prinzipien auf alle übertragen. Christen können darauf antworten, dass unsere Würde da-

rauf gründet, dass wir von Gott geliebt sind. Sie müssen sich zugleich fragen, ob unsere Gesellschaft dieser Begründung und Forderung der menschlichen Würde gerecht wird.

 

Ohne Autonomie und Mitbeteiligung keine Würde

Für die Moraltheorie von Dworkin ist der Begriff der Autonomie zentral. Wir sind autonom, weil wir uns selbst zum Gesetz werden können, und wir tragen Verantwortung dafür, dass wir dies erfolgreich tun. Nur die Mitbeteiligung aller Menschen im Staat wird der menschlichen Würde gerecht. Nur wenn wir alle gemeinsam Autoren unseres Gesetzes sind, haben wir die Würde von allen respektiert. Entscheide unter Ausschluss anderer verletzt ihre Würde.

Dies wird in der Politik von demokratischen Staaten meistens respektiert. In der Wirtschaft einer kapitalistischen Gesellschaft wird dieser Grundsatz aber negiert. Insbesondere rechtsliberal denkende Menschen werden einwenden, dass nur eine kapitalistische Marktwirtschaft die Rechte des Menschen respektiere; ein umverteilender Staat hingegen verletze die Rechte – besonders die Besitzrechte – des Menschen und damit auch seine Würde.

Das grundlegende Recht ist aus rechtsliberaler Sicht das Recht auf Selbst-Besitz. Es besagt drei Dinge: Jeder Mensch besitzt sich selbst vollumfänglich; die Welt an sich ist vorerst im Besitz von niemandem; sie kann deshalb vom Menschen mit Hilfe seiner Arbeitskraft in Besitz genommen werden.

Christen müssen diese Sicht ablehnen, denn die Welt und die Menschen sind Gottes Besitz. Gott hat uns die Welt nur «geliehen» und uns beauftragt, zu ihr Sorge zu tragen. Vollumfängliche Besitzrechte geltend zu machen, wäre eine Auflehnung gegen Gottes Autorität. Wir sollen unsere Habe mit den Bedürftigen teilen, sagt die Bibel. Eine Vorstellung, die mit rechtsliberalen Gedanken nicht vereinbar ist.

 

Eine gerechtere Gesellschaft

Unsere globale kapitalistische Gesellschaft ist weit davon entfernt, die Teilhabe aller umzusetzen. Wenige entscheiden über das Schicksal von Vielen und verneinen so ihre Würde. Selbst demokratische Staaten erniedrigen sich zu Dienern von «global players» und hoffen, damit den volkswirtschaftlichen Wohlstand zu bewahren.

Aber das ist nicht unabänderlich, sondern nur ein Symptom unserer derzeitigen Gesellschaft: Durch die ungleiche Verteilung von Ressourcen auf dieser Welt wird ein Machtgefälle aufrecht erhalten, das die Würde der meisten Menschen verletzt.

Nur dann, wenn die Ressourcen der Welt von allen gemeinsam verwaltet werden und sich damit endlich alle ihre Autonomie gesichert haben, wird die Würde der Menschen respektiert. Doch das ist in einem System, welches das Recht auf Besitz zum höchsten Gut deklariert hat, unmöglich. Erst eine Abkehr vom Kapitalismus und eine Hinwendung zur gemeinsamen, demokratischen Verwaltung der lebensnotwendigen Ressourcen könnte dies bewerkstelligen. 

Mit andern Worten: Es gibt Alternativen zum Kapitalismus! Wagen wir also mehr Demokratie, mehr Teilhabe (Partizipation) aller und weniger Herrschaft von Wenigen in unserer Wirtschaft!

 

1  Dworkin, Ronald. «Justice for Hedgehogs». Cambridge (Massachusetts), 2011

 

Conrad Krausche studiert an der Uni Bern «Political and Econonomical Philosophy (PEP)» und engagiert sich in der Bibelgruppe für Studierende der VBG in Bern.

conrad@STOP-SPAM.krausche.org 

To top