Ein Prophet des Zeitgeistes

Nietzsche als Diagnostiker unserer Zeit1

Felix Ruther Schlägt man irgendein theologisches oder philosophisches Buch der heutigen Zeit auf, findet man Nietzsches2 Namen fast überall. Ohne Auseinandersetzung mit seinen Gedanken kommt heute kein Buch mehr aus, das sich auch nur im Entferntesten mit dem Zeitgeist oder der so genannten «Postmoderne» befasst. Als einer der am meisten zitierten Denker aller Zeiten verkündet Nietzsche mit Schaudern den Tod Gottes und damit die «Heraufkunft des Nihilismus». Der Literat Gottfried Benn sah in ihm «das grösste Ausstrahlungsphänomen der Geistesgeschichte».

 

Nietzsches Ausstrahlung rührt zum einen von seiner ungeheuren Sprachgewalt, die vielleicht nur noch mit der von Martin Luther zu vergleichen ist. Zudem bieten sich seine Texte mit ihren kurzen aphoristischen Gedanken geradezu zum Zitieren an. Er ist sich dessen wohl auch bewusst: «Eine gute Sentenz ist zu hart für den Zahn der Zeit und wird von allen Jahrtausenden nicht aufgezehrt, obwohl sie jeder Zeit zur Nahrung dient3.» Damit kann er aber auch leicht für eigene Ideen vereinnahmt werden. Das ist u.a. durch die Nazis geschehen, die Nietzsches Vorstellung vom Übermenschentum für sich vereinnahmt haben. Obwohl Nietzsche nie ein Nazi war, hat er durch sein Denken dennoch eine kulturelle Lage gefördert, ohne die Faschismus und Nationalsozialismus nicht hätten entstehen können. Denn Denken, das öffentlich gemacht wird, bleibt nie ohne Wirkung. 

Vor oder nach Nietzsche

Von Nietzsche geht eine intellektuelle Sprengkraft aus, die bestehende Wertvorstellungen und die gewohnten Formen des Philosophierens bis heute erschüttert. Vor allem gilt er als der schärfste Kritiker und Zertrümmerer des Christentums. Er verfluchte es und gab sich selber den Titel des Antichristen. In prophetischer Weitsicht schrieb er: «Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen, – an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissenskollision, an eine Entscheidung, he­raufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit4.» Sich in einer ähnlichen Rolle wie Christus wähnend, glaubte er, die Geschichte werde nach ihm in eine neue Phase treten. Die Zeitrechnung heisse dann: vor oder nach Nietzsche – nicht mehr vor oder nach Christus. 
Nicht zuletzt gewann Nietzsche seine Bedeutung durch die Tiefe seiner Voraussagen künftiger Entwicklungen, in deren Zentrum die «Heraufkunft des Nihilismus» steht, das prägende Denkmuster unserer heutigen Zeit. Nietzsche prophezeite den Untergang des Sozialismus, die europäische Einigung, die Zunahme der Privatisierung, das Aufkommen buddhistischer Ansichten im müde gewordenen christlichen Abendland und vieles mehr. In den kurzen Jahren seines Schaffens von 1872 (als 18-Jähriger) bis 1889 (Beginn der geistigen Umnachtung) dachte Nietzsche das voraus, was heute Wirklichkeit geworden ist. So sind wir heute definitiv ins Zeitalter von Nietzsche eingetreten.

Das antichristliche Zeitalter
Nietzsche, dem sich aufgrund seiner Krankheit und Sensibilität die Dunkelheiten der künftigen Welt schneller und tiefer erschlossen haben als seinen Zeitgenossen, diagnostiziert und prognostiziert – zunächst für Europa – ein Bewusstsein, das ohne «Glauben an den christlichen Gott» auszukommen gedenkt. Hundert Jahre später hat der vorausgesagte Autoritäts- und Sinnverlust des tradierten Gottesglaubens die meisten Menschen Europas erreicht. Am Gottesglauben könne man nur noch wider besseren Wissens festhalten, sagt Nietzsche: «Es gibt Tage, wo mich ein Gefühl heimsucht, schwärzer als die schwärzeste Melancholie – die Menschenverachtung. Und damit ich keinen Zweifel darüber lasse, was ich verachte, wen ich verachte: Der Mensch von heute ist es. Jedermann weiss, dass es keinen Gott mehr gibt, keinen Sünder, keinen Erlöser, dass freier Wille, sittliche Weltordnung Lügen sind: Der Ernst des Geistes erlaubt niemandem mehr, hierüber nichts zu wissen. Was für eine Missgeburt von Falschheit muss der moderne Mensch sein, dass er sich trotzdem nicht schämt, Christ noch zu heissen5.»
Die erwähnten Begriffe «Gott, freier Wille, sittliche Weltordnung» sind ein Verweis auf Kant. Für Kant war klar, dass die Freiheit des Menschen und die Unsterblichkeit der Seele sich logisch zwingend aus der Überzeugung jedes Menschen ergeben, eigentlich gut sein zu sollen. Denn wer sollte sicherstellen, dass der unsterblichen Seele irgendwann Gerechtigkeit widerfahre, wenn nicht Gott? Das innewohnende moralische Gesetz zu befolgen wäre nach Kant unsinnig, wenn man nicht von der Freiheit, der Unsterblichkeit der Seele und von der Existenz Gottes ausgehen würde. Doch diese Entscheidung Kants, Gott sozusagen zum Untermieter seiner Moralphilosophie zu machen, führte dazu, dass das Christentum ganz wesentlich zu einer moralischen Veranstaltung verkam. Wird aber das Wesen des Christentums nur noch im Kontext des Ethischen bestimmt, dann verliert es sein Zentrum: das erlösende Heilshandeln Gottes am Menschen. Wenn man das Zentrum herausbricht, dann verkommt das Christentum zur reinen Morallehre, es wird zum Opium für die Schwachen. Gerade hier setzt Nietzsche mit seiner Kritik an. Moral sei an die Stelle der christlichen Substanz getreten. Zudem sei dort, wo letztlich durch die «aktiven Menschen» über das Schicksal der Welt entschieden werde, das Christentum nicht mehr präsent. Das Christentum stelle sich nicht mehr der Wirklichkeit und diene nur noch als Narkotikum jener Resignierten, die an der Gestaltung der Welt nicht mehr partizipierten6. «Die Unbefriedigten müssen etwas haben, an das sie ihr Herz hängen: z.B. Gott7.» Und wer die Welt und das Leben negiert und entwertet, der muss sich ans Jenseits klammern. Das Christentum sei zur Krücke verkommen, für jene, die nicht auf ihren eigenen Beinen zu stehen vermögen.
 
Der sehende Narr
In seinem berühmtesten Aphorismus8 vom tollen Menschen, einem der folgenreichsten Texte der modernen Literatur, legt Nietzsche einem Narren, der als Gottsucher auftritt, den Satz in den Mund: «Gott ist tot.» Die he­rumstehenden, oberflächlichen Atheisten verlachen den Narren nur. Sie verstehen gar nicht, was es bedeutet, keinen Gott mehr zu haben. Sie halten es einfach nicht aus, bewusst wahrzunehmen, was der Tod Gottes für Folgen hat.
Das ist auch heute nicht anders. Man geht fröhlich-indifferent über diese Frage hinweg. Nietzsche sieht klar. Sein Atheismus ist konsequent, und hält den heutigen Salon­atheisten einen unerbittlichen Spiegel vor: «Wohin ist Gott? rief er (der tolle Mensch); ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder. Aber wie haben wir dies gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? ... »

Die fehlende Ordnung

Die Sonne ist ein Bild für das Göttliche9, das durch sein Licht alles Erkennen erst möglich macht. C.S. Lewis meinte auf die Frage, was er von Glauben habe: «Ich glaube an Christus, so wie ich glaube, dass die Sonne aufgegangen ist, nicht nur, weil ich sie sehe, sondern weil ich durch sie alles andere sehen kann10.» Die «Sonne» Gott bringt Licht in die Welt, macht sie erkennbar, und das heisst letztlich: Die Sonne macht die Welt beziehbar auf den Menschen, der sie nun als von Gott geordnet durchschauen kann – als Kosmos und nicht mehr als Chaos. Nietzsche verkündet die Unbegründetheit von jeglichem Geborgenheitswissen in einem geordneten Kosmos: «Du wirst niemals mehr beten, niemals mehr in endlosem Vertrauen ausruhen – du versagst es dir, vor einer letzten Weisheit, letzten Güte, letzten Macht stehenzubleiben und deine Gedanken abzuschirren – du hast keinen fortwährenden Wächter und Freund für deine sieben Einsamkeiten – du lebst ohne den Ausblick auf ein Gebirge, das Schnee auf dem Haupte und Glut in seinem Herzen trägt, – es gibt für dich keinen Vergelter, keinen Verbesserer letzter Hand mehr, – es gibt keine Vernunft in dem mehr, was geschieht, keine Liebe, in dem, was dir geschehen wird, – deinem Herzen steht keine Ruhestatt mehr offen, wo es nur zu finden und nicht mehr zu suchen hat, – du wehrst dich gegen irgendeinen letzten Frieden: Mensch der Entsagung, in alledem wirst du entsagen? Wer wird dir die Kraft dazu geben? Noch hatte niemand die Kraft11!»
Die Loskettung der Erde von der Sonne muss daher zwangsläufig in eine völlige Orientierungslosigkeit führen. Ohne Sonne ist kein Erkennen mehr möglich, damit wird auch die Frage nach der Wahrheit obsolet. Was bleibt, ist das pure Nichts – der Nihilismus. Der tolle Mensch formuliert die Alternative: entweder Gott oder die Leere; entweder Gott oder die Kälte, die Bedeutungslosigkeit, die Wahrheitslosigkeit. Die Abwesenheit Gottes konsequent zu Ende gedacht bedeutet: «Untergang des Menschen in dem Sinne, dass sie (die Abwesenheit Gottes) alles, worin wir seit je das Wesen des Menschseins gesehen haben, zunichte macht oder seines Sinnes beraubt: das Streben nach Wahrheit, die Unterscheidung zwischen Gut und Böse, den Anspruch auf Würde, den Anspruch darauf, etwas zu schaffen, das der gleichgültigen Destruktivität der Zeit widersteht12.» Wenn man diese Analyse liest, steigt doch die Frage auf, ob wir nun nicht vollends ins Zeitalter Nietzsches eingetreten sind, der gesagt hat: «Ich beschreibe, was kommt: die Heraufkunft des Nihilismus13.»
Der Gottesmord
Der tolle Mensch fährt fort: «Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder! Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unsern Messern verblutet, – wer wischt dies Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnefeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser Tat zu gross für uns? Müssen wir nicht selbst zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen?»
Der Gottesmord steht schon im Zentrum des Neuen Testamentes. Auch für Nietzsche ist der Tod Gottes – eigentlich die Abwesenheit Gottes im Leben der Menschen – nicht das Ergebnis eines Prozesses oder einer Entwicklung, sondern eine Tat der Menschen. Mit dem Verlust von Gott im Leben der Menschen gibt es kein Oben und Unten mehr. Es gibt kein objektives Mass mehr. Es gibt nichts mehr, was heilig ist. Alles wird beliebig und manipulierbar.
Nun taucht das grosse Problem der Menschheit auf: Wie trösten wir uns? Wie sollen wir noch leben, wenn Gott aus unserem Leben verschwunden ist? Was tritt an die Stelle des getöteten Gottes? Es gibt eigentlich nur die Alternative: zurück zu Gott – Umkehr, oder wir selber müssen den Platz Gottes einnehmen. Wir selber – oder die Mächtigen – müssen Sinn erfinden, Wahrheit bestimmen, Werte definieren, Erlösung schaffen ... Hier liegt die eigentliche Ursache unseres heute vorherrschenden Pluralismus. Und «heilige Spiele» haben wir ja schon. Das Leben in der westlichen Welt ist zur fröhlichen Party verkommen.

Die Ursache der Probleme

Am Schluss wirft der tolle Mensch seine Laterne zu Boden und sagt: «Ich komme zu früh, ich bin noch nicht an der Zeit.» Das Ereignis vom Tode Gottes ist noch nicht an die Ohren der heutigen Menschen gekommen. Noch immer glaubt man, dass die Lösung unserer Fragen und Probleme nur bei uns selber liegen würde. Unsere Kultur ahnt noch nicht, was der eigentliche Grund unseres Wahrheitsverlustes, der Ungeborgenheit in der Welt, der Relativität aller Werte, der Orientierungsunsicherheit unserer Zeit ... ist. Nietzsche hat dies alles in einer Klarheit ohnegleichen gesehen.

1  Der Antichrist, S. 38
2  Morgenröte, S. 85,86
3  Nachgelassene Fragmente, Herbst 1881, KSA, 9, S. 591
4  Die fröhliche Wissenschaft, S. 125 (vgl. http://www.nietzschesource.org/#eKGWB/FW)
5  Der Antichrist, S. 38
6  Morgenröte, S. 85,86
7  Nachgelassene Fragmente, Herbst 1881, KSA, 9, S. 591
8  Die fröhliche Wissenschaft, S. 125 (vgl.
http://www.nietzschesource.org/#eKGWB/FW)

9  Vgl. Platon, Politeia, S. 508 d-e
10 C.S. Lewis, Ist Theologie Dichtung?, in: Das Gewicht der Herrlichkeit und andere Essays
11  Die fröhliche Wissenschaft, 4. Buch, S. 285 Excelsior!
12 L. Kolakowski, Falls es keinen Gott gibt, dt. München 1982, S. 200
13 Nachgelassene Fragmente, NF-1887, S. 11 (119)

 

Felix Ruther ist Studienleiter der VBG und Präsident von INSIST
felix.ruther@STOP-SPAM.insist.ch

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