Theologie des Zeitgeistes

Der Zeitgeistund der Heilige Geist

Stefan Schweyer Die wichtigste Lektion gleich vorneweg: Angst ist im Umgang mit dem Zeitgeist ein schlechter Ratgeber. Wer Angst hat, scheut die Auseinandersetzung, zieht sich zurück oder schwimmt gedankenlos im Strom mit. Der Heilige Geist befreit von dieser Angst. Er befähigt zu einem gelassenen Umgang mit dem Zeitgeist. Der Heilige Geist macht Mut zu beidem: Mut, die Chancen des Zeitgeistes zu packen und Mut, dort dem Zeitgeist zu widerstehen, wo das nötig ist.

 

Grundsätzliches zum «Zeitgeist»

Zeitgeist
Das Wort «Zeitgeist» ist noch jung, man benutzt es seit rund 250 Jahren. «Zeitgeist» ist die Gesamtheit von Denkmustern, Idealen, Werten und Befindlichkeiten einer bestimmten Epoche, durch die sie sich von anderen Epochen unterscheidet1. Auch wenn das Wort «Zeitgeist» in der Bibel nicht vorkommt, kann man die damit gemeinte Sache in der Bibel untersuchen und kann danach fragen, wie die Gläubigen auf den Geist ihrer Zeit reagiert haben. Um die richtige Spur zu finden, lohnt es sich, beim biblischen Zeitbegriff anzusetzen.

Zeit
Das Griechische kennt zwei Begriffe für Zeit: chronos und kairos. Chronos ist die regelmässig ablaufende Zeit, die wir in Sekunden, Minuten, Stunden etc. unterteilen und mit einem «Chronometer» – einer Uhr – messen können. Wir können geschichtliche Ereignisse – auch unser eigenes Leben – «chronologisch» beschreiben, das heisst nach der Logik des chronos, also in der Reihenfolge der Ereignisse.
Kairos dagegen meint einen bestimmten Augenblick, eine Zeitspanne mit ganz bestimmten Eigenschaften. Wenn es um den Zeitgeist geht, geht es also nicht um chronos, sondern um kairos. Es geht dann nicht um eine «chronologische» Beschreibung unserer Zeit, sondern um eine «kairologische» – das heisst, um eine Beschreibung nach der Logik des kairos, die deutlich macht, wie die Stimmung und die Atmosphäre ist, die unsere Zeit ausmacht.
In der Bibel ist der kairos nicht nur eine innerweltliche Angelegenheit, sondern auch die Zeit göttlichen Handelns. «Als sich aber der kairos erfüllt hatte, sandte Gott seinen Sohn, zur Welt2.» Deshalb gilt: «Jetzt ist er da, der ersehnte kairos, jetzt ist er da, der Tag der Rettung3.» Der göttliche kairos ist die Zeit, in der Gott sein Heil schenkt. Daneben gibt es aber auch Unheilszeiten, ja sogar den «bestimmten kairos», in welchem der Widersacher Gottes offenbar werden soll4.

Zeitgeist und Heiliger Geist
Es gab in der Geschichte immer wieder Ansätze, den Zeitgeist und den Heiligen Geist gleichzusetzen. Die Zeit selber wird dann zu Gott: «Ich glaube an die Zeit, die allmächtige Schöpferin Himmels und der Erde» – so steht es im «Glaubensbekenntnis» des deutschen Schriftstellers Karl Gutzkow5 von 1835. Mit dieser Gleichsetzung wird die Macht des Bösen und der Sünde total unterschätzt. Alle Entwicklungen werden als göttliche Entwicklungen gedeutet. Nach dem letzten Jahrhundert mit den beiden Weltkriegen und den grossen Leidenserfahrungen unter ideologistischen Regimes wird heute niemand mehr ernsthaft behaupten können, dass der Heilige Geist und der Zeitgeist identisch seien. Vielmehr gilt: Der Geist Gottes unterscheidet sich vom «Geist der Welt»6. Den Zeitgeist darf man nicht vergöttlichen und auch nicht anbeten. Von daher darf man vom Zeitgeist auch nicht erwarten, was nur Gott allein geben kann – nämlich das Heil.
Genauso darf man den kairos aber auch nicht verteufeln, als sei der Zeitgeist das grosse Schreckgespenst, vor dem sich die Christen verstecken und gegen das sie sich wehren müssten. Der Zeitgeist ist nicht an sich negativ oder positiv, er ist zwiespältig: «Er kann harmlos als Mode daherkommen oder weit weniger harmlos als tödliche Geistesströmung. Der Abschied von einem alten Zeitgeist kann Befreiung bedeuten, aber auch Verlust. Ein Zeitgeist kann Begeisterung und Abscheu auslösen7.»
Der Heilige Geist und der Zeitgeist stehen in einem spannungsvollen Verhältnis. Der Heilige Geist verwehrt es, dass man sich einfach vom Zeitgeist treiben lässt – das wäre eine Anpassung an das «Schema der Welt»8. Gleichzeitig ist der göttliche kairos auch nicht vom Zeitgeist komplett getrennt. Vielmehr wirkt der Heilige Geist in und mit der Zeit, in der wir leben.

Geisterunterscheidung
Wenn der Zeitgeist weder an sich negativ noch positiv ist, dann braucht es die «Unterscheidung der Geister»9, um die «Zeichen der Zeit»10 zu verstehen. Es ist der Heilige Geist selber, der diese Gabe der Geisterunterscheidung der christlichen Gemeinde schenkt11. Vom Heiligen Geist geführte Menschen werden daher weder den Zeitgeist absolut setzen noch ihm entfliehen, sie können mit dem Zeitgeist locker umgehen: «So lebt der Christ in der Zeit, frei gegenüber der Zeit, frei in der Zeit12.»

Die Chance des Zeitgeistes packen
In der angstfreien Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist wird deutlich, wo in unserer Zeit der göttliche kairos liegt, den es zu nutzen gilt. «Kauft die Zeit (den kairos) aus»13 – das heisst nicht: Packe möglichst viele Aktivitäten in einen 24-Stunden Tag – das wäre Chronologie. Hier geht es nicht um die Logik des chronos, sondern um die Logik des kairos, also um «Kairologie»: Erkenne die Zeit, in der du lebst, und nutze sie. Lass die Chancen, die deine Zeit prägen, nicht ungenutzt vorbeistreichen.

Kairologie: Wie wir mit dem Zeitgeist umgehen sollen
Paulus kommt während seiner zweiten Missionsreise nach Athen, einer Metropole mit einer langen philosophischen und religiösen Tradition. Was bei seinem Aufenthalt geschieht, lässt sich als Musterbeispiel für eine christliche Kairologie verstehen.

Den kairos wahrnehmen
«Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer anschaute, fand ich auch einen Altar, auf dem geschrieben stand: Dem unbekannten Gott14.» Paulus geht mit offenen Augen durch die Stadt. Er nimmt wahr, was geschieht. Er ist dort, wo das Leben der Menschen sich abspielt. Er spricht mit den Menschen: «In der Synagoge sprach er mit den Juden und den Gottesfürchtigen, und auf dem Marktplatz unterhielt er sich täglich mit den Vorübergehenden15.» Paulus erkennt in dem, was er wahrnimmt, eine religiöse Suchbewegung. Deshalb spricht er von den Athenern als Menschen, die «besonders fromm» sind16.
Das können wir von Paulus lernen: Seine erste Begegnung mit Athen ist geprägt von Aktivitäten wie «umhergehen», «anschauen», «sich unterhalten». Das heisst: Wache Sinne haben für das, was in unserer Zeit geschieht. Was bewegt die Menschen? Was treibt sie an? Auf welche Mächte vertrauen sie? Was beten sie an? Wo suchen sie nach Sinn? Davon erfahren wir etwas, wenn wir mit den Menschen um uns herum sprechen – gerade mit solchen, die wir noch nicht kennen und die ihr Leben ganz anders gestalten als wir selber. Dieses Kennenlernen geschieht mitten im Leben, beim Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft. Wer mit offenen Ohren und Augen das gesellschaftliche Leben wahrnimmt – im Supermarkt, im Kino, in der Fussballarena, an 1.-August-Feiern, an politischen Gemeindeversammlungen, im Quartierverein, in den wirtschaftlichen Zentren, bei Kunstausstellungen und Gewerbemessen, bei der Zeitungs- und Romanlektüre oder wo auch immer es sich ergibt – wird spüren und erahnen, woher der Zeitgeist weht. Was sicher ist: Wer den kairos wahrnehmen will, muss über den Gartenzaun des Eigenheims und über die Mauern der eigenen Gemeinde hinausschauen.

Den kairos beurteilen
«Paulus packte die Wut beim Anblick der zahllosen Götterbilder, die es da in der Stadt gab17.» Paulus ist innerlich erregt. Was er wahrnimmt, lässt ihn nicht kalt. Denn nach allem, was er für richtig hält, sind die Athener auf dem falschen Weg. Paulus beurteilt, was er sieht, anhand der Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Von diesem Massstab her lassen sich die Geister unterscheiden.
Für die Geisterunterscheidung ist es entscheidend wichtig, diesen Massstab, also das Evangelium, Jesus Christus und den Heiligen Geist, gut zu kennen. Diese Kenntnis ist ohne intensive Lektüre der Bibel und ohne Pflege der Zwiesprache mit Gott und mit andern Christen nicht zu gewinnen. Die Auseinandersetzung mit klassischen Glaubensbekenntnissen hilft, eine klare Vorstellung davon zu gewinnen, was den christlichen Glauben ausmacht18.
Ebenfalls hilfreich ist ein weiter geschichtlicher Horizont. Was für unsere Zeit prägend ist, kann ich nicht erkennen, wenn ich nur in dieser Zeit verhaftet bin. Wie hätte Paulus mit den Athenern sprechen können, ohne eine Ahnung von den philosophischen und religiösen Konzepten der Vergangenheit und Gegenwart? Die Kenntnis der geistesgeschichtlichen Entwicklung unseres Kontinents, die Lektüre epochaler Werke aus früheren Zeiten und der Kontakt mit fremden Kulturen helfen uns, das Spezifische der eigenen Zeit besser zu erkennen.
Die Beurteilung des Zeitgeistes führt bei Paulus dazu, mitten in all den Götterbildern eine Sehnsucht nach dem wahren Gott zu erkennen: «Was ihr da verehrt, ohne es zu kennen, das verkündige ich euch19.»

Den kairos nutzen
«Der Gott, der die Welt geschaffen hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind20.» Paulus erzählt, wer dieser Gott ist. Dabei verwendet er eine für seine Zuhörer verständliche Sprache. Er nutzt den kairos, der sich ihm bietet und knüpft in seiner Predigt an die religiöse Sehnsucht seiner Zeitgenossen an.
Solche Gelegenheiten bieten sich auch heute. Wer den Zeitgeist wahrnimmt und beurteilt, wird die Sehnsüchte unserer Zeitgenossen erkennen. So kann zum Beispiel der vordergründige Materialismus transparent werden für die zugrundeliegende Suche nach Erfüllung und Sinn. Wer solche Chancen erkennt, muss daher nicht den Zeitgeist geisseln, sondern kann kreativ und mutig an die Sehnsüchte, Freuden, Sorgen und Ängste unserer Mitmenschen anknüpfen. Es ist der Heilige Geist, der uns befähigt, auf eine verständliche Art und Weise von Gott zu reden. Wo immer das geschieht, bleiben wir nicht beim Zeitgeist stehen, sondern weisen darüber hinaus auf den Schöpfer von Himmel und Erde.

Den kairos provozieren
«Doch über die Zeiten der Unwissenheit sieht Gott nun hinweg und ruft jetzt alle Menschen überall auf Erden zur Umkehr. Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, indem er ihn vor allen Menschen beglaubigte durch die Auferstehung von den Toten21.» Der Bezug auf die Auferstehung von den Toten – das war schon damals eine Provokation. Sie löst sofort Reaktionen aus: Einige spotten, andere sind interessiert, wieder andere kommen zum Glauben.
Mit der Auferstehung ist der innerste Kern des christlichen Glaubens berührt. Es gibt keinen Zeitgeist, der dadurch nicht provoziert wird. Das galt damals im jüdischen und im heidnischen Umfeld, das gilt in einer modernen und in einer postmodernen Gesellschaft. Wenn Gott seinen Sohn von den Toten auferweckt hat, dann sprengt das alle zeitgeistigen Strömungen. Dann muss jeder Mensch zur Umkehr gerufen werden. Dann kann aber auch jeder Mensch eine neue Hoffnung gewinnen und erkennen, dass Gott noch nicht am Ende ist und dass er mit ihm, mit seiner Kirche und mit dieser Welt ans Ziel kommen wird.
Deshalb ist diese Botschaft auch heute angesagt: Keine Angst, Jesus Christus ist von den Toten auferstanden, er ist der Herr! Für uns heisst das: Wir können auch in unserer Zeit angstfrei leben. Wir können mit grosser Offenheit wahrnehmen, wie die Zeit tickt, in der wir leben. Wir können mit der Gegenwart seines Geistes rechnen und die Chancen packen, die sich uns bieten. Deshalb kann es nicht nur darum gehen, bei einer allgemeinen Gottesrede stehen zu bleiben; es gilt, konkret zu verkünden, dass da einer lebt, der von den Toten auferstanden ist.

1 Kühne-Bertram, Art. Zeitgeist, Metzler Philosophie Lexikon, 1999,
679–680
2 Gal 4,4
3 2 Kor 6,2
4 2 Thess 2,2-6
5 zitiert nach Thomas Würtenberger, Zeitgeist und Recht, Tübingen: Mohr, 1987, 81
6 1 Kor 2,12
7 Michael Herbst, Zeit. Geist. Zeitgeist … neue Herausforderungen in Psychotherapie und Seelsorge, in: Theologische Beiträge 45, 2014, 138–159, hier: 141
8 Röm 12,1
9 1 Kor 12,10
10 Mt 16,3
11 Ulrich H. J. Körtner, Zeitgeist statt Heiliger Geist? Wege zwischen Verdrängung und Verlotterung, in: Theologische Beiträge 30, 1999, 151–165, hier: 152
12 Gerhard Ebeling, Heiliger Geist und Zeitgeist. Identität und Wandel in der Kirchengeschichte, in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 87, 1990, 185–205, hier: 204
13 Eph 5,16; Kol 4,5
14 Apg 17,23a
15 Apg 17,17
16 Apg 17,22
17 Apg 17,16
18 Vgl. dazu Stefan Schweyer, Gesunder Glaube. Nahrhafte Impulse zum Apostolischen Glaubensbekenntnis, Riehen: arteMedia, 2013
19 Apg 17,23b
20 Apg 17,24
21 Apg 17,30–31

 

Dr. Stefan Schweyer ist mit Begeisterung Christ, Ehemann, Vater und Theologe.
Als Dozent für Praktische Theologie an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH Basel) ist es ihm wichtig, die Aussagen der Bibel mit den Chancen
und Herausforderungen der Gegenwart zu verknüpfen.

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