Den Zeitgeist prägen

Christliche Hoffnung – eine Hoffnung für unsere Gesellschaft?

Interview: Fritz Imhof Können Christen in der aktuellen Si­tuation Veränderungen in der Gesellschaft bewirken? Wie könnten sie mehr bewegen? Fragen an den Basler Zukunftsforscher und Gesellschaftsanalytiker Andreas M. Walker.

Magazin INSIST: Hoffnung ist für Sie als Zukunftsforscher ein zentrales Thema. Weshalb gerade Hoffnung? Es gäbe ja genügend Grund für Zukunftspessimismus.
Andreas Walker: Tatsächlich wird mit Zukunftspessimismus viel Geld verdient und Politik gemacht. Ich habe selbst mit Risikostudien und Risikoprophylaxe Geld verdient. Auch in kirchlichen Kreisen waren Themen wie Endzeit und die damit verbundenen Katastrophen ein Erfolgsmodell für Veranstaltungen, Bücher und Bekehrungen. Viele Junge können das nicht nachvollziehen, aber die mittlere und ältere Generation unter den Christen ist von den endzeitlichen Vorstellungen des Kalten Krieges der 50er bis 80er Jahre noch stark geprägt. Innerhalb und ausserhalb der Kirchen wurde das Ende der Welt ganz konkret erwartet.

Es gibt dafür ja auch heute viele Gründe, zum Beispiel die CO2-Problematik.
Sie ist ein gutes Beispiel für das Geschäftsmodell «Zukunftsangst». Wenige sind in der Lage, diese Modelle wirklich nachzurechnen; ob sie stimmen, werden wir erst in Jahrzehnten wissen, und perfekte Massnahmen in der Schweiz wären ein Klacks, wenn wir damit die Situation in Indien oder China lösen wollten. Tatsache ist doch: Unsere Lebenserwartung, die medizinische Versorgung, das Konsumgüterangebot, all das war noch nie so gut wie heute. Noch nie ging es einer Generation in Mitteleuropa so gut. Und trotzdem erleben wir kaum Erntedankgottesdienste.

Und weshalb, denken Sie, sind diese Aspekte in den Medien kein Thema?
Erst in den letzten Jahren wurden Welt-Ratings etwa mit dem Glücksindikator oder dem Lebensqualitäts-Indikator sehr populär. Dies hat zur Folge, dass wir Schweizer erst jetzt langsam wahrnehmen, wie gut es uns geht. An dieser Stelle müssen wir die Logik der Medien diskutieren: Bad News, verbunden mit Alarmismus und Skandalisierung, generieren eine höhere Einschaltquote als Good News. Mit den Werten, die wir aus der Bildung, Wissenschaft oder Kirche kennen, hat das wenig zu tun. Durch Medien und Politik driften Wahrnehmung und Realität auseinander. Die dadurch vermittelten Welt- und Menschenbilder sind häufig diffus. Zum Beispiel im Bereich Familie: Noch nie gab es so viele Ehepaare, die ihre goldene Hochzeit feiern können, noch nie haben so viele Grosseltern ihre Enkel erlebt, 80% der Kinder werden in Familien geboren. Aber der Medien- und Politikstammtisch behauptet, dass Ehe und Familie untaugliche Modelle seien.

Sie erleben unter Christen viele Zukunftspessimisten.
Dies ist weniger ein Problem des Glaubens als des Menschentypus. Der Psychotherapeut Fritz Riemann beschreibt in seinem Buch «Die Grundformen der Angst» den Typus des «zwanghaften Typs», der Ordnung, Stabilität und Sicherheit sucht. Er will das Richtige kennen und sich brav verhalten. Für ihn ist jede Veränderung ein Risiko. Es liegt nahe, in welcher Art von Kirche sich dieser Menschentyp wohlfühlt und wie er seinen christlichen Glauben definiert. Daneben gibt es einen «hysterischen Typ». Er liebt Dynamik, Abwechslung und Vielfalt. Er hat aber Angst, sich verbindlich festzulegen. Ordnungen und Regeln, die er nicht selbst prägen und verändern kann, sind ihm zuwider. In welcher Spiritualitätsform sammeln sich diese Menschen? Um diesem Phänomen gerecht zu werden, brauchen wir mehr religionssoziologische und religionspsychologische Kenntnisse. Verschiedene Arten von Bildungs- und Sozial-Milieus generieren verschiedene Arten von Frömmigkeitsstilen, auch wenn die Beteiligten alle an denselben Christus glauben. Die Bibel liefert uns keine Schablone, sie präsentiert uns eine Vielfalt von Menschen aus unterschiedlichsten Milieus. Daher lassen sich viele aktuelle Fragen nicht so einfach mit Bibelzitaten beantworten. Die Bibel erzählt uns, wie Menschen aus unterschiedlichsten kulturellen und historischen Kontexten Gott gesucht haben. Der «zwanghafte Typ» sucht Sicherheit und absolute Antworten – und mit dieser Brille liest er auch die Bibel. Viele beschimpfen diesen Typ Christ als evangelikalen Fundamentalisten.

Was bedeutet das für die Rolle des Christentums in der Gesellschaft?

Viele Menschen dieses Typus haben in evangelikalen Freikirchen eine geistliche Heimat und Sicherheit gefunden. Die Kirche hat in den Kriegen, Nöten und Umbrüchen der letzten zwei Jahrtausende viel zum Überleben beigetragen: gerade in Zeiten von Hunger, Elend, Verfolgung und Sklaverei. Aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts leben wir – zumindest in unsern Breitengraden – in Wohlstand und Sicherheit. Können wir in dieser Lage in einem fröhlichen Erntedankfest zusammen feiern, für Früchte des Geistes wie Freude, Friede und Freundlichkeit danken und grosszügig sein? Können wir das alles dankbar als Segen annehmen – oder befürchten wir darin eine Falle des Teufels, da nur ein bedrängter Christ ein guter Christ ist? Wo ist unsere Theologie für den Umgang mit guten Lebenssituationen? Oder sind wir nur dann gute Christen, wenn wir das Schlechte bejammern und über Sünden, Scheidungsquoten und Suizide klagen?

Haben Sie Vorstellungen oder Kenntnis von Kirchen, die das besser machen?
Ich habe in der (Frei-)Kirchenlandschaft keine geistliche Heimat gefunden und kann das nicht beurteilen. Aber ein Blick in die Bibel und die Kirchengeschichte trösten mich, da ich hier viele Geschichten von Personen finde, die ebenfalls einen relativ einsamen Weg in ihrem Glauben und in ihren Aufgaben gegangen sind und nicht in einer Gemeinde integriert waren.

Wie leben Sie denn christliche Gemeinschaft?

Jesus hat gesagt: «Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Im Zent­rum stehen also Beziehungen und nicht Organisationen. Das beginnt im Kleinen in der eigenen Ehe und Familie. Und dank Globalisierung und Cyber Space pflege ich ein weltweites Netzwerk zu Christen in verschiedenen Konfessionen, Nationen und Kulturen.

Gab es für Sie ein Initialerlebnis, das dazu geführt hat, dass Sie sich heute derart für das Thema Hoffnung engagieren?
Im Rahmen meiner analytischen Arbeiten erkannte ich, wie gut es uns effektiv geht – und dass diese Tatsache in Kirche und Gesellschaft kaum ein Thema ist. Zwei Banken finanzieren seit über 30 Jahren ein Sorgenbarometer und ein Angstbarometer; beide Barometer nehmen politisch und medial viel Raum ein, werden aber kaum hinterfragt. Parallel dazu wurde ich in freikirchlichen Kreisen stark mit dem Phänomen der Endzeiterwartung konfrontiert. Als Akademiker hinterfragte ich diesen freikirchlichen Mainstream – und merkte, dass es in der Kirchengeschichte sehr unterschiedliche Schulen von Endzeitmodellen gibt. Als ich Co-Präsident von «swiss­future»1 wurde, wollte ich ein Zeichen gegen den Mainstream der Zukunftsangst setzen – gegen den in der Gesellschaft und den in der Kirche. Denn ich glaube an einen Gott des Lebens und will selbst auch leben – und nicht die kommenden Jahrzehnte mit einer imaginären Todesangst verbringen.
So entwickelte ich gemeinsam mit Freunden und Fachleuten das Hoffnungsbarometer. Quasi als Antithese zum Sorgenbarometer und zum apokalyptischen Denken. Er wurde zu einer Herausforderung für den theologischen Mainstream vieler Freikirchen in den vergangenen Jahrzehnten.

Sie plädieren dafür, dass Christen im Zeichen der Hoffnung an der Veränderung der Gesellschaft arbeiten sollen. Ist das angesichts der Minoritätssituation der Christen realistisch?
Wir sind uns alle einig, dass einige wenige Terroristen oder einzelne Diktatoren grosses Unheil über viele Menschen bringen können. Warum fordern wir immer zuerst eine Mehrheit, um Gutes zu wagen? In meinen Analysen der Bibel und der Kirchengeschichte entdecke ich wieder und wieder, dass nicht Verzagtheit und Angst, sondern Mut und Zuversicht die biblischen Kernbotschaften sind.

Können Sie das erläutern?
Wenn wir über den Begriff Hoffnung reden, müssen wir beachten, dass dies ein mehrdeutiger Begriff ist. Oft wird Hoffnung als Haltung missverstanden, bei der die Hände in den Schoss gelegt und geduldig darauf gewartet wird, bis Gott letztlich alles richten wird. Mein Verständnis von Hoffnung liegt im Spannungsfeld von «Ora et Labora». Also in der Balance von Beten und Arbeiten. Im Christentum erzeugen Gottvertrauen und Eigenverantwortung ein fruchtbares Wechselspiel.

Eine Hoffnung, die mit der Tat verbunden ist?
Ja, Hoffnung ist von der Überzeugung geleitet, dass es Sinn macht, sich für Ziele und für das Gute zu engagieren. Hoffnung ist nicht ein passives Träumen, sie ermutigt zum Handeln. Wobei für mich als Intellektueller meine Tatwerkzeuge dann häufig Analysen und Argumente, Artikel und Vorträge sind.

Viele Christen engagieren sich in der Politik oder in sozialen und diakonischen Initiativen. Erfüllen sie damit nicht auch diese Kriterien?
Doch, aber leider wissen wir nicht, wie viele Christen es wirklich sind. Wir treffen hier auf das Problem der widersprüchlichen Wahrnehmungen und der fehlenden sauberen Analysen. Beim Blick in die Medien erkenne ich eher das «Feindbild Kirche» als das positive Image von kirchlichen Wohltätern und Segensbringern. Im Hoffnungsbarometer fragten wir nach den funktionellen Hoffnungsträgern – Prediger und Priester landeten auf dem letzten Platz, noch hinter Managern und Bankern. Zwar glauben Christen in eigener Sache gerne daran, dass sie für den Sozialstaat und die Diakonie sehr wichtig seien – in den Freikirchen wurden in den letzten Jahren aber kaum soziologische und volkswirtschaftliche Analysen geleistet, um das zu beweisen. Hier ist es wichtig, sich für kompetente Analysen zu öffnen und Fachkompetenz in eigener Sache aufzubauen – neben den zahlreichen Instituten, an denen Theologie studiert werden kann. In vielen Kirchen besteht eine destruktive Konkurrenz zwischen der Theologie und den anderen Geistes- und Sozialwissenschaften. Ich kenne in meinem Umfeld viel Engagement von Christen in der Politik, im Sozialbereich, im Umweltbereich etc., die sich von ihrer Kirche nicht verstanden fühlen. Letztlich geht es um die Frage: Fürchten wir voller apokalyptischer Zukunftsangst, dass die Welt sowieso vergeht, oder glauben wir, dass Gott die Menschen segnen will – auch durch Christen? Gerade Evangelikale haben häufig einen zu starken Fokus auf «das Wort» – dabei sind Beziehungen in Ehe, Familie und Freundeskreis, die Sorge um die Umwelt als Gottes Schöpfung, das soziale und politische Engagement für Arme und Verfolgte Facetten des gleichen Evangeliums.

Was müsste aus Ihrer Sicht konkret geschehen?
Hören wir auf, über Weltende und Weltverbesserung zu theoretisieren und beginnen wir mit einem konkreten Aspekt. Das Hoffnungsbarometer zeigt, wie zentral die Bedeutung von gesunden Beziehungen ist. Lassen Sie uns in Beziehungen investieren. Ganz konkret mit unserem Nächsten. Und strategisch, indem wir Zeit, Herzblut und Ressourcen investieren, um nachhaltige und anerkannte Kompetenzzentren für Ehe und Familie aufzubauen.

Was ist die theologische Konsequenz daraus?
Wir sollten weniger jäten und dafür mehr säen, düngen und bewässern. Wir haben eine grosse Fertigkeit im Erkennen und Ausreissen von sündigem Unkraut entwickelt, dabei hat bereits Jesus seine Jünger gewarnt, dass der übereifrige Kampf gegen das Unkraut auch das Getreide gefährdet. Im Gesundheitsbereich findet aktuell ein Wandel von der Pathologie zur Salutogenese statt. Es geht nicht mehr nur darum, die Krankheit zu bekämpfen, sondern die Gesundheit zu ermöglichen und zu fördern. Vielleicht sollten wir weniger Kraft aufwenden, um die Werke des Fleisches zu bekämpfen, sondern mehr Glaube, Zeit und Fantasie zum Anlegen von Gärten aufwenden, in denen die Früchte des Heiligen Geistes wachsen können.

1 Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung: www.sagw.ch

 

Dr. Andreas Walker, 48, verheiratet, vier Kinder, wohnt in Basel. Er beschäftigt sich seit seinem Studium als Geograf und Historiker mit der strategischen Früherkennung von zukünftigen Veränderungen. Als Co-Präsident von swissfuture, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung, und als Gründer und Leiter des Think Tanks «weiterdenken.ch» begründete er 2009 die Hoffnungsforschung in der Schweiz.

To top